Zur Navigation (Enter) Zum Inhalt (Enter) Zum Footer (Enter)

Fund des Monats

Oktober 2017: »Die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln...«

Als in Zeitz die grundlegende Neugestaltung des Brühls anstand, wurden die damit verbundenen Schachtungen für die Kanalsanierung und der notwendige Bodenabtrag für den Unterbau der neuen Oberfläche durchgängig von einem Archäologenteam des Landesamtes begleitet. Trotz moderner Überprägung hatten sich noch zahlreiche mittelalterliche und neuzeitliche Befunde erhalten, die einen Einblick in die Bebauungsstruktur, die Infrastrukturen der Wasserversorgung und Wasserentsorgung sowie den Verlauf der Stadtmauer erlauben (Hiptmair 2017-Fundbericht).
Bei Arbeiten auf der Westseite des Brühls fiel den Ausgräbern in einer unspektakulären, durch Leitungstrassen bereits stark gestörten Schicht ein kleiner Anhänger (Höhe 2,9 Zentimeter [ohne Öse], Breite 1,8 Zentimeter, Tiefe 0,4 Zentimeter) aus Bronze oder Messing auf, der anhand seiner Machart in die frühe Neuzeit (16. Jahrhundert?) datiert werden kann und diesen Monat im Fokus steht (Abb. 1).
Es handelt sich um die Imitation eines Buches mit den für einen Ledereinband typischen Verdickungen im Rücken und Buchschließen am Buchschnitt. Die »Buchdeckel« zeigen jeweils einen Rahmen mit Einkerbungen, die möglicherweise eine umlaufende Schrift nachahmen sollen.

Die Ikonographie der Vorderseite des Anhängers erschließt sich nicht eindeutig. Im rechteckigen Mittelfeld sind sieben geometrische Figuren eingeritzt, die je mit einem Loch in der Mitte versehen sind. Möglicherweise symbolisiert diese Darstellung das Buch mit den sieben Siegeln (Offenbarung 5,1) aus der Apokalypse des Johannes. Dieser neutestamentliche Text lässt sich als Schilderung des Weltendes deuten. Mit dem Hinweis auf das Lamm, das das Buch öffnet, stellt er einen Bezug zu Jesus Christus her, der diejenigen errettet, die an ihn glauben.
Anders verhält es sich mit der Rückseite des »Einbandes«. Die Abbildung einer Schlange (Abb. 2), die sich züngelnd um einen T-förmigen Stab windet, bezieht sich auf eine alttestamentliche Begebenheit, als die Israeliten bei ihrer Wanderung ins gelobte Land anfingen, in der Wüste zu murren.
»Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.« (4. Mose 21, 6-9).

 

In christlicher Auslegung verweist das Motiv von Mose mit der ehernen Schlange auf den Kreuzestod Jesu Christi und die Erlösung der Gläubigen zum ewigen Leben (1 Petrus 2,24, Johannes 3,14-15), wie es zum Beispiel im jüngeren Bibelfenster von 1280 im Kölner Dom dargestellt ist (Abb. 3). Auch in den Schlüsselwerken der Reformation wie zum Beispiel dem berühmten Cranach-Gemälde »Christus am Kreuz« (1552-1555) vom Altar der Stadtkirche in Weimar taucht die Geschichte aus dem vierten Buch Mose auf. Sie symbolisiert das Alte Testament (Gesetz), dem die Gnade des Neuen Testaments mit Kreuzigung und Auferstehung gegenübersteht, womit Cranach  die Kernposition der Biblischen Rechtfertigungslehre nach Martin Luthers Verständnis verdeutlicht (Abb. 4).
Neben der Darstellung im szenischen Zusammenhang findet sich im 16. Jahrhundert die Abbildung der ehernen Schlange auch als isoliertes Zeichen (Diehl/Matthaes 1956). Philipp Melanchton setzt sie beispielsweise  in sein Wappen (Abb. 5) und Melchior Lotter der.. Jüngere, der 1522 die erste Ausgabe von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes druckt, wählt sie als Erkennungszeichen.
Mit der Erfindung der Druckpresse um 1450 legt Johannes Gutenberg den Grundstein zur Medienrevolution der frühen Neuzeit, der Einführung und Ausbreitung des Buchdruckes (Abb. 6).Im Vergleich zu den handgeschriebenen mittelalterlichen Einzelexemplaren muten die im 16. Jahrhundert in immer größerer Zahl erscheinenden Druckschriften wie Massenkommunikationsmittel an, durch die sich Luthers Lehren damals rasch verbreiten. Leichterer Zugang zu Büchern und steigendes Bildungsniveau ermöglichten immer mehr Menschen über Adels- und Kirchenkreise hinaus, dieses Medium zu nutzen.
Die Oberseite des Zeitzer Anhängers verschließt eine kleine Platte, an der sich auch die Öse befindet, während die Unterseite offen bleibt (Abb. 7).  Bei der Restaurierung des Stückes im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie fanden sich leider keine Überreste, die Rückschlüsse auf den ursprünglichen Inhalt des Miniaturbuches zuließen. Möglicherweise steckte ein zusammengefalteter Zettel mit Bibelzitaten darin, der bei der Fundbergung bereits vollständig vergangen war.
Handelt es sich bei dem Anhänger in Buchform um ein Glaubenszeugnis und weist die einfache Ausführung darauf hin, dass im Reformationszeitalter auch weniger Vermögende ihrer Wertschätzung für Bücher und das Evangelium Ausdruck verleihen wollten?

