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Fund des Monats

Februar 2013: Friedhof der Kuscheltiere?

Eine mittelslawische Opfergrube mit Hundeskeletten

Die etwas ambivalente Stellung, die Hunde in verschiedenen religiösen Systemen einnehmen, spiegelt wohl das zwiespältige Verhältnis vieler Menschen ihnen gegenüber wieder: Zum einen sind sie des Menschen treue Begleiter und als Wach-, Jagd-, Kriegs- und Hütehunde von großer Bedeutung sowohl in nomadischen als auch bäuerlichen Kulturen, zum anderen tritt ihr zweifellos sehr ähnlicher Urahn, der Wolf, als deren Widersacher auf, indem er die Schafe und Ziegen der Menschen zu erbeuten versucht. Die Verbindung des Hundes mit den Göttern der Unterwelt in vielen indoeuropäischen Religionen versinnbildlicht gewissermaßen die Domestizierung des Raubtieres. Bei den Griechen wurde dieser domestizierte Wolf als Cerberos zunächst noch sicher im Hades verwahrt. Dieser Hund ist zwar immer noch eine Bestie, sie erfüllt allerdings ihren Dienst als Wachhund hervorragend (Abb. 1). Die erfolgreich abgeschlossene Domestikation drückt sich in dem litauischen Märchen vom Eisernen Wolf aus. Hier sind es drei Hunde, die den Teufel, der in der Gestalt eines Wolfes droht, die Menschheit auszurotten, schließlich töten.

Es verwundert also nicht, dass mit der zunehmenden Wertschätzung als Haustier auch die Bedeutung des Hundes als den Göttern wohlgefälliges Opfer wächst. Die ersten Belege für Hundebestattungen stammen bereits aus dem Neolithikum. Aus dem Bereich der Mährisch-Österreichischen Gruppe der Lengyel-Kultur liegt ein relativ sicherer Hinweis für ein regelrechtes Hundeopfer vor (Bauer/Ruttkay 1974). Der Weg zu einem der kaiserzeitlichen Heiligtümer des germanischen Mooropferplatzes im thüringischen Niederdorla war von Hundeschädeln gesäumt. Adam von Bremen berichtet in seiner Gesta Hammaburgensis (Gesta IV, 26-27) über den Tempel der Wikinger in Uppsala, in dem Thor, Wodan und Frikko verehrt werden. Er beschreibt ein alle neun Jahre stattfindendes Fest aller Schweden, zu dem jeder seine Opfergaben mitbringen muss. So werden von jedem männlichen Lebewesen neun Stück geopfert, es sollen Hunde, Pferde und Menschen in dem heiligen Hain hängen.

Thietmar von Merseburg erwähnt in seiner Chronik ein ähnliches Opferfest der Dänen. Auch diese opfern alle neun Jahre im Januar. Thietmar gibt an, dass sie 99 Menschen sowie die gleiche Anzahl einiger anderer Tiere wie Pferde und Hunde opfern (Jahn 1884, 66). Über die mährischen Slawen heißt es im Hirtenbrief eines bayerischen Bischofs, dass sie ihre Eide mit einem Hundeopfer bekräftigen würden (Schwenk 1853, 46). In bestimmten Regionen Mitteleuropas wurden Hunde (oder auch Katzen) bis in die Neuzeit im Zusammenhang mit Schutzzaubern, Erntedank-Ritualen oder als Bauopfer erschlagen, lebendig begraben oder verbrannt.

Der archäologische Nachweis derartiger Praktiken bleibt allerdings oft mit Schwierigkeiten verbunden. Auch im Falle der hier ausführlicher vorgestellten Grube (Befund 1011), die im Rahmen der B6n-Ausgrabungen im Jahr 2011 südöstlich von Köthen untersucht wurde, ist die Situation nicht ganz eindeutig. Einerseits scheint die Lage der Tierkadaver »arrangiert« zu sein, was eventuell im Rahmen einer rituellen Handlung geschehen ist. Andererseits spricht einiges dafür, dass zumindest Teile der Tiere verzehrt wurden oder aber im Rahmen einer Zeremonie gesondert behandelt wurden.

