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Fund des Monats

›Jetzt fahr’n wir übern See, übern See‹

Versunkene Schiffswracks vor den Mauern des Klosters Arendsee

Nördlich des Benediktinerinnen-Klosters am westlichen Stadtrand von Arendsee in der Altmark liegt im gleichnamigen See in mehr als 30 Meter Tiefe ein gesunkenes flachbodiges Lastschiff, das Wrack eines sogenannten Prahms. Dieses von Sporttauchern des Tauchclubs Arendsee (TCA) bereits 1990 entdeckte Fahrzeug wurde vor einigen Jahren gemeinsam mit Taucharchäologen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommerns betaucht und begutachtet (Abb. 1). Es ist 12,30 Meter lang und verbreitert sich von 1,90 Meter an den Enden bis mittschiffs auf 2,30 Meter. Beide Enden (Abb. 2) und Teile der Bordwände (Abb. 3) ragen aus dem Sediment und zeigen deutliche Zersetzungserscheinungen. Ein Endbalken mit stark erodierten Löchern der Holznägel (Abb. 4) wurde vom Tauchclub Arendsee bereits in den 1990er Jahren geborgen und dem ›Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven‹ übergeben. Bei einem weiteren vom Tauchclub Arendsee sichergestellten Schiffsteil handelt es sich um ein bereits vom Schiffskörper abgefallenes Fragment einer Bordplanke aus Eichenholz (Abb. 5). Das durch Jahrringanalyse gewonnene Fälldatum des einheimischen Bauholzes datiert diese Planke auf um/nach 1265.
Nach dem bisherigen Kenntnisstand besteht das Schiff, das sich zu den rampenartig nach oben gezogenen Enden hin verjüngt, aus drei massiven Bodenplanken (Abb. 6). Seitlich daran schließen über die gesamte Schiffslänge reichende Kimmplanken mit bogenförmigem Querschnitt an, die den Übergang vom Boden zur Bordwand bilden (Abb. 7). Die oberen Bordplanken haben sich bereits gelöst. Ein System aus L-förmigen Spanten, davon einige aus gewachsenem Krummholz, stabilisierte wohl auch dieses Schiff (Abb. 8, 9). Da das Wrack mittschiffs von Sediment bedeckt ist, sind derzeit für diesen Teil keine weiteren Details zum Aufbau, zur Erhaltung oder zu möglicherweise vorhandenen Resten der Landung erkennbar; auch Bug und Heck sind noch nicht sicher zu unterscheiden. Das Vorhandensein einer Mastspur zur Aufnahme eines Segelmastes bleibt ebenfalls spekulativ.

Ähnliche Funde des 12./13. Jahrhunderts aus Haithabu (Schleswig) oder Egernsund (Jütland) werden als Fähren interpretiert. Der Prahm bot zum Beispiel Platz für ein Fuhrwerk, für Baumaterial, Vieh und Erntegut. Hier kann ein Einsatz als Lastkahn in Zusammenhang mit dem Ausbau und der Bewirtschaftung des 1183 gegründeten Benediktinerinnen-Klosters vermutet werden, dessen Besitzungen über das Umfeld des Arendsees hinaus reichten. Ebenso kommt eine Verwendung als Fähre für Klosterinsassinnen und Gäste in Betracht, wie als Analogie eine 1451/52 entstandene, in der Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen (Schweiz) aufbewahrte Miniatur zeigt, die die Fahrt von Kolumban und Gallus in einem Prahm auf dem Bodensee darstellt (Abb. 10).

Untersuchungen zur Verortung eines ›Klosterhafens‹ in Form eines Anlegers wurden unlängst mittels geophysikalischer Messungen nordöstlich des Klostergeländes begonnen, da das Klosterplateau im Osten durch eine zum See hinab laufende natürliche Senke oder Rinne begrenzt wird. In deren Verlängerung zeigte der vermessene Uferbereich eine circa 30 Meter nach Nordost verlaufenden Anomalie (Abb. 11), die auf eine einstige gewässerte Einbuchtung von circa fünf bis sechs Meter Breite hinweisen könnte.
Eigentlich waren jene flachbodigen Schiffe wegen ihres geringen Tiefgangs gerade für die stark mäandrierenden, schmalen und flachen Binnenwasserstraßen geeignet. Aber auch am Arendsee war die Überquerung des Sees, bei der je nach Zielort eine Distanz von 2,5 bis drei Kilometer zurückgelegt werden musste, in jedem Fall dem schlechten Wegesystem vorzuziehen, auf dem man sich bei halber Seeumrundung auf einer Wegstrecke von circa fünf Kilometermit Fuhrwerken durch mooriges oder sandiges Gelände bewegen musste. Dabei kommen auf dem Arendsee aufgrund seiner Tiefe als Art der Fortbewegung lediglich Rudern oder Segeln in Frage (Abb. 12).

