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Fund des Monats

Januar: Ein Netz auf der Landschaft

Das Rätsel der bronze- und eisenzeitlichen Grubenreihen (pit alignments) und Landgräben

Seit in den östlichen Bundesländern eine gezielte archäologische Luftbildprospektion möglich geworden ist, wurden auch bis dahin noch weitgehend unbekannte großräumige Siedlungs- und Gräberfeldstrukturen bekannt. Eine ganz besondere Gruppe von Befunden wurde in hoher Anzahl sichtbar. Es handelte sich um viele hundert Meter lange Reihen aus runden, ovalen oder rechteckigen Gruben, die gelegentlich in geschlossene Gräben übergehen. Schon durch die auffällige Verbreitung solcher Reihen ausschließlich in einem engeren Gebiet in Mitteldeutschland erweckten sie das Interesse der Archäologen. Sie fanden sich bisher nordöstlich bis südöstlich des Harzes, von der Magdeburger Börde bis zum Unstrutgebiet, in einem bogenförmigen Verbreitungsbild von etwa 100 Kilometern Länge und maximal 50 Kilometern Breite. Die Ostgrenze am Rande des mitteldeutschen Altsiedellandes liegt im Bereich Leipzigs. Ein Blick auf das prähistorische Europa zeigt, dass ähnliche Strukturen bis heute in nennenswerter Anzahl nur aus Großbritannien bekannt geworden sind. Dort werden sie bereits seit längerer Zeit erforscht. Der gelegentlich auch in der deutschen Forschung benutzte Begriff »pit alignments« ist so zu erklären. In beiden Gebieten datieren die Grubenreihen in die jüngere Bronze- beziehungsweise die frühe Eisenzeit, also einen Zeitraum zwischen etwa 1200 vor Christus und 600 vor Christus.

Schon die Besonderheit der Verbreitung führte dazu, dass die Archäologen ihren Blick auf diese Befundgruppe richteten, und es dauerte nicht lange, bis die ersten Grubenreihen in den großen Flächengrabungen, die seit Mitte der 1990er Jahre in den neuen Bundesländern durchgeführt wurden, zutage traten. Die Begeisterung über die kilometerlangen Reihen aus hunderten bis tausenden einzelnen Gruben (Abb. 1, 2) wurde allerdings schnell durch die Erkenntnis gedämpft, dass diese Befunde aus sich heraus selten Möglichkeiten geben, etwas über ihre ehemalige Funktion oder selbst ihre Datierung zu erfahren. Regelhaft sind sie sehr einheitlich verfüllt und enthalten kaum Fundmaterial. Ausgrabungsteams, die Grubenreihen und Landgräben über längere Strecken zu untersuchen haben, sind wegen des hohen Ausgrabungs- und Dokumentationsaufwandes, bei vermeintlich geringer zu gewinnender Aussage, häufig wenig begeistert. Vor allem vor dem Hintergrund, wie reich diese Landschaft mit anderen spektakulären Hinterlassenschaften ausgestattet ist, die auch in den Ausgrabungen zutage treten, wie Gräber, Hortfunde und ähnliches. Die enormen Dimensionen, die die einzelnen Grubenreihen und Landgräben zusammengekoppelt einnehmen und durch die erst ihr wahres Aussehen in der Landschaft erkennbar wird, können auf archäologischen Ausgrabungen bis heute kaum erfasst werden. Die Archäologen fühlen sich meist so, als schauten sie mit einem Mikroskop auf einen kleinen Ausschnitt eines großen Schnittmusterbogens – ohne dessen Muster oder seinen Zweck begreifen zu können.

