Zur Navigation (Enter) Zum Inhalt (Enter) Zum Footer (Enter)

Fund des Monats

Juli 2013: Kasematte, Turm und Wall

Neueste archäologische Befunde zur frühneuzeitlichen Stadtbefestigung von Wittenberg

Bei Grabungen in der Innenstadt ist es schon fast alltäglich, sowohl von Touristen als auch von Einwohnern, nach dem Auffinden eines Geheimgangs gefragt zur werden. Das trifft in besonderem Maße auf touristisch hochfrequentierte Städte wie beispielsweise Wittenberg zu. Hier wird auch heute noch über Gänge gemutmaßt, die vom Wittenberger Schloss zum Lutherhaus oder gar unter der Elbe nach Süden hindurch führen. Natürlich ist klar, dass die Mär von geheimen Verbindungsgängen die über viele Kilometer reichen und sogar Wasserläufe unterqueren in das Reich des Phantastischen zu verweisen ist. Ausgangspunkt von Legenden über unterirdische Gänge war oft irgendeine Beziehung zwischen zwei Orten. Was genau diese miteinander verband, geriet im Laufe der Geschichte in Vergessenheit. Es ist nur noch bekannt, dass es irgendeine Art von Beziehung gab und daraus konnte dann die Vorstellung eines geheimen Verbindungsganges entstehen. Bei den wenigen bisher archäologisch und historisch nachgewiesenen Geheimgängen handelt es sich um so kurz wie möglich gehaltene Gänge, die zum Zweck eines Ausfalls oder als Fluchtmöglichkeit aus der befestigten Stadt angelegt wurden.
Eine dieser sogenannten Poternen konnte nun bei einer archäologischen Untersuchung im Frühjahr 2012 im Norden der Wittenberger Altstadt aufgedeckt werden (Abb. 1). Die noch etwa zwölf Meter lange Anlage ist vollständig aus massivem Ziegelsteinmauerwerk errichtet. Sie besteht aus einem Gang, der durch einen wohl extra niedrig gehaltenen Durchgang in einen 5,00 mal 2,60 Meter großen Raum mündet (Abb. 2 bis 4). In der Ostwand dieses Raumes fand sich ein zugesetztes Türgewände (Abb. 5).

Im oberen Teil sind Löcher für einen Sperrbalken zu erkennen, die es ermöglicht haben, die Tür sicher verschließen zu können. Diese Poterne war Teil der frühneuzeitlichen Befestigung von Wittenberg, die aus Basteien und Wällen in Form von rasenbedeckten Erdwerken bestand. Für die Kasemattierung der Anlagen wurden 1530/31 sogar hoch spezialisierte Gewölbemaurer (»Vutenarbeiter«) herbeigeholt (Stahl 2014).
Dies ist jedoch nicht der einzige Befund der im Jahr 2012 zur Stadtbefestigung von Wittenberg bei archäologischen Untersuchungen zum Vorschein kam. Weitere neue Erkenntnisse konnten im Norden, Osten und Westen der Altstadt gewonnen werden.

Im Frühjahr 2012 wurde der zur bereits erwähnten Poterne gehörende Wall der Stadtbefestigung in der westlichen Mauerstraße auf einer Länge von insgesamt 127 Meter dokumentiert (Abb. 6, 7).

Die einstige Oberfläche des Walls ist deutlich als humose Schicht zu erkennen. In dieser Schicht fanden sich Mengen an hochwertiger Keramik, bei denen es sich um die materiellen Hinterlassenschaften der südlich des Walles angesiedelten Franziskanermönche handelt, die ihren Abfall wohl direkt hinter dem Wall entsorgt haben. Während der Grabungen auf dem Arsenalplatz konnte im Übrigen festgestellt werden, dass die Stadtmauer vor 1270 im Verlauf der Klosterstraße lag und die Stadt erst für die Anlage des Franziskanerklosters nach Norden erweitert wurde. Die Befestigung dieser Stadterweiterung bestand nun nicht mehr in einer Mauer, sondern war nur noch als Erdwall ausgeführt.