Der Befund lag inmitten einer kleinen slawischen Siedlung des 9. Jahrhunderts nur etwa neun Meter entfernt von einem der Grubenhäuser, die der offenen Siedlung ihr Gepräge gaben (Abb. 2). Ein Knochen von einem der Tiere konnte mittels der Radiocarbon-Methode auf 777 bis 889 nach Christus datiert werden (Cal 2 sigma, Universität Tübingen Probenname 08/12-106 B6n PA16 [Ost]).

Der im obersten Planum (Planum 1) unscheinbare, unregelmäßig rundliche Befund hatte hier noch einen maximalen Durchmesser von 1,67 Meter. Etwa 0,6 Meter tiefer verringerte sich die Größe (1,36 Meter mal 1,10 Meter) und der Umriss zeigte eine Schlüssellochform, wobei der schmale Teil nach Nordwesten wies.

Auffällig war der Aufbau der Grubenfüllung, die abgesehen von dem nordwestlichen Teil aus zwei völlig unterschiedlichen Schichten bestand: Die zentrale, dunkelbraune, humose Verfüllung von ungefähr 1,10 Meter Durchmesser war bis auf den nordwestlichen Bereich von einer Schicht aus beigem Lehm umgeben. Der Lehm diente wahrscheinlich als Auskleidung der Grube und sollte die Grubenwandung in den saalezeitlichen Schwemmsanden stabilisieren. Besonders in dem schmalen nordwestlichen Grubenteil fielen einige größere Gerölle auf, die eventuell zu einem Verbau gehört haben oder als Verkeilung für einen Pfosten oder eine Stele zu deuten sind (Abb. 3, 4).

In der humosen Verfüllung der Grube lagen Knochen und zusammenhängende größere Skelettteile von mindestens sechs oder sieben Tieren. Darunter befanden sich mindestens vier Hundeindividuen, ein Kieferfragment, ein Unterkieferbackenzahn und ein Schulterblatt von einem Rind sowie mindestens zwei Fragmente von Extremitäten größerer Wirbeltiere (größer als Hund). Drei der Tiere (Hund 1, 2 und Hund 5) lagen rondellartig aufgereiht am südwestlichen Grubenrand in gleicher Ausrichtung mit dem Kopf nach Süden, Südosten beziehungsweise nach Nordosten(?). Das Hundeskelett am Nordwestrand (Hund 1) lag auf dem Rücken und das südöstlich anschließende Skelett (Hund 2) lag auf der linken Körperseite. Unmittelbar südwestlich davon konnte der Schädel eines Hundewelpen (Hund 4) freigelegt werden und nordöstlich der eventuell verlagerte Schädel eines ausgewachsenen Hundes mit starken Reißzähnen (Hund 3).

Die Bestimmung der Tierknochen wurde freundlicherweise von Dr. Hans-Jürgen Döhle (Landesamt für die Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt durchgeführt, der den Befund im Sommer 2011 in situ autopsiert hat. Auffällig war, dass sich die Tierskelette kaum überlagerten, sodass davon auszugehen ist, dass die Tiere bewusst und gleichzeitig in dieser Position niedergelegt worden sind. Da die Tierreste mehrheitlich wohl nicht als Speiseabfälle interpretiert werden können und eines der Tiere (Hund 2) eine kleine Durchlochung der Schädeldecke aufwies, die vielleicht als Todesursache in Betracht kommt, liegt eine rituelle Deutung dieses Befundes nahe, auch wenn es keine weiteren Utensilien in der Grube gab, die das eindeutig beweisen würden (Abb. 5 bis 12).