Neue archäologische Aufschlüsse

Einen bislang unvergleichbaren Einblick erlauben nun die archäologischen Untersuchungen, die seit Ende 2008 im Vorfeld des Baus der ICE-Neubaustrecke Erfurt-Halle/Leipzig auf sachsen-anhaltinischem Gebiet durchgeführt werden. Auf einem 22 Kilometer langen Streckenabschnitt, der über die so genannte Querfurter Platte zwischen Unstrut- und Saaletal führt, wurden bisher mehr als sechs Kilometer Grubenreihen und Landgrabenabschnitte freigelegt und sehr genau archäologisch dokumentiert. Es traten Reihen mit Gruben der verschiedensten Formen (Abb. 3a bis d) und Tiefen (Abb. 4) auf. An vielen Stellen lösten sich oben durchgehende, grabenartige Strukturen unten in Reihen einzelner Gruben auf (Abb. 5). Offenbar besaßen diese Befunde von Anbeginn diese Erscheinungsform. Andere lineare Strukturen waren durchgehende Gräben ohne jeglichen Hinweis auf eine Segmentierung (Abb. 3d). Besonders spannend für die Archäologen war jedoch der Nachweis, dass solche Gräben mehrfach nachgearbeitet worden sind. Es muss jeweils eine gewisse Zeit zwischen den einzelnen Ausbesserungen verstrichen sein, da sie sich immer wieder weit verfüllt hatten (Abb. 6). Erstmals wurde ein ganz besonderes Phänomen sichtbar. Über mehrere hundert Meter wurden die weitgehend verfüllten Gräben nicht durchgehend »ausgebessert«, sondern in Form einer Grubenreihe, die aber nicht mehr die Tiefe des einstigen Grabens erreichte (Abb. 7, 8). Die Gruben sind innerhalb der älteren Verfüllung ausgehoben worden. Ganz offensichtlich müssen also durchgehende Gräben und Reihen von Gruben bzw. segmentierte Gräben dieselbe Funktion besessen haben. Warum wurden sie dann in so verschiedenen Ausprägungen angelegt? Manifestieren sich darin verschiedene Bauphasen, unterschiedliche subjektive Ansichten der Erbauer oder wirtschaftliche Erfordernisse beziehungsweise Zwänge?

Die identische Bestimmung beider Befundgruppen wird auch aus den Beobachtungen zur Lage der Einzelstrukturen zueinander deutlich. An vielen Stellen der neuen Grabungen wurden nicht nur – wie gewöhnlich – die linearen Erdwerke von den archäologischen Grabungsflächen durchschnitten. Die interessierenden Strukturen verliefen über weite Strecken innerhalb der geplanten ICE-Trasse, so dass auch mehrere rechtwinklige Abzweigungen erfasst werden konnten (Abb. 9, 10). Kreuzungen waren nur in Einzelfällen nachzuweisen. Das rechtwinklige Aneinanderstoßen von Grubenreihen und Landgräben unterstrich, dass beide Befundgattungen als Teile eines Systems anzusehen sind. Das neu gewonnene Bild ist verwirrend vielfältig und erhellend zugleich.

Länger als die Chinesische Mauer

Inzwischen sind nicht mehr nur jene Bereiche interessant, in denen die Grubenreihen und Landgräben entdeckt werden. Mindestens genau so wichtig ist der Nachweis darüber, wo sich keine derartigen Strukturen im Boden befinden. Auf den Ausgrabungen an der ICE-Strecke wird alles dafür getan, darüber Sicherheit zu gewinnen. Denn der Vergleich des Vorkommens oder Fehlens in benachbarten, geomorphologisch und hydrologisch gleichen oder unterschiedlichen Landschaftsteilen könnte helfen, das Rätsel einer Lösung näher zu bringen. Das dichteste Vorkommen innerhalb der untersuchten Trasse lag auf einem flachen Geländerücken von etwa 5,5 Kilometern Länge und 700 Metern Breite zwischen den Ortschaften Oechlitz und Langeneichstädt, auf dessen Kamm die ICE-Strecke verlaufen soll (Abb. 11). Es ist einer von mehreren derartigen Rücken, die durch parallel zueinander verlaufende Trockentäler gebildet werden. Auf diesem Rücken fanden sich im Osten Siedlungsspuren der jungbronzezeitlichen Mittelsaalegruppe circa 1300 bis 1000 vor Christus) sowie westlich davon zugehörige Gräber in einem durch Kreisgräben erkennbaren, geschlossenen Hügelgräberfeld. In diese ältere, bestehende Siedlungsstruktur, zu der auch archäologisch unsichtbare Feldfluren zu zählen sind, wurde das Netz an Gräben und Grubenreihen später eingepasst. Dabei umging man beispielsweise stehende Grabhügel oder offene Lehmentnahmegruben (Abb. 12). Innerhalb des Erdwerksystems fasste man einerseits das zu dieser Zeit gar nicht mehr belegte Hügelgräberfeld von außen ein, begrenzte es also auf diese Weise. Allerdings unterteilte man es andererseits aber auch in mindestens drei große Abschnitte. Ebenso laufen die Teilungen auch mitten durch die gleichzeitigen Siedlungsbereiche, wie andererseits durch völlig unbebautes Land weit außerhalb der Siedlungszonen.