Auf der nördlichen Seite dieses Walles zieht die alte Walloberfläche unter eine zweite Auffüllschicht. Das lässt auf eine Erhöhung und Verbreiterung des Erdwalles in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts schließen. In den Erdwall wurden außerdem Punktfundamente eingebracht, die eine Mauer auf Entlastungsbögen trugen. Möglicherweise handelt es sich hier um eine Eskarpemauer mit eingeschnittenen Schießscharten, die zur Nahverteidigung des Grabens und darüber hinaus zur Festigung des Walles dienten (Stahl 2014).
Es ist zu vermuten, dass der Geheimgang und die Wallerweiterung kurz vor dem Schmalkaldischen Krieg angelegt wurden, im Zuge dessen Wittenberg von einer befestigten Landstadt zur Festung ausgebaut wurde.

Ein weiterer wichtiger Fund der im Zusammenhang mit der Befestigungsanlage - hier aber im Osten der Stadt steht - ist der Schlussstein eines Bogens, der mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zur Durchfahrt des östlichen Stadttores gehörte. Der Werkstein wurde westlich vom Turm der Schlosskirche in einer Planierschicht aufgefunden. Der konisch geformte Stein mit einer Größe von 43 mal 37 Zentimeter ist rundum bearbeitet und zeigt auf der einen Seite ein Relief mit einem Wappenschild (Abb. 8). Das Wappen ist unschwer als das sächsische Kurwappen mit Raute und Kurschwertern zu identifizieren. Auf dem Stein sind sogar noch Reste einer Farbfassung in Rot und Weiß erhalten.

Mit dem Bogensegment lässt sich die Breite der Durchfahrt errechnen. So kann für die Breite etwa 2,80 Meter beziehungsweise 10 Schuh/Fuß (1 Lpz. Baufuß = 0,28 Meter) und für die Höhe des Tores circa 3,36 Meter beziehungsweise 12 Schuh/Fuß angenommen werden. Die Höhe würde dann das 1,2-fache der Breite betragen (Abb. 9). Ein ähnlicher Schlussstein ist in Assenheim (Wetteraukreis) an der Nordseite des Kirchturms vermauert.
Neben diesem besonderen Einzelfund konnten auf der Ostseite des Turmes der Schlosskirche die Reste eines Gebäudes dokumentiert werden, das die innere Toranlage begrenzte (Abb. 10). Zwischen dem äußeren und dem inneren Tor befand sich ein Zwinger, dessen Sohle - sicher aus befestigungstechnischen Gründen - um etwa zwei Meter unter das Außenniveau abgesenkt wurde.

Der Zwinger wurde über einen Treppenturm erschlossen. Dieser verfügte einst über ein sicher repräsentatives Sandsteingewände, welches später herausgebrochen wurde. Das Mauerwerk – welches im Inneren noch großflächig verputzt war - bestand aus sauber gesetzten Ziegelsteinen mit Ecken aus Formsteinen (Abb. 11, 12). Die Spindel der Treppe war aus quadratischen Ziegelplatten und die Stufen ebenfalls aus Formsteinen gemauert. Anhand von Auskerbungen an der Treppenspindel ist zu erkennen, dass die Trittflächen der einzelnen Stufen ehemals mit Holz belegt waren.
Darüber, wie das schmale Gebäude in den oberen Geschossen gestaltet war, gibt ein Kupferstich von J.G. Schreiber aus dem Jahr 1717 Anhaltspunkte (Abb. 13, 14).

Zu erkennen ist ein zweigeschossiges Gebäude mit Renaissancegiebel. Aufgrund des Erscheinungsbildes muss das Gebäude im 16. Jahrhundert errichtet worden sein. Das legt auch die freigelegte Treppe nahe.

Weiterhin geben die schriftlichen Quellen Hinweise auf  Funktion und Datierung des Gebäudes. So erschließt sich für das Gebäude aus dem ältesten überlieferten Grundriss des Wittenberger Schlosses aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, der im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden aufbewahrt wird, das Vorhandensein einer »Glöcknerwohnung«. In den Wittenberger Amtsrechnungen des Jahres 1537/38 findet sich außerdem der Vermerk, dass »bei des Custers gemach bey den thoren« am Kirchturm das Dach repariert wird (siehe ThHStAW, EGA, Reg. Bb 2815: Rechnungen des Amtes Wittenberg 1537/38). Wir haben also hier die Wohnung des Küsters der Schlosskirche vor uns, die im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts erbaut wurde (Abb. 15).

