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Fund des Monats

Juni 2012: Ein ganz persönlicher Fund

Ein bisher unbekanntes Lappenbeil aus dem Hortfundkomplex von Frankleben

Genau 66 Jahre sind vergangen, seit der Baggerführer Anton Wesp im Juni des Jahres 1946 südwestlich von Frankleben bei Merseburg im heutigen Landkreis Saalekreis von einem Zufallsfund überrascht wurde, der sich wenig später als einer der bedeutendsten Hortfunde der späten Bronzezeit Mitteleuropas herausstellte.

Bei der Arbeit am Kettenbagger in der Grube »Michel Vesta« des Geiseltaler Braunkohletagebaues, stieß Herr Wesp auf einen später als »Fund I« bezeichneten Depotfund und sammelte 17 Bronzesicheln auf. Der Wachsamkeit Herrn Wesps ist zu verdanken, dass er diesen Fund aus seinem Kettenbagger heraus überhaupt bemerkte. Es ist aber anzunehmen, dass die 17 Sicheln nur ein Teil des ersten zerstörten Befundes sind und eventuell deutlich mehr Objekte zugehörig waren. Wenig später erfolgte eine erste Fundmeldung an das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, woraufhin der Archäologe Wilhelm Albert von Brunn eine Untersuchung an der Fundstelle durchführte.
Etwa zwei Wochen später arbeitete der aus Braunsdorf (heute Braunsbedra) stammende Anton Wesp mit dem Bagger wieder in der Nähe der ersten Fundstelle und stieß auf ein weiteres Gefäß (Fund II), das vom Bagger ebenfalls stark beschädigt wurde. Sorgfältig grub Anton Wesp nun per Hand weiter und fand ein drittes Gefäß, bis zum Rand gefüllt mit bronzenen Sicheln und Beilen (Fund III).

Wesp legte es sorgfältig frei, Betriebsleiter Klett dokumentierte den Befund fotografisch (Abb. 1 bis 2) und informierte das Landesmuseum erneut. W. A. von Brunn sicherte die Funde am Tag darauf und publizierte sie nach eingehender Untersuchung einige Jahre später (von Brunn 1958). Durch die Beobachtungen und Aufzeichnungen der Herren Wesp und Klett konnte der Befund hinsichtlich Lage der einzelnen Depots zueinander und Anordnung der Bronzegegenstände in den Gefäßen rekonstruiert werden (v. Brunn 1958; Chiriaco 2009, 6f.).
Die Fundstelle ist heute nicht mehr genau lokalisierbar, denn sie liegt im Bereich des ehemaligen Braunkohletagebaus, dessen Fläche seit 2003 mit dem Wasser der Saale geflutet wurde und sich seit 2009 als Geiseltalsee – dem größten künstlichen See Deutschlands – zwischen Mücheln und Frankleben erstreckt.
Neben den beim Baggern verloren gegangenen Bronzen werden im Artikel von Brunns auch einige in Privatbesitz der Betriebsleitung verbliebene Stücke genannt (von Brunn 1958, 3, 8).  Die Ortsakte Frankleben im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, nennt lt. Protokoll vom 12.04.1950: »Verbleib von vier Sicheln und ein Lappenbeil im Besitz von Betriebsleiter Klett«, das Protokoll vom 12.09.1949 vermerkt »für Betriebsdirektor Bönisch eine Sichel und ein Lappenbeil«.

Insgesamt lassen sich demnach für den Franklebener Hortkomplex mit Sicherheit 242 Sicheln und 16 Lappenbeile nachweisen. Mit rund 45 Kilogramm ist er damit einer der größten Depotfunde der mitteleuropäischen Bronzezeit.
Die genaue Zahl und der Verbleib der verlorenen beziehungsweise fehlenden Sicheln und Beile bleibt bis heute jedoch weitgehend unklar. Mit einer Ausnahme. Denn mindestens ein Lappenbeil blieb bis zu seinem Tod, Anfang der 1980er Jahre, auch in Anton Wesps Besitz. Aus welchem der drei Gefäßdepots dieses Beil stammt, ist unbekannt. Wahrscheinlich ist, dass es aus Fund III stammt, welcher von Wesp per Hand ausgegraben worden ist (Abb. 1 bis 2). Die in den 1990er Jahren verstorbene Ehefrau Herrn Wesps, Frau Hedwig Wesp, schenkte das Stück nach dem Ableben ihres Mannes dem Sohn Dieter Literski der befreundeten Familie Literski aus Braunsbedra. Dieser gab das Beil viele Jahre später wiederum an seinen Sohn, Holger Literski weiter, in dessen Besitz sich das Lappenbeil bis heute befindet (Abb. 3 bis 4).