Bemerkenswert ist, dass selbst bei Kenntnis eines größeren Ausschnittes des Gebildes kaum Regelmäßigkeiten erkennbar sind (Abb. 10). Wie die Breite der eingegrenzten Flächen, die zwischen circa einhundert und mehreren hundert Metern betragen kann, sind auch die Innenflächen von völlig unterschiedlicher Größe. An einigen Stellen ist ein Bezug einzelner Grubenreihen und Gräben zu Geländekanten sehr deutlich. An anderen werden natürliche Gegebenheiten, die eine aus heutiger Sicht sinnvollere Lösung ermöglicht hätten, offenbar nicht beachtet.
Die Gesamtlänge der aufgedeckten Erdwerke ist erstaunlich. Auf dem Geländerücken bei Oechlitz sind, unter Zuhilfenahme von Luftbildern (Abb. 13), mehr als 22 Kilometer Gräben und Grubenreihen in unregelmäßig netzartiger Anordnung zu erschließen. Zwar ist das Vorkommen auf anderen Trassenabschnitten etwas weniger dicht, doch gilt es zu bedenken, dass dieser Ausschnitt nur etwa einem Tausendstel der Fläche entspricht, aus welcher uns diese Befunde in Mitteldeutschland regelhaft bekannt sind. Das lässt selbst bei vorsichtiger Schätzung die Vermutung zu, dass in unserem Gebiet in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit insgesamt deutlich mehr als 10.000 Kilometer Gräben und Grubenreihen ausgehoben worden sind. Entsprechend lang waren die Wälle, die aus dem Aushub neben den Gräben aufgeschüttet worden sind. Somit dürfte dieses heute – durch sein unterirdisches Dasein –»unscheinbare«, etwa 3000 Jahre alte Bauwerk wenn auch nicht in seinem Volumen, so doch seiner Länge nach, die berühmte Chinesische Mauer übertreffen.

Noch ist nicht sicher, ob das heute erkennbare Bild innerhalb einer eher kurzen Zeitspanne entstanden ist oder sukzessive, als Ausdruck eines längeren Prozesses. Eine der wichtigsten Beobachtungen, die in Oechlitz gemacht werden konnten, ist, dass die Landgräben wohl die ältesten Teile der Gliederung darstellen. Waren die Grubenreihen womöglich Nachziehungen und Neuordnungen der Grenzen mit verringertem Arbeitsaufwand? So wie auch wir heute noch Strich- und Strichpunktlinien als Linien und nicht als Kette von Einzelelementen begreifen. Weitere Untersuchungen anderenorts müssen zeigen, ob dieses Bild zu verallgemeinern ist.
Widersprüchlich sind die Beobachtungen, die zur Dauer der Existenz der Gräben und Grubenreihen gemacht werden können. Die ältesten linearen Erdwerke sind wahrscheinlich um 1000 vor Christus entstanden. Die mehrfachen Ausbesserungen beziehungsweise Wiederaufgrabungen belegen einerseits, dass sich die Gräben und Gruben mit der Zeit verfüllten. Als ein frühlatènezeitliches Grab im 4. Jahrhundert vor Christus nach der Nutzungsphase des Grabens nachträglich in diesen eingebracht wurde (Abb. 7), war er nachweislich schon zu etwa zwei Dritteln verfüllt und hatte seine Funktion bereits verloren. Andererseits folgten im Fall von Oechlitz sogar die mittelalterlichen Gemarkungsgrenzen noch dem bronzezeitlichen Landgraben. Er muss im Mittelalter noch als muldenförmiger Graben erkennbar gewesen sein und gliederte immer noch oder erneut die Landschaft.

Wofür dieser enorme Aufwand?