Nur im Süden der Stadt ist die mittelalterliche und frühneuzeitliche Stadtbefestigung auch im Aufgehenden erhalten. So lässt sich gerade in der Südostecke des Stadtgrundrisses die mittelalterliche Befestigung recht gut rekonstruieren. Archäologische und bauhistorische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Südfassade des Lutherhauses den Stadtmauerverlauf nachvollzieht und an der Südwestseite ein kleiner Turm in das Gebäude integriert wurde, der im Jahr 2000 freigelegt werden konnte. Ebenfalls in den Bau des Lutherhauses wurde ein annähernd quadratischer Turm einbezogen, der heute noch über zwei Etagen im Bauwerk vorhanden ist. Er steht über Eck, genau an der Südostecke der Stadtmauer. Von diesem Turm aus läuft die Stadtmauer – heute noch etwa vier Meter hoch erhalten – weiter nach Norden.

In ihrem Verlauf konnte in den letzten Monaten ein weiterer Turm ergraben werden, der sich bereits durch charakteristische Abbruchkanten im aufgehenden Mauerwerk zu erkennen gab (Abb. 16). Der Turm ist annähernd quadratisch mit einer äußeren Seitenlänge von etwa acht Meter. Er ragt aus dem Stadtmauerverlauf nur um wenige Zentimeter hervor, sodass eine effektive Seitenbestreichung  kaum möglich war. Das jetzt freigelegte Turmfundament kann in das 14. Jahrhundert datiert werden. Eine Besonderheit, die sich im Übrigen auch am südlich gelegenen Turm findet, ist die Einbringung einer »Bodenplatte« aus großen Feldsteinen und viel Kalkmörtel. Die Mächtigkeit dieser Schicht beträgt mindestens 50 Zentimeter.
Der Zweck einer solchen Platte dürfte nicht in statischen Erwägungen zu suchen sein, denn die Standfestigkeit des Bauwerkes gewährleisten allein die etwa 1,80 Meter starken und tief gegründeten Seitenwände. Wahrscheinlich wollte man mit der flächendeckenden Steinpackung im Innenraum ein Durchbrechen des Turmes von unten verhindern. Eine oft angewandte Vorgehensweise bei Belagerungen war nämlich das Unterminieren der Befestigung. Dadurch versuchte man sich auf der Seite der Belagerer unterirdisch einen Zugang in die Stadt zu verschaffen oder aber größere Mauerteile zum Einsturz bringen.

Besondere Dank gilt Holger Rode und Anke Neugebauer für die zahlreichen Hinweise.


Text: Johanna Reetz
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

A. Lemhöfer, Arme Ritter. Der Kunsthistoriker Ulrich Großmann über die Verkitschung des Mittelalters und sein Burgenmuseum. ˂https://www.zeit.de/2012/32/Thueringen-Burgenmuseum˃ (14.07.2021).

A. Stahl, »... so laufen die Säu und Hunde darüber« – Die Wittenberger Stadtbefestigung in der Lutherzeit. In: H. Meller (Hrsg.), Mitteldeutschland im Zeitalter der Reformation. Tagungsband. Forschungsberichte des Landesmuseums für Vorgeschichte 4 (Halle [Saale] 2014).

A. Stahl, Von der Stadtbefestigung zur »ChurVestung Wittembergk«. In: L. Helten/A. Hille (Hrsg.), Das Schloss des Kurfürsten und der Beginn der frühneuzeitlichen Stadtbefestigung von Wittenberg: Kolloquium zu den aktuellen Ausgrabungen im Vorschloss (Südflügel) Wittenberg, veranstaltet vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und dem Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am 25. Mai 2011 in Halle a.d. Saale. Archäologie in Sachsen-Anhalt – Sonderband 22 (Halle [Saale] 2014) 65-96.

Zum Seitenanfang