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Fund des Monats

November: Schuhreste an der Grenze zur Neuzeit

Schuhmacher gehören zu den Handwerkern, die bis zum Beginn der Industrialisierung ihr Handwerk nach jahrhundertealter Tradition ausübten. Auch bei wechselnder Mode blieb die Art und Weise, wie die Schuhmacher Oberleder und Sohle miteinander verbanden, immer gleich – bis auf eine Ausnahme. Es gibt einen wenige Jahrzehnte dauernden gravierenden Einschnitt, durch den die Herstellungstechnologie der Schuhe in eine mittelalterliche und eine neuzeitliche Tradition eingeteilt werden kann.

Schuhe wurden bis gegen Ende des Mittelalters in Wendenähtechnik angefertigt. Das heißt, die Einzelteile des Schuhs wurden auf einen Leisten gespannt, zusammengenäht und dann gewendet – daher das geflügelte Wort: »Umgedreht wird ein Schuh draus«. Deshalb durfte die Sohle auch nicht zu steif sein, weil man sonst den Schuh nicht mehr wenden konnte. Eine Schwachstelle dieser Konstruktion war die Sohlennaht.

Obwohl sie nach innen gekehrt war, wurde sie durch die Abnutzung als erstes geschädigt. Deshalb ging man schon im 13. Jahrhundert dazu über, diesen Bereich durch einen Lederstreifen zu schützen, der zwischen Sohle und Oberleder eingenäht wurde. Um 1500 entwickelte sich von diesem Streifen ausgehend der rahmengenähte Schuh. Diese Idee revolutionierte die Fertigungstechnik der Schuhe und die Gestaltungsmöglichkeiten der Schuhsohle, da die Schuhe nach dem Zusammennähen der Einzelteile nicht mehr gewendet werden mussten. Dabei verlief die Entwicklung vom wendegenähten Schuh zum Rahmenschuh über Zwischenstufen, deren Fertigung nur für kurze Zeiträume üblich war (Abb. 1).

Von der Übergangsform mit einer zweiten an dem Streifen angenähten Sohle (Abb. 1 & 2) kannte man bisher aus Sachsen-Anhalt noch kein erhaltenes Beispiel aus einem archäologischen Kontext. Diese Lücke wurde dieser Tage geschlossen, als bei Ausgrabungen in Mansfeld, Landkreis Mansfeld-Südharz, in der Kellerverfüllung des Hauses Lutherstraße 26 einige Schuhreste geborgen werden konnten. Die Lutherstraße 26 ist eine besondere Adresse in der Stadt Mansfeld. Allgemein ist dieses Haus als »Luthers Elternhaus« bekannt. Das Gebäude wurde Ende 2007 von der Stadt Mansfeld erworben, um hier Funde aus der Kindheit Martin Luthers präsentieren zu können. Wegen dazu nötiger Umbauarbeiten fanden in Abstimmung mit der Stadtverwaltung in den Kellerräumen des Hauses vom Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege Sachsen-Anhalt Untersuchungen statt, die die Baugeschichte des Hauses genauer klären sollten.

Ursprünglich sollte ein Zugang zu einem gangförmigen Tiefenkeller zwischen der Lutherstr. 24 und 26 erkundet werden. Dieser Zugang war vermauert; der zweite Zugang von der Lutherstraße 24 ist in privater Hand. Nachdem die Vermauerung fast vollständig entfernt war, wurde festgestellt, dass die Mauern des in die Tiefe führenden Gewölbeganges auf beiden Seiten weitestgehend unterhöhlt waren. Zudem versperrte hinter einem mit Material des 19. Jahrhunderts locker gefüllten Raum eine weitere Mauer den Weg. Aufgrund dieser großen statischen Probleme musste die Grabung an dieser Stelle sofort abgebrochen werden. Die abgetragene Mauer wurde durch eine moderne Mauer schnellstmöglich ersetzt.
In der restlichen für die Erforschung vorgesehenen Zeit wurden drei Suchschnitte in den übrigen Kellerräumen gelegt. Der dritte Schnitt brachte eine kleine Sensation zutage. Unter dem heutigen Kellerraum wurde ein an den Innenseiten gemessener circa 2,40 Meter mal 2,50 Meter großer, an drei Seiten in Bruchmauertechnik errichteter Kellerraum entdeckt. Die Mauern waren bis in eine Höhe von circa ein Metererhalten geblieben. Dieser Keller wurde in Richtung Osten bis zu 2,50 Meter erweitert, indem man den Löss weiter aushöhlte (Abb. 2). Innerhalb der Mauern wurde der Keller wahrscheinlich um bis zu einem Meter unterhalb deren unterste Lage abgetieft. Die Kellertiefe wurde mittels Bohrungen und einer kleinen Sondage nachgewiesen.