Diese Frage ist leider, trotz der derzeit erschlossenen wichtigen Befunde, nicht abschließend zu beantworten. Viele Gedanken wurden schon durchgespielt und mussten wieder verworfen werden, weil sie einer Überprüfung im Gelände nicht standhielten. Schon die merkwürdige Form der Eingrabungen – mal als Graben, mal als Grubenreihe – mit daneben liegenden Wällen ist schwer zu erklären und steht einer rein technischen Deutung entgegen. Ebenso stehen die Tiefe der Gräben und Grubenreihen von bis zu 2,5 Metern und damit der erschließbare, enorme Arbeitsaufwand anscheinend in einem Missverhältnis zum denkbaren ökonomischen Nutzen. Länger als die Liste der wahrscheinlichen Erklärungen ist jene mit den Möglichkeiten, die weitgehend ausgeschlossen werden können. Beispielsweise können diese Gebilde nachweislich nicht mit Wasserhaltungs- beziehungsweise Entwässerungsmaßnahmen in Verbindung gestanden haben. Die Grabensohlen sind sehr bewegt und weisen keine einheitlichen Neigungen auf. Auch ein fortifikatorischer Nutzen ist bei einem solch stark differenzierten Netz, das auch mögliche Angreifer begünstigen würde, stark anzuzweifeln. Einer solchen Deutung widersprechen auch die flacheren Grubenreihen mit Stegen zwischen den Einzelgruben. Astronomische Bezüge sind völlig auszuschließen. Nahe liegend scheint zu sein, dass die Erdwerke die Erosion verringert haben könnten. Jedoch hätten als Erosionsverhinderer viel flachere, mit Bäumen bewachsene Wälle, wie sie etwa in der norddeutschen »Knicklandschaft« aus Wallhecken noch heute zu sehen sind, vollkommen genügt.

Doch immerhin kann uns die »Knicklandschaft« Schleswig-Holsteins noch heute ein ungefähres Bild über das Aussehen des Saalegebiets vor 3000 Jahren vermitteln. Der primäre Grund für die Entstehung dieses Bildes muss jedoch anderswo gesucht werden. Sicher ist, dass die Landschaft mit einem aus unserer heutigen, sehr rationalen Sicht unverständlichen Aufwand gegliedert worden ist. Auch die unterschiedlichen Größen und Formen sowie die Lagen der Flurstücke bleiben im Einzelnen bisher weitgehend unverständlich. Beachtlich ist nicht nur die gemeinschaftliche Arbeitsleistung, die hinter der Anlage steckt, sondern auch die Tatsache, dass eine übergreifende Koordinierung anzunehmen ist. Es ist heute als sehr wahrscheinlich anzusehen, dass das System aus Grubenreihen und Landgräben mehrere Funktionen gehabt habt. Das Geflecht aus verschiedenen wirtschaftlichen und möglicherweise auch ideellen Beweggründen wird nur langsam und nur durch beharrliche und genaue Beobachtungen bei den archäologischen Ausgrabungen zu entwirren sein.

Für diesen Artikel wurden Informationen über Ausgrabungsbefunde der örtlichen Ausgrabungsleiter des ICE-Projektes verwendet. Frau K. Dietrich, Frau A. Moser, Frau K. Schwerdtfeger, Herrn Ch. Bogen und Herrn Dr. K. Powroznik sei an dieser Stelle herzlich gedankt.


Text: Torsten Schunke
Online-Redaktion: Ralf Bockmann, Tomoko Emmerling, Anja Lochner-Rechta

 

 

Literatur

L. D. Nebelsick, Die Grenze. Rituell denotierte Grabenstrukturen der späten Bronzezeit im Mittelelbe-Saale-Gebiet. In: M. Blečić u. a. (Hrsg.), Scripta praehistorica in honorem Biba Teržan (Ljubljana 2007) 267-300.

T. Schunke, Der Hortfund von Hohenweiden-Rockendorf und der Bronzekreis Mittelsaale. Ein Beitrag zur jungbronzezeitlichen Kulturgruppengliederung in Mitteldeutschland. JSchrVgHalle 88, 2004, 219-337.

R. Schwarz, Pilotstudien. 12 Jahre Luftbildarchäologie in Sachsen-Anhalt (Halle 2003).

H. Stäuble, Lineare Gräben und Grubenreihen in Nordwestsachsen. Eine Übersicht. ArbFBerSächs 44, 2002, 9-49.

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