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Fund des Monats

Juli 2012: Der sächsische Königshof (curtis regia) in Calbe (Saale)

Im Stadtzentrum von Calbe (Saale) fand im Juli 2011 erstmals eine archäologische Ausgrabung statt. Direkt gegenüber des Westportals der Kirche St. Stephani kam es in der Ritterstraße 1 zum Abriss des alten Herrenhauses, dessen älteste datierbare Bausubtanz aus dem 15. Jahrhundert stammt, um eine Drogeriefiliale zu errichten. Diesem, für das herausragende Kulturdenkmal, unglücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass die Archäologen die Möglichkeit erhielten, der bis dahin nur aus den Schriftquellen bekannten älteren Stadtgeschichte auf den Grund zu gehen (Abb. 1). Die bei den Untersuchungen sichergestellten Funde sprechen auf Grund ihrer Zeitstellung, Seltenheit und Qualität eindrucksvoll für den einstigen Königshof.

Zur Historie der Fundstelle

Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes »calvo« stammt aus der Kanzlei von Otto I., in der jener am 13. September 936 dem Stift Quedlinburg 15 wendische Familien aus Frohse und Calbe schenkte. Der Ortsname kann sowohl aus slawischen oder deutschen Wurzeln hergeleitet werden. Vom Geschichtsschreiber Eginhard unter Karl des Großen ist überliefert, dass die Grenze zwischen Slawen und Deutschen im 8. Jahrhundert an den Flüssen der Saale und Elbe lag.

In einer Urkunde Ottos I. aus dem Jahr 961 wird bereits ein Burgward erwähnt, in dem sowohl slawische als auch deutsche Bewohner ansässig waren. Diese, ab dem 10. Jahrhundert, entlang der Saale und Elbe strategisch im Grenzland verteilten Burgwarde dienten im Zuge der deutschen  Landexpansion zur Grenzsicherung gegen die Slawen sowie als Missionierungsausgangspunkt. Spätestens im 12. Jahrhundert war die Germanisierung dieses Gebietes abgeschlossen. Die in diesem Gebiet ansässigen Slawen hatten in den Dörfern und Städten abgesonderte Wohnbereiche, die sie von den übergeordneten, deutschen Anwohnern isolieren sollten. Häufig entstanden so zwei parallele Ortschaften.
Zu Zeiten von Otto I. saßen die Wilzen in der Nähe von Calbe am Ostufer der Elbe sowie bei Barby und Grizehne. In Calbe soll die slawische Siedlung laut Gustav Hertel am Fuße des Calbenser Burgwalles gelegen haben, im Bereich der heutigen Bernburger Vorstadt.
Eine weitere Urkunde von 965 nennt im Gebiet von Calbe einen Königshof (curtis regia), den Kaiser Otto I. dem St. Mauritius Kloster zu Magdeburg übergab. Diese vorwiegend aus hölzernen Bauten errichtete Anlage ist in den darauf folgenden Jahren zu einem adligen Freihof umgewandelt worden, der dem Magdeburger Erzstift unterstand. Hier wurden adlige Ministerialien als Verwalter eingesetzt, die später ab dem 12. Jahrhundert unter dem Titel »Dienstmann […] und Ritter […] von Calbe« in diversen lokalen Akten Erwähnung finden.

Der Magdeburger Erzbischof hat ab 1314 ein Schloss im Nordosten Calbes errichten lassen, das im 15. Jahrhundert fertig gestellt worden war. Im Jahre 1951 war es bereits vollständig wieder abgetragen.
Der einstige Königshof wurde im 13. oder 14. Jahrhundert aufgegeben und an seiner Stelle ein Rittergut errichtet. Die heutige Ritterstraße hieß bis 1721 Herrenstraße und verweist damit auf das Wohnareal jenes Verwalters von Calbe aus der untersten Adelsschicht. Wahrscheinlich stand das Herrenhaus des Burg- oder Rittergutes an jener Stelle, wo sich ab dem 10. Jahrhundert das Haupthaus des Königshofs befunden hatte.
Das Rittergut hatte im 14. Jahrhundert zuerst die Familie von Hacke zum Lehen, ab 1604 die Familie von Haugwitz. Nach wechselnden Besitzern kam das Gut 1685 an die Familie von Reichenbach. 1713 wurde der Gutshof nach einem Großbrand neu aufgebaut.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts wohnte hier als Pächter ein Andreas Francke. Zu dieser Zeit wies das Gut zahlreiche unterschiedlich genutzte Gebäude auf: neben Scheunen und Viehställen auch ein Brau- und Gerätehaus. 1870 war ein Wagenbau-Unternehmer ansässig, der Kutsch- und Gebrauchtwagen erstellte. Ab 1923 befand sich auf dem Gelände der Ritterstraße 1 eine Rohkonservenfabrik und ab 1939 eine Fabrik für Gemüsekonserven. Parallel wurde das Haus in zunehmendem Maße privat vermietet. Ab 1980 stand es leer und verfiel zusehends. Das herausragende Kulturdenkmal konnte vor dem Abriss von Dr. Joachim Todenhöfer vom Büro für Bauforschung und Denkmalpflege untersucht werden.
 