Dieser Kellerraum wurde vor der Errichtung der heute noch darüber erhaltenen Kellergewölbe in mehreren teilweise sehr signifikanten Lagen zugeschüttet. Neben humosen und sehr lösshaltigen Auffüllungen waren dies Schichten mit unterschiedlichen Abbruchmaterialien wie unglasierte Ofenkacheln oder Dachziegel. Die oberste Auffüllschicht war sehr locker und hatte einen hohen Anteil an Kupferschlacke (Abb. 3). Diese Schicht erwies sich als sehr fundreich. Neben Tierknochen unterschiedlichster Art, diverser innen glasierter Irdenware, Metallfunden, darunter Nestelhülsen und Münzen, wurden in einem Bereich mehrere Lederreste geborgen, darunter auch mehrere Fragmente des hier beschriebenen Lederschuhes, die schnellstmöglich zur Restaurierung nach Halle gebracht wurden.

Nach der vorläufigen Sichtung der Funde am Ende der Grabung kann man den Zeitpunkt der Verfüllung des Kellers, aufgrund des direkten Vergleiches mit den Funden aus der im Jahre 2003 entdeckten Grube, durch Analogien der glasierten Ofenkacheln mit Funden aus Leipzig sowie wegen des Fehlens der sogenannte »Mahlhornware«, in das 2. Drittel des 16. Jahrhunderts datieren.
Bekannt ist, dass Martin Luthers Vater Hans Luder 1530 starb. Etwa ab dieser Zeit dürfte Luthers Bruder Jakob das Haus in Mansfeld und die Bergbaugeschäfte des Vaters übernommen haben. Martin Luther selbst wohnte während dieser Zeit schon lange in Wittenberg. Der gefundene Schuhrest dürfte demnach in die Zeit gehören, in der Luthers Bruder Jakob das Mansfelder Elternhaus bewohnte.

So bruchstückhaft die erhaltenen Lederreste auch sind (Abb. 4), kann man doch typische Charakteristika der Übergangsform (Abb. 1 & 2) erkennen. Dazu gehört in erster Linie der Randstreifen, aber auch die Reste einer Innen- und einer Außensohle.
Zum besseren Verständnis sollen in der Umzeichnung der Lederreste den verschiedenen Schuhteilen Farben zugeordnet werden (Abb. 5), die in einer schematischen Sprengzeichnung der Schuhkonstruktion wiederkehrt (Abb. 6).
Neben diesen technischen Besonderheiten der Schuhreste, die sie in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts datieren, findet man auch noch weitere Besonderheiten, die für diese Zeit charakteristisch sind. Zum Beispiel durchläuft die Sohlenform von einer betonten Dreigliedrigkeit im Spätmittelalter und Frühbarock eine Sonderform mit weit ausladendem Zehenbereich (Abb. 7).

Die Sohlenform nimmt Bezug auf den für die Renaissance so typischen Kuhmaulschuh, dessen Spitze eben nicht spitz sondern breit ausladend war. Er war meist flach gehalten und bedeckte nur Zehen und Ferse. Verschlossen wurde er in der Regel mit einem Riemen über dem Spann, der durch eine Schnalle geführt wurde.
Eventuell sah der Mansfelder Schuh so aus wie ein Schuh der gleichen Zeit aus Groningen, dessen Erscheinungsbild typisch für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts ist (Abb. 8).


Text: Ines Vahlhaus, Heiko Breuer
Online-Redaktion: Norma Literski, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

Olaf Goubitz, Carol van Driel-Murray, Willy Groenman-van Waateringe, Stepping through Time. Archaeological Footwear from Prehistoric Times until 1800. Stichting Promotie Archeologie, Zwolle, 2001.

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