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Fund des Monats

März 2016: Die Kreuzfibel von der Hildagsburg

Nördlich von Magdeburg, an der Mündung der Ohre in die Elbe befindet sich bei Elbeu/Wolmirstedt ein früh- bis spätmittelalterlicher Burgwall, die Hildagsburg (Abb. 1). Durch den Bau des Mittellandkanals und der Bahnstrecke Stendal–Magdeburg in den 1920er Jahren wurde sie zu großen Teilen zerstört. Seit den 1990er Jahren kam es auf dem Burggelände zu weiteren Baumaßnahmen, sodass das Bodendenkmal heute fast vollständig abgetragen ist (Abb. 2). Da aber fast alle Erdarbeiten von Ausgrabungen begleitet werden konnten, kann die Geschichte der Burg im Ganzen gut nachvollzogen werden.
Im 9. Jahrhundert von ostfränkischer Seite als Holz-Erde-Wallanlage errichtet, wurde die Hildagsburg im Laufe der Zeit mehrfach ausgebaut und verstärkt, seit dem 12. Jahrhundert auch mit Steinmauern. Die Befestigung war ein wichtiger ostfränkisch-deutscher Herrschaftssitz, diente als Verwaltungszentrum und der Sicherung der Slawengrenze, im 11. Jahrhundert überdies als Münzprägestätte. Im 13. Jahrhundert wurde sie aufgegeben. Die Burgkapelle Sankt Nikolaus existierte jedoch bis in die Reformationszeit als Ziel einer Wallfahrt weiter.

Die grundlegenden Forschungen an der Hildagsburg nahm H. Dunker 1926 bis 1929 vor, doch fanden auch in jüngerer Zeit verschiedene Baubegleitungen und Ausgrabungen statt, unter anderem bei einer Kabelverlegung 1999 und beim Ausbau des Mittellandkanals durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 2009. Die Ausgrabung von 1999 betraf eine gut 40 Quadratmeter große Fläche in der Hauptburg, bei der mehrere Wandgräbchen, Hausbefunde und Gruben geschnitten wurden (Abb. 3). Dabei kamen größere Mengen mittelslawischer Keramik sowie einige interessante Kleinfunde zutage. Ein besonders bemerkenswertes Stück soll hier vorgestellt sowie hinsichtlich seiner Funktion, Datierung und kulturhistorischen Einordnung besprochen werden: Eine kreuzförmige Fibel aus Eisen.

Der Fund

Es handelt sich um ein kreuzförmiges Eisenobjekt, das aufgrund starker Korrosion zunächst nicht näher einzuordnen war, nach der Restaurierung aber als Kreuzfibel oder kreuzförmiger Beschlag bestimmt werden kann (Abb. 4, 5; gedankt sei Vera Keil, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt,  für die ausgezeichnete Restaurierung). Drei Arme des Kreuzes sind in voller Länge erhalten, der vierte ist leicht fragmentiert. Es ergeben sich rekonstruierbare Maße von circa 4,5 mal 4,5 Zentimeter. Die rautenförmigen, leicht geschweiften Armspitzen werden von je drei Eckrundeln beschlossen. Die Form nähert sich damit einem Kleeblattkreuz an. In den Zentren der rautenförmigen Arme befinden sich kegelförmige Noppen, die auf der Rückseite mehr oder weniger gut erkennbar als Vertiefung erscheinen. Ein Nadelhalter oder eine ähnliche Vorrichtung sind nicht vorhanden; ihr ehemaliges Vorhandensein kann angesichts des schlechten Erhaltungszustandes – gerade die Rückseite des Fundes ist stark korrodiert – jedoch keinesfalls ausgeschlossen werden. Im Zentrum des Kreuzes wurde durch Verdickung der Arme und Ritzlinien ein geschweiftes kleineres Kreuz markiert, das bis auf halbe Höhe der Arme reicht.

Ein kleiner, bei der Restaurierung entdeckter Goldflitter auf der Korrosionsschicht könnte Hinweis auf eine ehemalige Vergoldung oder auf eine Betonung der Ritzlinien-Konturen des zentralen Kreuzes durch Goldeinlagen sein. Das Stück wurde in Befund 8, einem zu einem rechteckigen Hausbefund gehörenden Wandgräbchen, entdeckt. Nach den Scherben, charakteristisch verzierte slawische Keramik des Typs Menkendorf aus der zweiten Hälfte des 9. und der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts (Abb. 6), konnte der Befund in die Jahrzehnte um 900 datiert werden kann.