Das archäologische Fundspektrum

Von den 61 untersuchten Befunden sind besonders die Funde aus den beiden Grubenhäusern hervorzuheben. Neben zahlreichen slawischen Keramikscherben mit Wellenstrichverzierungen (Abb. 7, 8), welche ins 11. Jahrhundert datieren, fanden sich mehrere mono- und polychrome Glasringe, zwei Dreilagenkammfragmente, ein Spinnwirtel, eine Münze und zahlreiche Eisenobjekte, unter anderem ein Querschneider.
Die sehr großen Dreilagenkämme mit zwei Bügelbeschlägen haben einen verzierten Bereich in der Mitte der Zahnplatte in Form von durchbrochenen Loch- beziehungsweise Kreuzmustern. Parallelen gibt es zu dem Fundort Znojmo in Mähren, zu Höxter und zu Schleswig in Norddeutschland, wo diese im 10. beziehungsweise im 12. Jahrhundert auftraten (Abb. 9, 10). Diese sehr seltene Art der Kämme steht meist für die reiche Ausstattung einer Person.

Einen genauen Terminus für die Datierung liefert eine Silbermünze aus dem südöstlichen Grubenhaus. Es handelt sich um einen Obol (halber Pfennig) – ein Randpfennighälbling- oder Kugelstabkreuzpfennigtyp, welcher zwischen 1060 und 1105 in der Regierungszeit König Heinrichs IV. geprägt wurde (Abb. 11, 12). Laut Auskunft von Ulf Dräger, Kustos Landesmünzkabinett Sachsen-Anhalt, kommen nach gegenwärtigen Forschungsstand Münzstätten in Bautzen oder Meißen als Herstellungsort in Frage.
Recht typisch sind ab dem 11. Jahrhundert im slawischen Siedlungsgebiet die Fingerringe aus hoch bleihaltigem Glas in den Farben Grün, Blau und Gelb in D-Form oder mit rundem Querschnitt, welche auf Grund ihrer Größe meist von Frauen und Kindern getragen worden sind und keiner sozialen Schicht vorbehalten waren (Abb. 13, 14).

Um einen nicht ganz alltäglichen Fund handelt es sich bei dem abgebildeten Objekt aus Tierknochen, welches anhand der Form wahrscheinlich als Feder zum Schreiben von Zierschriften und Initialen gedient haben dürfte (Abb. 15).

Allgemein gebräuchlich waren zu dieser Zeit Schreibfedern aus dem zugespitzten Mittelsteg von Schwungfedern der Gänse, auch als Federkiel bezeichnet. Federn aus Holz sind sehr selten, treten vereinzelt seit der römischen Kaiserzeit im Fundmaterial auf.
In unmittelbarer Nähe der Grubenhäuser traf man auf eine weitgehend vollständige Pferdebestattung in einer ovalen Grube, bei welchem sich auch ein Hufeisen in Situ befand (Abb. 16). Die archäozoologische Bestimmung durch Hans-Jürgen Döhle ergab, dass es sich um ein relativ großes, kräftiges Tier mit einer Widerristhöhe von 1,44 bis 1,52 Meter gehandelt hat. Die Keramikfunde und die für mittelalterliche Fundzusammenhänge ungewöhnliche Größe sowie das Mondsichelhufeisen, datieren diesen Befund frühestens ins 13./14. Jahrhundert (Abb. 17).

Bei den jüngsten Funden handelt es sich um Glasreste, welche im Südwestbereich des ehemaligen Ritterhauses im Sohlbereich eines Kellers auftraten. Dabei handelt es sich vornehmlich um dünnwandige Glasfragmente mit Fadenauflagen und Reste von Stangengläsern aus dem 15./16. Jahrhundert (Abb. 18 bis 20).


Text: Brigitte Schiefer, Jana Harnisch, Jens Winter
Online-Redaktion: Konstanze Geppert, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

E. Giesemann, Calbe an der Saale. Was man durch die Heimatstube über die Rolandstadt erfahren kann (Calbe [Saale] 1996).


H. D. Steinmetz, Geschichte des Rittergutes Calbe und des davor existierenden Königshofes. Calbe/Saale. (Unveröffentlichtes Manuskript 2011).

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