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Fund des Monats

Juni 2014: Spätmittelalterliche Schuhe

Einige spätmittelalterlich Lederfunde des 13. bis 15. Jahrhunderts wurden nach der Sommerflut von 2013 zur Kontrolle in die Restaurierungswerkstatt gebracht. Hier sollte eine Untersuchung auf eventuelle Schäden stattfinden und der Gefahr der Schimmelbildung vorgebeugt werden.
Viele der Funde sind nach der Ausgrabung nur gereinigt und getrocknet worden. Die Objekte sind stark fragmentiert und durch die Lagerung in der Erde und die Trocknung vor der Deponierung verformt, sodass man nicht immer erkennen konnte, worum es sich handelt. 
Ein interessant erscheinendes Stück ist zum Beispiel ein Lederknäuel der Grabung Halle- Spitze aus dem Jahr 1996 (Abb. 1).

Es wurde durch Einlegen in Wasser wieder geschmeidig gemacht. Dies funktioniert bei archäologischem Leder meist gut, da die Faserstruktur durch ein anaerobes Feuchtemilieu im Boden noch intakt ist. Bei trockener aerober Überlieferung, wie sie zum Beispiel in durchlüfteten Kirchenräumen möglich ist, kommt es durch Oxidation zur Zerstörung der Faserstruktur, so dass solche Lederobjekte gegenüber Wasser sehr empfindlich sind. Wässern würde solche Objekte zerstören. Archäologisches Leder verhält sich dagegen wie Rohhaut: es trocknet zwar hart und spröde auf, lässt sich durch Wässern aber immer wieder geschmeidig machen. Will man verhindern, dass es nach dem Trocknen wieder hart und spröde wird, muss man es mit nichtverdunstenden Fetten oder Kunststoffen tränken. Bewährt hat sich hier die Tränkung des archäologischen Leders mit einer wässrigen 30-prozentigen Lösung PEG 600. In dieser Tränkungslösung wurde auch das als Schuhoberleder identifizierten Lederfragment eingelegt.
Nach einigen Tagen wurde es zum Trocknen auf Zellstoff ausgebreitet und mit Glasplatten beschwert (Abb. 2).

Die Reduzierung des ehemals dreidimensionalen Schuhs auf zwei Dimensionen ist nicht einfach. Fehlstellen und überlieferungsbedingte Deformierungen führen dazu, dass die geglätteten archäologischen Schuhoberlederreste nicht eins zu eins mit den historischen Zuschnitten gleichgesetzt werden können. Allerdings ist es nun möglich, das Oberleder so zeichnerisch zu dokumentieren, dass es mit bereits publizierten Material oder dokumentierten Oberledern des eigenen Bestandes verglichen werden kann (Abb. 3).

Das Oberleder von Halle-Spitze weist die für Schuhe typischen Nähte auf. Dabei handelt es sich um die Verbindungsnaht Oberleder/Sohle, Oberleder/Oberleder und Nähte für die Anbringung von Verstärkungen und Applikationen. Die Darstellung der Nähte erfolgt nach Empfehlungen von O. Goubitz, da die standardisierte schematische Nahtdarstellung die Vergleichbarkeit der Oberleder wesentlich erleichtert (Goubitz 1984).
Unser Oberleder gleicht zum Beispiel einem Schuh, der 1999 in Salzwedel gefunden wurde (HK-Nr. 99:5204a, Abb. 4).

Es handelt sich dabei um einen hohen Schuh mit Knöpfverschluss. Als Knopf dient ein Knoten an einem Lederriemen. Beim Salzwedler Schuh sind sieben solcher Knöpfriegel vorgesehen, beim Schuh aus Halle nur sechs. Im Fersenbereich ist bei beiden Schuhen eine dreieckige Fersenversteifung angenäht. Beim Salzwedler Schuh ist diese Fersenversteifung noch erhalten.
Die Ähnlichkeit beider Schuhleder sieht man besonders gut, wenn man die Zeichnungen übereinanderlegt (Abb. 5).

Aufgrund des Zuschnitts ist es auch möglich, das Erscheinungsbild des Schuhs zu rekonstruieren. Vorlagen dafür erhält man aus einer Publikation von Goubitz unter anderem, die 2001 einen entsprechenden Katalog vor allem mit archäologischen Funden aus den Niederlanden publizierten. Dort findet man Zuschnitte und Rekonstruktionen für die meisten mittelalterlichen Schuhtypen, so auch für unsere spätmittelalterlichen Schuhreste aus Sachsen-Anhalt (Abb. 6).


Text: Heiko Breuer
Online-Redaktion: Dorothee Menke, Anja Lochner-Rechta

Literatur

O. Goubitz, The drawing and registration of archaeological footwear. Studies in Conservation 29, 1984, 187–196.

O. Goubitz/C. van Driel-Murray/W. Groenman-van Waateringe, Stepping through Time. Archaeological Footwear from Prehistoric Times until 1800 (Zwolle 2001).

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