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Fund des Monats

Möckern, Ortsteil Stegelitz: Das reichste Inventar der Einzelgrabkultur im Lande

Im Vorfeld der Errichtung von neun neuen Windkraftanlagen am Westhang des Stegelitzer Berges südlich des Möckerner Ortsteils Stegelitz (Landkreis Jerichower Land) fand in der Zeit vom September bis Dezember 2008 eine baubegleitende Ausgrabung statt, die reiche Befunde des Endneolithikums, der Bronzezeit und der Römischen Kaiserzeit erbrachte.

Der bemerkenswerteste Befund kam unter der Trasse einer Baustraße zum Vorschein. Hier musste die Grabungsmannschaft deswegen einschreiten, weil auf einem kurzen Abschnitt der Baggerabtrag weit über das vereinbarte Maß vorgenommen worden war, wodurch zwei Befunde angeschnitten wurden. Bei dem einen handelte es sich um eine größere kaiserzeitliche Grube mit reichem Fundmaterial, darunter 15 Kilogramm Bruchstücke von Rennofenschlacke. 17 Meter südlich davon zeichnete sich eine ovale Verfärbung mit einer Länge von gut zwei Meter ab. Sie barg ein Hockergrab der Einzelgrabkultur (Abb. 1 bis 2).
Der Tote, den Waffenbeigaben nach zu urteilen wohl ein erwachsener Mann, lag auf der rechten Seite mit dem Kopf im Südwesten und Blickrichtung nach Südosten. Das Skelett war relativ gut erhalten, nur die Handknochen wurden nicht mehr in situ angetroffen.
Gut zehn Zentimeter oberhalb der Grabsohle wurde am Kopfende der Grube ein schlanker, geschweifter Becher mit Schnurverzierung im zerscherbten Zustand angetroffen (Abb. 3).

Er konnte vom Restaurator Heiko Breuer in der Werkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt wieder zusammengesetzt werden. Das Gefäß ist 21 Zentimeter hoch, der Randdurchmesser beträgt 17,1 Zentimeter und der Bodendurchmesser 7,2 Zentimeter. Es weist einen Trichterrand mit einer dichten Abfolge von horizontalen Schnureindrücken auf, die auf der Schulter einen Abschluss durch ein Band von Rechteckeindrücken findet. In der Nähe des Schädels lagen auf der Sohle der Grube außerdem eine zehn Zentimeter lange Feuersteinklinge, ein dünnblattiges Flint-Rechteckbeil von 13,3 Zenitmeter Länge, das wegen seiner schiefen Schneide zu den Querbeilen zu zählen ist, und eine recht plumpe Felsgesteinaxt von 12,5 Zentimeter Länge. Die Ausstattung des Grabes, insbesondere der schnurverzierte Becher, ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier eine Bestattung des schnurkeramischen Kreises erfasst worden ist, der nach neuesten Radiocarbon-Daten in Mitteldeutschland in den Zeitraum zwischen circa 2750 und circa 2050 vor Christus zu weisen ist. Der nördliche Zweig der Schnurkeramik wird traditionell als Einzelgrabkultur bezeichnet. Auch das Stegelitzer Grab ist dieser Kulturerscheinung zuzurechnen, wenngleich es an der südlichen Peripherie des Verbreitungsgebietes gelegen ist und damit in direkter Nachbarschaft zur klassischen Schnurkeramik, deren erste Fundstellen schon 25 Kilometer weiter südlich zu finden sind.

Das Stegelitzer Grabinventar entspricht einer überdurchschnittlich ausgestatteten Bestattung der Einzelgrabkultur, die in Skandinavien nach ihrer typischen Beigabe auch Streitaxtkultur benannt wird. Die Axt aus Amphibolit (Abb. 5) passt allerdings zu keiner der bekannten Streitaxttypen dieser Kultur. Mit ihrem Gewicht von 550 Gramm war sie trotz ihrer gedrungenen Form eine gefährliche Waffe und wohl auch ein wichtiges Arbeitsgerät.

