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Fund des Monats

Schuhreste aus Jerichow

Schuhe gehören schon seit Jahrtausenden zur persönlichen Ausrüstung der Menschen. Allerdings gibt es nicht für alle Zeiten entsprechende Überreste von Schuhen. Zu den ältesten erhaltenen Schuhen gehören die von »Ötzi« vom Ende der Steinzeit. Aufgrund der Vergänglichkeit des organischen Materials, aus denen Schuhe bestehen, gehören sie nicht zum normalen Fundspektrum in der Archäologie. Nur unter speziellen Bedingungen bleiben sie über lange Zeit im Boden erhalten. In sehr dichten Sedimenten mit einem hohen Gehalt an organischen Zersetzungsprodukten und bei leicht saurem pH-Wert können Schuhe aus Leder über Jahrtausende erhalten bleiben. Deshalb gibt es zum Beispiel aus Mooren einige wenige erhaltene Lederschuhe. Gute Erhaltungsbedingungen gibt es für Leder zum Beispiel auch in mittelalterlichen Siedlungsschichten in feuchten Niederungen. Mittelalterliche Lederreste sind daher entgegen der Regel relativ oft anzutreffen. Aus der Neuzeit sind Lederfunde wieder seltener. Die wenigen Sachzeugen neuzeitlicher Schuhmode bekamen nun Verstärkung aus Jerichow, wo bei Ausgrabungen Schuhreste des 19. Jahrhunderts gefunden wurden.
Ihr Erhaltungszustand war sehr unterschiedlich. Meist war das Leder stark mineralisiert, insbesondere die Kontamination mit Eisen scheint sehr hoch. Die Ursache hierfür sind unter anderem Eisennägel, die als Teil der Sohlenkonstruktion dienten und die im leicht sauren Bodenmilieu schnell rosten.
Oberlederteile sind im Vergleich zu den vorhandenen Sohlenkonstruktionen unter den geborgenen Funden sehr dürftig vertreten. Es gibt den Rest eines Seitenteils (›Quartier‹), das in einer Lasche (›Spange‹) zum Verschluss des Schuhs ausläuft (Abb. 1).
Diese modische Spielart des Schuhverschlusses erscheint als ›Spangenschuh‹ am Ende des 16. Jahrhunderts und hat im 17. bis 18. Jahrhundert seine Blütezeit. Im 19. und 20. Jahrhundert gibt es neben dem Spangenschuh vor allem geknöpfte und geschnürte Verschlüsse. Mit der Einführung des Klettverschlusses genießt der Spangenschuh heute wieder eine steigende Beliebtheit.
Als weiterer Oberlederrest ist das Vorderteil eines anderen Schuhs erhalten. Zu dieser Gruppe gehören neben dem Oberleder auch noch Futterleder und Rahmen. Das Oberleder ist mit Ziernähten, Punzierungen und ausgestanzten Ornamenten verziert. Alle diese Schmuckelemente sind seit dem Mittelalter belegt. Die Quergliederung und das separate Vorderblatt sind aber vor allem Modeerscheinungen des 19. Jahrhunderts (Abb. 2). Ganz ähnliche Vorderkappen werden auch heute noch gern verarbeitet (Abb. 3).

Das zum Oberleder gehörige Futterleder ist in diesem Fall auch noch erhalten (Abb. 4). Spezielle Futterleder in Schuhen sind im Wesentlichen auch eine Erfindung der Neuzeit. Sie lagen direkt am Fuß an und mussten deshalb besonders weich sein. Auch ein Teil der zugehörigen Rahmenkonstruktion ist erhalten (Abb. 5).
Der Rahmen ist ein wichtiges konstruktives Teil des Schuhs. Er ist die Weiterentwicklung eines Lederstreifens, der im ausgehenden Mittelalter zum Schutz der Sohlennaht eingenäht wurde. Dass man diesen Streifen auch nutzen konnte, um bei Bedarf Sohlenflicken anzunähen, war ein willkommener Nebeneffekt. Später nutzte man ihn, um gleich bei der Herstellung des Schuhs die gesamte Sohlenkonstruktion anzubringen (Abb. 6 bis 8). Dies hatte den großen Vorteil, dass bei dieser Fertigungstechnik der Schuh nicht mehr gewendet werden musste, was der Gestaltung der Sohlenkonstruktion ganz neue Möglichkeiten eröffnete.
Von einer anderen Stelle der Grabung sind ebenfalls Teile dieses konstruktiv wichtigsten Bereiches des Schuhs erhalten. Es handelt sich um die Abfolge Rahmen - Streifen (›Keder‹) - Sohle.

