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Denkmal des Monats

November 2018: Stuckgrabplatten, ehemalige Stiftskirche St. Servatius, Quedlinburg

Im deutschsprachigen Raum haben sich die ältesten repräsentativen bildplastischen Darstellungen von Äbtissinnen in den frühen Grabmälern der Quedlinburger Stiftskirche erhalten. Die aus Hochbrandgips hergestellten Stuckplastiken sollen frühe Vorsteherinnen des 936 nach dem Tode König Heinrichs I. von seiner Gemahlin Mathilde eingerichteten reichsunmittelbaren Kanonissenstiftes darstellen (Abb. 1). Gemeint sind die Äbtissin Adelheid I. (gestorben 1043), eine Tochter Ottos II. und Theophanus, sowie deren direkte Nachfolgerinnen Beatrix I. (gestorben 1061) und Adelheid II. (gestorben 1096), beide Töchter des salischen Kaisers Heinrichs III. Die drei Stuckplatten bilden formal eine Einheit, wobei das Grabmal Adelheids I. durch eine reichere Gestaltung hervorgehoben wird. Die in Muldennischen als Hochrelief angelegten frontalen und streng stilisierten Figuren sind im Chorhabit der Kanonissen gekleidet und halten Bücher in ihren Händen. Die Darstellungen werden von einem umlaufenden Schriftband und drei verschiedenen Rahmenornamenten eingefasst. Die Majuskelinschriften vermerken jeweils am unteren Rand den Namen und Todestag der verstorbenen Äbtissin und an den seitlichen und oberen Rändern einen Psalmvers, der auf die Vergänglichkeit des Menschen hinweist. Es fällt auf, dass weder der Rang der vornehmen Verstorbenen noch deren Erlösungshoffnung angesprochen werden. Die Grabplatten wurden vermutlich im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts geschaffen. Sie stehen heute kunsthistorisch singulär da.

Allerdings sind Bezüge sowohl zur Buchmalerei als auch zu zwei anderen Arbeiten aus Hochbrandgips aufzuzeigen. Zu diesen gehören ornamentale Stuckfragmente, die sekundär in der Abschrankung des südlichen Querhauses der Quedlinburger Stiftskirche vermauert sind und vielleicht eine heute verlorene Chorabschrankung verziert haben.
Die Grabplatten wurden erst 1907 an ihrem heutigen Standort an der südlichen Kryptenwand aufgestellt (Abb. 2). Vermutlich waren sie ursprünglich als wenig über den Kirchenboden erhabene flache Tumben vor dem Kreuzaltar des 1129 geweihten und noch erhaltenen Kirchenbaus angeordnet.
Die Quedlinburger Äbtissinnengrabplatten sind prominente Beispiele für das bedeutende Kunstschaffen im Harzraum. In dieser Region mit reichem natürlichem Gipsvorkommen hat sich bis auf den heutigen Tag eine einzigartige Fülle an Stuckarbeiten aus dem 9. bis 13. Jahrhundert erhalten, die sich durch ein auffallend breites Spektrum an Material- und Bearbeitungstechniken auszeichnet. Dabei brachten handwerkliches und künstlerisches Können der unbekannten Meister einige Spitzenwerke mittelalterlicher Plastik hervor, die selbst im europäischen Vergeich herausragen.
 

Text: Elisabeth Rüber-Schütte
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

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