Jüngst gelang in dem ebenfalls in der Altmark gelegenen Werben an der Elbe durch den Fund eines abgewrackten und sekundär verwendeten Bordplankenteils in einem Bohlenweg wohl der Nachweis eines weiteren Prahms aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts (Abb. 13). Ein mit Holznägeln befestigtes Widerlager für die Ruderbank war an einem Plankengang erhalten geblieben und mit in den Straßenbereich eingebaut. In einem anderen Stadtteil Werbens gefundene eiserne Kalfatklammern (zur Befestigung des Dichtmittels zwischen den Bordplankengängen) ergänzen die Hinweise auf einheimischen Schiffsbau (Abb. 14).

Zweifelsfrei wird auch mit diesen Fundstücken der einheimische Schiffsbau und die Binnenschifffahrt für die Altmark im 13. Jahrhundert auf eindrückliche Weise belegt. Dies ist gerade im Hinblick auf einen eigenständigen Schiffsverkehr während der Zugehörigkeit der altmärkischen Städte zum Städtebund der Hanse und dem damit verbundenen Warentransport auf flachen und schmalen Wasserstraßen bis zur Elbe von Bedeutung. Das Arendseer Fahrzeug zählt zu den äußerst seltenen Prahmfunden aus dem Hochmittelalter überhaupt und ist in seiner Vollständigkeit ein für Sachsen-Anhalt einmaliger Fund. Ob das Schiff im Sturm kenterte, ein Fahr- beziehungsweise Ladefehler der Besatzung Ursache für den Untergang war oder es einfach am Ende seiner Nutzungszeit im See ›entsorgt‹ wurde, bleibt unbekannt. Augenscheinlich teilt dieser Prahm aber seine Position mit weiteren Wracks an annähernd gleicher Stelle 200 bis 250 Meter vor dem Kloster, wenngleich die anderen Schiffe bis circa 40 Metertief liegen. Deren Entdeckung ist dem erstmals im Jahre 2008 erfolgten Einsatz eines ROV-Forschungsbootes (Remotely Operated Vehicle) zur Erkundung und Dokumentation des Prahms auf dem Seegrund zu verdanken.

Weitere Sondierungstauchgänge mit Forschungstauchern wären aufgrund der großen Wassertiefe nur mit entsprechend kurzen Grundzeiten möglich und infolge der damit verbundenen Risiken mit einem erhöhten technischen Aufwand verbunden gewesen. Das ferngesteuerte, unbemannte Unterwasserfahrzeug (Abb. 15) lieferte tauchzeitunabhängig Bilder und Sedimentsonardaten vom betauchten Objekt und von dessen Umgebung.

Diesem Umstand ist die Entdeckung der weiteren nördlich und östlich des Prahms, jedoch in größerer Tiefe liegenden Boote zu verdanken. Offenbar handelt es sich bei einem der Schiffe wieder um ein prahmartiges Fahrzeug sowie wahrscheinlich um ein Plankenboot. Genauere Angaben zu schiffbautechnischen Details, zur Altersstellung und damit auch zu ihrer Bedeutung für die Wirtschaftsgeschichte des Klosters Arendsee sowie generell für die norddeutsche Binnenschifffahrtsgeschichte bleiben künftiger unterwasserarchäologischer Forschung im Arendsee vorbehalten.


Text: Rosemarie Leineweber, Harald Lübke
Online-Redaktion: Tomoko Emmerling, Anja Lochner-Rechta

 

 

Literatur

M. Belasus, Ein in Sachsen-Anhalt einmaliger Schiffsfund – der hochmittelalterliche Prahm aus dem Arendsee, Altmarkkreis Salzwedel. In: T. Weber/H. Meller (Hrsg.), Archäologie in Sachsen-Anhalt 4 (Halle [Saale] 2006) 140-143.

M. Belasus, Two Recent Finds of Medieval Shipwrecks in the North of Germany. In: R. Bockius (Hrsg.), Between the Sees, Transfer and Exchange in Nautical Technology. ISBSA 11, 2009, 73-78.

R. Leineweber/H. Lübke, Unterwasserarchäologie in der Altmark. In: T. Weber/H. Meller (Hrsg.), Archäologie in Sachsen-Anhalt 4 (Halle [Saale] 2006) 127-139.

R. Leineweber/H. Lübke, Unterwasserarchäologie im Arendsee. Nachrichtenbl. Arbeitskreis Unterwasserarchäologie 15, 2009, 13-24

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