Kulturhistorische Einordnung

Da die Nadelkonstruktion auf der Rückseite des Stückes fehlt, stellt sich zunächst die Frage, ob der Fund von der Hildagsburg eine Fibel, ein Beschlag oder ein Anhänger gewesen ist. Formal unserem Stück vergleichbare Kreuzanhänger finden sich in erster Linie in frühmittelalterlichen Frauengräbern. Ihr Verbreitungsgebiet umfasst nahezu ganz Mittel-, aber auch Nordeuropa, denn zahlreiche frühmittelalterliche Kreuzanhänger stammen aus wikingerzeitlichen Bestattungen Skandinaviens. Wie bei den Kreuzfibeln herrscht auch bei den Anhängern das gleicharmige griechische Kreuz vor, das sich in einer großen Form- und Verzierungsbandbreite präsentiert. Diese Interpretation ist für den Fund aus der Hildagsburg jedoch unwahrscheinlich, da keine Aufhängeöse erkennbar ist.

Eher könnte es sich um einen Beschlag handeln. Leider ist nicht endgültig zu entscheiden, ob es sich bei den Noppen an den Armenden des Kreuzes um Nietköpfe oder Zierbuckel handelt, was für die funktionsmäßige Einordnung des Stückes ausschlaggebend wäre. Wahrscheinlich sind es Dekorelemente, da auf der Rückseite der Buckel Vertiefungen, jedoch keine Reste von Nieten erkennbar sind. Ähnliche kreuzförmige Beschläge sind unter anderem aus Gräbern des 9. Jahrhunderts in Tschechien, Kroatien und Ungarn bekannt. Allgemein finden sich in den westslawischen Regionen häufiger Kreuzbeschläge als -fibeln, da Fibeln in der slawischen Frauentracht keine große Rolle spielten, somit auch nicht als religiöser Bedeutungsträger fungierten. Kreuzförmige Beschläge konnte man hingegen am Gürtel oder anderswo befestigen. M. Schulze-Dörrlamm hält die kreuzförmigen Beschläge mit drei Eckrundeln aus den slawischen Gebieten für Imitationen von fränkischen Kreuzfibeln des Typ Worms.
Für eine Interpretation des hier besprochenen Fundes als Fibel, dessen Nadelkonstruktion sekundär verloren ist, sprechen seine guten Parallelen in fränkischen Kreuzfibeln mit drei Rundeln an den Armenden, wie sie unter anderem aus Hamburg, Wünnenberg-Fürstenberg, Kreis Paderborn, der Ortswüstung Aspen, Kreis Soest und Balhorn/Bad Emstal, Landkreis Kassel bekannt sind (Abb. 7). Kreuzförmige Fibeln mit drei Eckrundeln sind in Mitteleuropa weiträumig bekannt, mit einem Verbreitungsschwerpunkt in den sächsischen Siedlungsgebieten (Abb. 8). Der Fund von der Hildagsburg verstärkt dieses Fundbild.

Kreuzfibeln sind eine der häufigsten Fibelformen des frühen Mittelalters in Zentraleuropa. Zu ihnen zählen einfache gleicharmige Kreuzfibeln und solche mit strahlenartigen Fortsätzen in den Kreuzzwickeln (Typ Ingolstadt), aber auch Kreuzscheibenfibeln aus Pressblech mit Glas-, Email- oder Almandin-Einlagen. Eine weitere Form der Fibeln mit christlicher Symbolik repräsentieren die sogenannten Heiligenfibeln. Auf diesen sind Heilige in Frontalansicht, in farbigen Emailfeldern oder als Relief dargestellt wurden. Es zeichnet sich eine chronologische Abfolge von der einfachen Kreuzfibel über die Kreuzscheiben- hin zur Heiligenfibel ab; dabei lösten die Fibeltypen einander jedoch nicht direkt ab, sondern wurden zeitweise parallel getragen. Wir können den Fund von der Hildagsburg daher den fränkischen Kreuzfibeln des frühen Mittelalters zugesellen.
Mit diesen Fibeln haben wir offenkundig Objekte mit christlichem Symbolcharakter vor uns, die ausweislich diverser Grabfunde vorwiegend zur weiblichen Tracht gehörten. Das Tragen christlicher Symbole als sichtbares Glaubensbekenntnis spielte besonders während der Verbreitung des Christentums eine wichtige Rolle. Die häufige Auffindung der Kreuzfibeln in den fränkischen Missionsgebieten in Sachsen, später auch an den Grenzen zum nordwestslawischen Raum, legt nahe, dass derartige Trachtstücke ihre Aufgabe als Glaubensbekenntnis vor allem dort entfalteten, wo die Religionen aufeinanderstießen, mit solchen Emblemen sollten pagane Symbole verdrängt und ersetzt werden.


Text: Ottilie Blum
Online-Redaktion: Maria Albrecht, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

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