Seine Tochter war von Kindheit an von dem Beil fasziniert. Daraus erwuchs in ihr die Begeisterung für die Archäologie, dem später sogar der Entschluss für das Studium dieses Faches an der Martin-Luther-Universität in Halle folgte. Im Rahmen des Studiums und der erneuten Auseinandersetzung mit der Fundgeschichte, wurde ihr bewusst, welche Bedeutung dieses Lappenbeil als Teil des großen Franklebener Hortfundkomplexes besitzt. Aufgrund dessen wurde das Bronzebeil dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung gestellt und eine Zeichnung angefertigt (Abb. 5). Für die Familie Literski, und dabei besonders für die Tochter Holger Literskis als Autorin dieses Artikels, schließt sich somit ein kleiner aber bedeutungsvoller Kreis zugunsten der archäologischen Forschung in Sachsen-Anhalt.

Das mittelständige Lappenbeil hat eine Gesamtlänge von 19,1 Zentimeter, eine Schneidenbreite von maximal 4,8 Zentimeter und eine Nackenbreite von 2,5 Zentimeter. Der Nacken ist gerade, die Ecken kantig, das Nackenteil verläuft senkrecht zur schwach einziehenden Beilmitte hin. Die Lappen sind kräftig ausgebildet; an einer Seite weist ein oberer Lappenansatz eine kleine Kerbe auf. Das Schneideteil verläuft schwach ausladend mit schwach gerundeter Schneide. Leichte Gebrauchsspuren wie die leicht verbogene Schneide und eine ausgebrochene Ecke sind zu erkennen.

Die Oberfläche ist kräftig grün oxidiert sowie durch das ausgeprägte Malachit-
kristallwachstum uneben und rau. Typologisch lässt sich das Beil den charakteristischen Formen spätbronze-
zeitlicher Lappenbeile Mitteldeutschlands zuordnen. Von Brunn datierte den Franklebener Hortfund vor allem anhand der mittelständischen Lappenbeile in die Stufe Ha A1 (um 1200 vor Christus) nach der süddeutschen Chronologie (von Brunn 1958, 57f.; von Brunn 1968, 117, 319). Bettina Stoll-Tucker datierte den Hort dagegen in die Stufen B1 bis D in der Zeit zwischen 1500 bis 1250 vor Christus (Stoll-Tucker 2001, 178).
Hort- oder Depotfunde sind ein, vor allem in Mitteldeutschland, häufiges Phänomen der mitteleuropäischen Bronzezeit und bilden innerhalb der archäologischen Forschung eine eigene Fundgattung. Sie werden heute gemeinhin als rituelle Deponierungen von Opfergaben und somit als wichtige Zeugnisse der religiösen Vorstellungen des vorgeschichtlichen Menschen interpretiert. Die Nähe zu Gewässern oder markante Landschaftspunkte wurden dabei bevorzugt, während auch in der Zusammensetzung der Fundobjekte Regelhaftigkeiten erkennbar sind. Der Franklebener Depotfund, bestehend aus einer Kombination von Sicheln und Bronzebeilen, stellt eine sehr typische Fundkombination der späten Bronzezeit dar, wenn auch die Größe von rund 45 Kilogramm außergewöhnlich ist.


Text: Norma Literski
Online-Redaktion: Konstanze Geppert, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

M. Chiriaco, Der Hortfund von Frankleben: Ein Sichelmassenhort im chronologischen und geographischen Kontext sowie seine Bedeutung. (München 2009).

B. Stoll-Tucker, Mondsicheln in der Erde. Der Bronzehortfund von Frankleben. In: H. Meller (Hrsg.), Schönheit, Macht und Tod. 120 Funde aus 120 Jahren Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Begleitband zur Sonderausstellung vom 11. Dezember 2001 bis 28. April 2002 im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Halle [Saale] 2001) 178–179.

W. A. von Brunn, Der Schatz von Frankleben und die mitteldeutschen Sichelfunde. Prähist. Zeitschr. 36, 1958, 1–70.

W. A. von Brunn, Mitteldeutsche Hortfunde der jüngeren Bronzezeit. Röm.-Germ. Forsch. 29 (Berlin 1968).

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