Ihre Besitzer haben vielfach von ihr Gebrauch gemacht. Davon zeugen Narben an Nacken und Schneide, sie musste sogar nachgeschliffen werden, wodurch sie verkürzt wurde und ihre symmetrische Gestalt verlor. Typenmäßig ist sie als gedrungene, rundnackige Axt anzusprechen. Solche Äxte waren im späten Jungneolithikum bei mehreren Kulturen verbreitet, unter anderem auch bei der Trichterbecherkultur des Mittelelbegebietes. In das Grab ist sie offensichtlich aber als Antiquität mit aktuellen Gebrauchswert gelangt, denn deren Zeitstellung (circa 4100 bis 3500 vor Christus nach Johannes Müller) ist nicht mit der der übrigen Beigaben zu vereinen. Seit 2005 liegt mit der Dissertation von Eva Hübner eine umfassende Analyse der Grabinventare aus der jütischen Halbinsel, einer der Kernlandschaften der Einzelgrabkultur, vor. Der Becher (Form A2a [mit Motivgruppe 2]), das dünnblattige Flint-Rechteckbeil (Typ 2A2, Abb. 4) und die lange Klinge (Var. C1 [ohne End- oder Lateralretusche], Abb. 6) sind nach Hübner alle in einen frühen Abschnitt der älteren Einzelgrabkultur einzuordnen. Wahrscheinlich ist das Grab damit um 2700 bis 2600 vor Christus zu datieren, nach Hübner sogar hundert Jahre früher.
Das Stegelitzer Grab datiert nicht nur besonders früh, sondern stellt auch das reichste Inventar der Einzelgrabkultur dar, das bisher in Sachsen-Anhalt entdeckt worden ist (den Abstand zu den übrigen Fundensembles lehrt schon ein Blick in die Zusammenstellung von Jonas Beran aus dem Jahre 1990). Zu der herausragenden Ausstattung (über die zweifellos vorhandenen Beigaben aus vergänglichem Material lässt sich natürlich nur spekulieren) gehörte auch ein aufwendiger Grabbau. Das Grab war sicherlich überhügelt, ein Kreisgraben ließ sich unter den schwierigen Bedingungen der Bergung nicht nachweisen, zeichnet sich aber im Luftbildatlas von Google Earth als Halbrund ab. Als Außendurchmesser konnten circa 16,25 Meter und als Innendurchmesser circa 13,35 Meter abgelesen werden, womit sich eine Grabenbreite von knapp 1,5 Meter ergäbe.

Bietet dies eigentlich schon Grund genug, das Grab an dieser Stelle als Fund des Monats vorzustellen, so hat es noch weiteres forschungsgeschichtliches Potential zu bieten: Aus der Grabgrubenverfüllung wurde nämlich eine größere Anzahl an Keramik und weiteren Funden geborgen. Registriert wurden 17 Randscherben (davon eine verziert), 235 Wandscherben (davon 20 verziert und drei mit Wulstauflagen), zwei Bodenscherben, vier Feuersteinabschläge und sechs Hüttenlehmstücke (Abb. 7). Die verzierten Scherben konnten vorläufig überwiegend der Schönfelder Kultur zugewiesen werden, schnurverzierte Scherben waren nur in wenigen Stücken vertreten. Aufgrund des großen Fragmentierungsgrades ist die Keramik nicht als Beigabe zu werten oder auf während der Bestattungsfeierlichkeiten zerschlagene Gefäße zurückzuführen. Es dürfte sich vielmehr um eine ältere oder eher zeitgenössische Siedlungsablagerung handeln, die mit in die Grabgrube geraten ist. Damit ist die Existenz der Schönfelder Kultur schon für die Anfangsphase der Einzelgrabkultur nachgewiesen. Eine gründliche Analyse der Scherben verspricht noch weitere Ergebnisse. Außerdem sind eine Radiocarbon-Datierung und DNA-Untersuchung des Toten geplant.


Text: Uwe Fiedler
Online-Redaktion: Steffen Sauer, Norma Literski, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

H.-J. Beier / R. Einicke (Hrsg.), Das Neolithikum im Mittelelbe-Saale-Gebiet und in der Altmark. Beitr. Ur- u. Frühgesch. Mitteleuropas 4 (Wilkau-Hasslau 1994) bes. 229 ff. (Schnurkeramik), 243 ff. (Schönfelder Kultur) u. 257 ff. (Einzelgrabkultur).

J. Beran, Funde der Einzelgrabkultur im Bezirk Magdeburg. Neolithische Stud. 4 = Wiss. Beitr. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1990/6 (L 21) (Halle 1990).

J. Beran, Streitäxte der Trichterbecherkultur im Mittelelbegebiet. In: H.-J. Beier / J. Beran (Hrsg.), Selecta Praehistorica. Festschrift für Joachim Preuss. Beitr. Ur- u. Frühgesch. Mitteleuropas 7 (Wilkau-Hasslau 1995) 29-54, bes. Abb. 5 (Axt).

E. Hübner, Jungneolithische Gräber auf der Jütischen Halbinsel. Typologische und chronologische Studien zu Einzelgrabkultur. Nordiske Fortidsminder Ser. B 24 (København 2005) bes. 176 f., 180 f. u. 184-187 (Becher); 346-348 u. 368 (Beil); 411 u. 416 f. (Klinge); 637-644 (Ausstattung) u. 660-667 (absolute Datierung).

J. Müller, Radiokarbonchronologie – Keramiktechnologie – Osteologie – Anthropologie – Raumanalysen. Beiträge zum Neolithikum und zur Frühbronzezeit im Mittelelbe-Saale-Gebiet. Ber. RGK 80, 1999, 25-212, bes. 65-67 u. 71-74 (absolute Datierung).

J. Müller, Soziochronologische Studien zum Jung- und Spätneolithikum im Mittelelbe-Saale-Gebiet (4100-2700 v. Chr.). Vorgesch. Forsch. 21 (Rahden/Westf. 2001) bes. 267 u. 399 (Axt).

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