Zur Navigation (Enter) Zum Inhalt (Enter) Zum Footer (Enter)

Fund des Monats

Januar 2016: Prachtvolles Trinkgeschirr in einem bescheidenen Haus.

Ein Wappenhumpen aus Wittenberg

Im Winter 2011 konnte bei Ausgrabungen auf dem sogenannten Arsenalplatz in der nördlichen Altstadt Wittenbergs aus einer unscheinbaren Latrinengrube ein in 29 Fragmente zerscherbter, jedoch nahezu vollständig erhaltener Humpen mit Emailbemalung geborgen werden (Abb.1). Der Fundplatz des kostbaren Stückes befand sich im hinteren Bereich eines Grundstückes in der Bürgermeisterstraße. Dieses zählt mit zehn Metern Breite eher zu den kleineren Parzellen in dieser Straße. Auch die archäologisch nachweisbare Bebauung des Grundstückes fällt nicht durch Besonderheiten auf. An der östlichen Grundstücksfront fand sich ein kleiner Keller. Dabei handelt es sich um einen flachgedeckten mittelalterlichen Feldsteinkeller, der im 16. Jahrhundert mit einer Tonne aus Feldsteinen überwölbt wurde (Abb. 2).
Die Restaurierung des 23,5 Zentimeter hohen Humpens aus grün getöntem Waldglas in der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle offenbarte, welch herausragendes Objekt das in Wittenberg gefundene Glas darstellt. (Abb. 3, 4) Der 23,5 Zentimeter hohe Humpen ist mit einer sehr qualitätsvoll ausgeführten, polychromen und vergoldeten Emailmalerei versehen. Wenngleich aufgrund der Korrosion Farbveränderungen vorkommen, besticht das Dekor nach wie vor durch eine kräftige Farbigkeit.

Auf der einen Seite befindet sich das Kurfürstlich-Sächsische Gesamtwappen  (Abb. 5) und auf der gegenüberliegenden Seite das Wappen der Mark Brandenburg mit einem Fürstenhut darüber (Abb. 6).

Über dem sächsischen Wappen befindet sich die Jahreszahl »1585« und über ihr die Buchstabenfolge »F C V«. Über dem brandenburgischen Wappen sind die Buchstaben »H D (…) D« zu lesen.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kamen derartige emailbemalte Humpen in Mode, die mit einem Wappen verziert sind. Diese frühen Stücke wurden in Venedig für den nordalpinen Markt produziert und wenig später in Süddeutschland nachgeahmt (von Saldern 1965, 37-39; von Schroeder/Ulitzka 1994, 177-181). In den frühen 1570er Jahren begann die Herstellung von emailbemalten Humpen in Böhmen und kurze Zeit später auch in Sachsen (Haase 1988, 20-23, Katalog-Nummer 18, 21, 23-25, 26, 29, 33-39).
Der in Wittenberg aufgefundene, 1585 datierte Humpenist ein äußerst frühes Exemplar mit Malerei höchster Qualität. Der frühste bekannte Reichsadlerhumpen aus böhmischer Herstellung datiert in das Jahr 1571 und befindet sich heute im British Museum (Hess 1997, 214).

Die Arbeit entstand in einer erzgebirgischen Glashütte, wobei die grünliche Färbung eher auf die Entstehung in Sachsen als in Böhmen hinweist. Diese frühen Emailgläser aus erzgebirgischer Produktion tragen in der Regel Wappen sächsischer Adelsgeschlechter. Formal verweist das Dekor auf die später produzierten sächsischen Hofkellerei-Humpen, die besonders hochwertige, teilweise vergoldete Dekore mit dem kursächsischen Gesamtwappen tragen. Die Hofkellerei-Humpen entstanden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und wurden in Kursachsen hergestellt (Haase 1988, 22).Auch wurden diese mit den Initialen von Fürsten oder deren Gemahlinnen versehen.Für die Buchstabenfolgen des Wittenberger Humpenskann bisher aber keine Übereinstimmung mit Initialen von Mitgliedern der sächsischen oder brandenburgischen Herrscherfamilien und deren auf dem Glas präsentierten Wappen nachgewiesen werden. So muss die Entschlüsselung der Buchstabenfolge momentan ungeklärt bleiben.
Jedoch kann als Anlass für die Kombination beider Wappen auf einem Humpen die Hochzeit zwischen dem sächsischen Prinzen Christian I. (1560 bis 1591) mit Sophie von Brandenburg (1568 bis 1622) am 25. April 1582 wahrscheinlich gemacht werden. Die gleichzeitige Darstellung der beiden Wappen symbolisiert die durch die Heirat nochmals bekräftigte enge Bindung der beiden Herrscherhäuser. In diesem Zusammenhang scheint eine Verwendung als diplomatisches Geschenk an hochrangige Wittenberger Bürger oder dort ansässige Adlige vorstellbar.

Warum dieses wertvolle Glas schließlich in einem eher bescheidenen bürgerlichen Kontext wurde, bleibt jedoch unklar. Die Beifunde aus der Latrinengrube stellen einfaches Haushaltsgeschirr dar, wie es auf jedem Wittenberger Grundstück zu finden ist. Auch weitere Glasobjekte fanden sich hier nicht. Vielleicht gelangte das wertvolle Stück erst als Antiquität aus dritter Hand in den Besitz des Grundstückseigners. Letztlich ist sogar ein Erwerb durch Diebstahl vorstellbar.


Text: Holger Rode, Johanna Reetz, Susanne Kimmig-Völkner
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

G. Haase, Sächsisches Glas. Geschichte – Zentren – Dekorationen (München 1988).

C. Hess, Timothy Husband, European Glass in the J. Paul Getty Museum: Catalogue of the Collections. the J. Paul Getty Museum (Los Angeles 1997).

A. v. Saldern, German Enameled Glass. The Edwin J. Beinecke Collection and Related Pieces. Corning Museum of Glass (New York 1965).

J. K.v.Schroeder / St.Ulitzka, Wappengläser (Kat. 166-173). In: Anna-Elisabeth von Theuerkauff-Liederwald (Hrsg.), Venezianisches Glas der Kunstsammlungen der Veste Coburg. Die Sammlung Herzog Alfreds von Sachsen-Coburg und Gotha (1844-1900). Venedig, À la façon de Venise, Spanien, Mitteleuropa (Lingen 1994).

Zum Seitenanfang