Die Befundsituation legt die Vermutung nahe, dass die Hunde zeitgleich in dieser Grube niedergelegt wurden und auch gleichzeitig zu Tode gekommen sind. Ein zeitnaher natürlicher Tod durch Krankheit oder Alter dürfte allerdings eher unwahrscheinlich sein. Nicht völlig auszuschließen bleibt aber die Möglichkeit, dass die Tiere vielleicht zusammen in einem Haus oder einer Hütte eingesperrt waren und bei einer Brandkatastrophe ums Leben gekommen sind (die Knochen zeigten allerdings keine Auffälligkeiten, die für ein solches Szenario sprechen).

Die Zusammensetzung des Ensembles aus mindestens drei ausgewachsenen Tieren (darunter ein sicher männliches Tier) und einem Welpen oder Fötus (?) scheint es auszuschließen, dass sie Opfer eines Hundeschaukampfes gewesen sind, auch wenn solche Kämpfe bis heute besonders im Karpatenraum noch häufig praktiziert werden. So bleibt die Deutung als Tieropfer zunächst am wahrscheinlichsten, ohne dass wir etwas Fundiertes über den religiösen oder rituellen Hintergrund einer solchen Zeremonie aussagen könnten. Offen bleibt vorerst, ob die Grube speziell für die Aufnahme der Tierkadaver angelegt worden ist oder primär einem anderen Zweck diente. Die Schlacht- oder Küchenabfälle, die von anderen Tierarten stammen, scheinen allerdings dafür zu sprechen, dass sie (auch) als Abfallgrube gedient hat, bevor die Hunde darin deponiert wurden.

Auch wenn der Anteil von Hundeknochen im Vergleich zu anderen Haus- und Wildtierknochen aus Gruben der beiden mittelslawischen Siedlungen bei Köthen (Fundstellen 48 und 49) bis jetzt noch nicht abschließend wissenschaftlich bestimmt worden ist, so imponiert doch die schon jetzt erkennbare relativ große Anzahl von mehr oder minder vollständigen Hundeskeletten beziehungsweise Hundeschädeln, die innerhalb der beiden verhältnismäßig kleinen Weiler entdeckt worden sind. Die Funde zeigen, dass zumindest in den mittelslawischen Siedlungen dieser Region Haushunde keine Seltenheit waren. Das Vorhandensein weitgehend kompletter Skelette lässt wohl auch den Schluss zu, dass die Tiere nicht zum üblichen Speiseplan der slawischen Dorfbewohner gehört haben.

Hinweise auf eine gewisse Fürsorge, die verstorbenen Hunden zuteil wurde, liefern andere Gruben dieser Siedlung, in denen einzelne Hundekadaver »begraben« wurden. Die Wertschätzung ging allerdings niemals soweit, dass Hunde in eigens für sie angelegten Grabgruben »bestattet« wurden. Meistens handelte es sich um aufgegebene Siedlungs-/Vorratsgruben, die zum Teil bereits mit Haus- und Küchenabfällen wieder verfüllt waren.
Im Falle des Befundes 1011 kann mit einiger Sicherheit von einer rituellen Deponierung mehrerer Hundekadaver beziehungsweise von Körperteilen ausgegangen werden. Die vielleicht durch einen Schlag oder Stich mit einem spitzen Gegenstand verursachte Verletzung am Kopf eines der Tiere könnte eventuell im Rahmen einer rituellen Schlachtung beigebracht worden sein. Ob damit ein Eid bekräftigt werden sollte oder die Tierknochen als Reste eines Opferfestes für eine Unterwelts(?)-Gottheit anzusehen sind, in dessen Rahmen auch »festlich« gegessen wurde, wird wohl ein Geheimnis bleiben, dass die Tiere mit in ihr Grab genommen haben.


Text: Hans-Jürgen Döhle, Erik Peters
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

K. Bauer/E. Ruttkay, Ein Hundeopfer der Lengyel-Kultur von Bernhardsthal, NÖ. Ann. Naturhistor. Mus. Wien, 78 (1974),13-27.

U. Jahn, Die Deutschen Opfergebräuche bei Ackerbau und Viehzucht. Ein Beitrag zur deutschen Mythologie und Alterthumskunde (Breslau 1884).

K. Schwenk, Die Mythologie der Slaven (Frankfurt am Main 1853).

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