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Denkmal des Monats

Februar: Besticktes Leinentuch, St. Sylvestrikirche, Wernigerode

Auf dem querrechteckigen Leinentuch von 94 mal 151 Zentimeter Größe sind, umschlossen von einer den gesamten Rand begleitenden Inschriftenleiste, zwei von ihrem kompositorischen Aufbau her recht unterschiedliche Darstellungen angeordnet (Abb. 1). Die linke Szene zeigt einen Innenraum, wie die rahmenden Architekturelemente andeuten. Abgebildet ist das im Neuen Testament überlieferte Gastmahl im Haus des Pharisäers Simon (Lukas 7,36–50). Dieser sitzt hinter einer gedeckten Tafel, bekleidet mit einem Tasselmantel und einer runden Mütze, um die ein Tuch gelegt ist. Zu seiner Linken haben eine Frau mit modischem Gebende und eine junge Frau, deren blonde Zöpfe offen herabhängen, Platz genommen. An der Stirnseite des Tisches wurde auf einem verzierten Stuhl der Ehrengast Jesus platziert, kenntlich am Kreuznimbus und der im Segensgestus erhobenen rechten Hand. Vor Jesus am Boden ausgestreckt liegt die Gestalt der Sünderin, die als Ausdruck ihrer Reue die Füße des Herrn mit ihren Tränen wäscht, mit ihrem Haar trocknet und schließlich salbt. Von Jesus erfährt sie daraufhin vollkommene Vergebung. Seine Segensworte »Vade in pace« (Geh in Frieden! – Lukas 7,50) sind in dem senkrecht über ihrem Kopf angeordneten Spruchband zu lesen.

Bereits in der Spätantike verschmolz die Frau im Haus des Pharisäers mit der Person der Maria Magdalena, die im Mittelalter zur Gestalt der bußfertigen Sünderin schlechthin und damit zum Vorbild des reuigen Menschen avancierte und große Verehrung genoss.

Innerhalb der Magdalenengeschichte markiert die Begebenheit der Fußsalbung beim Gastmahl des Simon den Wendepunkt im Leben der Sünderin hin zur Reue und letztendlich zur Heiligung durch die Vergebung ihrer Sünden. Höchste Auszeichnung und Ausdruck der Magdalena widerfahrenen göttlichen Gnade ist ihre auf dem zweiten Bildfeld des Tuches dargestellte Begegnung mit Christus am Ostermorgen: Die einstige Sünderin (nun mit Heiligenschein) darf den mit den Wundmalen und der Siegesfahne ausgewiesenen Auferstandenen als Erste erblicken (Johannes 20,14–17) (Abb. 2). Abweichend vom Evangelientext, in dem Christus die Frau mit den Worten »Noli me tangere« (Halte mich nicht fest – Johannes 20,17) anredet, zeigt das Spruchband auf dem Tuch hier eine Wiederholung der Aussage »Vade in Pace« der Gastmahlszene. Damit wird die inhaltliche Verbindung beider Motive deutlich.
Dem zentralen Thema der Reue und Vergebung sind auch die zwei Inschriften im Rahmen gewidmet. Übersetzt lauten sie: »Von dem Pharisäer eingeladen, durch Marias Speisen gesättigt, vergibst du viel der, die viel geliebt hat. Erkennet den brennenden Schmerz derjenigen, die sich nicht schämt, während des Gastmahls zu weinen.«
Seinem Format zufolge war das Tuch wohl für einen hängenden Gebrauch vorgesehen. Vielleicht schmückte es einen (Magdalenen-)Altar.
Die Qualität der Linienführung lässt darauf schließen, dass für die Vorzeichnung ein geübter Maler am Werk war, der der aktuellen, unter anderem von byzantinischen Einflüssen geprägten Stilentwicklung folgte. Parallelen sind sowohl in der spärlich überlieferten Monumentalmalerei als vor allem auch in der Buchmalerei des 2. Viertels beziehungsweise des mittleren 13. Jahrhunderts im Harzvorland zu erkennen. Bei der textilen Umsetzung des Entwurfs wurden zunächst die Vorzeichnungen mit dunklen Stickfäden überstickt. Anschließend füllte man die Binnenfelder mit Leinengarn in Flachstich: die Inkarnate flächig glatt, die übrigen Bereiche in verschiedenen geometrischen Mustern geordnet. Hervorzuhebende Partien, wie zum Beispiel Haare, Zierelemente oder die Inschriften in den Szenen, wurden mit farbiger Seide und anderen Sticharten sowie Durchbrucharbeit akzentuiert.
In dieser Sticktechnik stimmt das Magdalenentuch bis in Details mit einer heute im Kloster St. Marienberg in Helmstedt aufbewahrten Altardecke überein, deren Herstellung anhand von Stifterfiguren relativ sicher im Kloster Heiningen zu lokalisieren ist. Das nahe Wolfenbüttel gelegene Augustiner-Chorfrauenstift war berühmt für seine Stickereien. Es wäre demnach durchaus möglich, dass auch das Magdalenentuch in Heiningen entstand. In jedem Fall darf das Tuch den Rang der frühesten, dazu einer hochqualitätvollen, vollständig erhaltenen niedersächsischen Weißstickerei beanspruchen.


Text: Barbara Pregla
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

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