Dieser Übergangsbereich von Oberleder zur Sohlenkonstruktion unterlag im sonst sehr konservativen Handwerk des Schuhmachers einer Entwicklung. Um Unterschiede zu erkennen, muss man sich die bedeutendste Bearbeitungsspur des Schuhmachers im Leder, die Nahteinstiche, genau ansehen. Bei den vorliegenden Fragmenten muss man zudem die Besonderheiten der Absatzbefestigung berücksichtigen. Der Streifen (oder auch ›Keder‹, oben Mitte) dient zum Ausgleich von Unebenheiten und vergrößert die Auflagefläche des Absatzes. Er ist die Ebene, in der die Absatznaht beginnt. Der als Rahmen bezeichnete Teil ist eigentlich mehr eine Hilfskonstruktion, um entstehende Nähte zu verdecken. Die Einstiche der Nähte zum Oberleder und zum Streifen kreuzen sich und sind deshalb im jeweiligen Zwischenraum angebracht (Abb. 9).
Der Abstand der Einstiche beträgt 6,5 bis 7 Millimeter und entspricht damit recht genau dem metrischen Schuhmachermaß ›Pariser Stich‹ (zwei Drittel eines Zentimeters, entspricht circa. 6,7 Millimeter), das sich von Frankreich ausgehend im 19. Jahrhundert zunehmend durchsetzte. Er ist bis heute das bestimmende Maß bei der Angabe der Schuhgröße auf dem europäischen Festland.
Die Absätze machen mit 13 Stück den Hauptanteil der vorliegenden Schuhreste aus Jerichow aus.
Absätze sind eine vergleichsweise späte Entwicklung der Schuhmode. In Europa beginnt man erst im 16. Jahrhundert mit der Produktion von Absatzschuhen. Da er ein Zeichen von Wohlstand und Adel war, wurde er durch die Französische Revolution wieder abgeschafft. Im beginnenden 19. Jahrhundert kam der Absatz dann langsam wieder in Mode. Höhere Absätze sind seit dem Ende des 19. Jahrhunderts den Damenschuhen vorbehalten.
Die Absätze der Grabung Jerichow bestehen aus vielen Lederschichten. Ein besonders schönes Exemplar ist circa 4,5 Zentimeter hoch besteht aus mehr als 20 Lagen (Abb. 10 bis 12).

Die Abbildung 11 zeigt die Oberseite des Absatzes. Am Rand sieht man die Einstiche des Nahtverlaufs der Absatznaht. In der Mitte links befindet sich ein Eisenstift und rechts daneben ein Holzstift.
Die Unterseite ist stark abgenutzt (Abb. 12). Hier sind noch weitere Holzstifte zu sehen, die neben größerem Zusammenhalt auch die Abriebfestigkeit erhöhen sollten. Einstiche des Nahtverlaufs fehlen jedoch. Die untersten Lagen waren nämlich nur mit Stiften am Absatz befestigt. Dies schützte zum einen die Naht und zum anderen ließen sich die unteren Schichten des Absatzes so besser erneuern.
Es gibt unter den Objekten auch eine vollständig erhaltene Sohlenkonstruktion (Abb. 13). Auf der Unterseite dieses Fragments sind eine Reihe Holzstifte zu sehen, die besonders belastete Sohlenbereiche vor Abnutzung schützen sollten (Abb. 14).
Es gibt unter den Funden aber auch einzelne Schuhteile, die durch ihre Fertigungstechnik vergleichsweise altertümlich erscheinen. Dazu gehören eine Schuhsohle und das zugehörige Oberlederfragment (Abb. 15, 16). Beide besitzen Merkmale des im Mittelalter üblichen wendegenähten Schuhs. Dabei wurden Sohle und Oberleder linksherum zusammengenäht und hinterher gewendet. Für diese Art Schuhe musste das Sohlenleder weicher sein. Die Wendenähtechnik hielt sich für spezielle Schuhe bis ins 19. Jahrhundert. Zum  Beispiel. wurden Tanzschuhe auf diese Art und Weise hergestellt.
Oberlederreste mit vergleichsweise modern anmutenden Bearbeitungsspuren finden sich auch unter den Funden (Abb. 17, 18).
Das Oberleder war weiß gefärbt (Abb. 17). Die Stichreihen der Nähte verlaufen sehr gleichmäßig, so dass man meint, sie sind mit Maschinen genäht worden.
Auch die Sohlenkonstruktion unterscheidet sich vom anderen Fundmaterial. Oberleder und Sohle waren rahmenlos durch eine doppelte Reihe Holzstifte verbunden.

Im 19. Jahrhundert begann auch in der Schuhherstellung die Industrialisierung. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Schuhe zunehmend maschinell gefertigt. Eventuell sind obige Oberlederreste Teile eines frühen industriell gefertigten Schuhs.

Bei den Schuhresten aus Jerichow sind vor allem Teile der Sohlenkonstruktion, insbesondere Absätze, im Fundmaterial vertreten. Interessante Beobachtungsmöglichkeiten ergeben sich für den Übergang vom Schuhoberteil zur Sohle. Die vorliegende Rahmenkonstruktion lässt sich gut zwischen Erscheinungsformen des doppelt genähten Rahmenschuhs des 17. Jahrhunderts und heute einordnen.
Darüber hinaus sind auch einfache Konstruktionsvarianten zu beobachten, die neben dem stabilen Rahmenschuh belegt sind. Letztlich sind auch Zeugnisse früher industrieller Schuhproduktion im Fundspektrum vertreten, das somit einen repräsentativen Querschnitt der Schuhproduktion im 19. Jahrhundert bietet.


Text: Heiko Breuer
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

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