Oder steht er in der Traditionslinie eines noch bis ins 19./20. Jahrhundert in Süddeutschland und Österreich weit verbreiteten Ausdrucks katholischer Volksfrömmigkeit, dem Breverl? (Ich danke an dieser Stelle Herrn Dr. Bernd Trier vom Stadtmuseum Münster für den freundlichen Hinweis.)  Der Name leitet sich vom lateinischen Wort breve für »kurz« ab und bei den Exemplaren dieser Miniatur-Devotionalie stecken ein oder mehrere klein zusammengefaltete Zettel mit Gebeten beziehungsweise Bildern in einer Hülle zum Beispiel aus Metall oder Stoff (Abb. 8). Mit einer Aufhängung versehen konnten sie um den Hals getragen werden und sollten vor Unheil, Gefahren und Krankheiten schützen. Das Motiv der ehernen Schlange, die die Israeliten vor den tödlichen Auswirkungen der giftigen Schlangenbisse schützt, kann in diesem Sinne gedeutet werden. Auch die Löcher auf der Vorderseite des Anhängers fügen sich ein in eine Interpretation als Schutzamulett, durch die ein mit wohlriechenden oder auch übelriechenden Flüssigkeiten getränkter Stofffetzen seine Duftwirkung entfalten kann. Dies entspricht der Funktion von sogenannten Pommandern oder Bisamäpfeln (Abb. 9), die bereits während der großen europäischen Pestepidemien in Gebrauch waren. Ausgehend von der damals allgemein verbreiteten Vorstellung, dass ein Zusammenhang zwischen Ansteckung und übler Luft bestünde, sollte das Verbrennen von Räucherwerk oder das Tragen duftender Riechäpfel die Luft reinigen und die Gefahr einer Erkrankung mindern.

 

Im Reformationszeitalter sind die Grenzen zwischen Glaube und Aberglaube fließend. Gegen den »magischen Missbrauch« von religiösen Texten und Symbolen gehen die Kirchen immer wieder vor. Auch katholische Theologen verurteilen prinzipiell die Verwendung biblischer Texte in Form von Amuletten oder in einem mit Zauberei verwechselbaren Zusammenhang. Das Interesse am Erhalt einer Volkskirche führt jedoch zu einer ambivalenten Haltung, so dass magische Praktiken der Volksfrömmigkeit im rechtgläubigen Sinne umgedeutet und geduldet werden. (Schreiner 1990, 340, 349-353).
Der unscheinbare Anhänger am Wegesrand des Brühls in Zeitz verweist auf Glaubensvorstellungen in der Umbruchszeit zu Beginn der Neuzeit. Er ermöglicht aber keine Aussage zur Konfession des Trägers. Die Entscheidung, ob es sich um ein Zeugnis christlichen Glaubens oder magischen Aberglauben handelt, führt zu der Frage, woran Religion und Magie zu unterscheiden seien. Ist es die demütige Haltung des Beters, mit der er sich seinem Gott unterwirft im Gegensatz zum fordernden Element der Magie? Oder ist dieser Gegensatz im Sinne Olof Petterssons aufzulösen, der feststellt:
Tatsächlich aber gehören beide Aspekte [Magie und Religion] zur Sphäre des Heiligen, d.h. zum Glauben des Menschen an die übernatürliche Macht, die als letzte Instanz für die Wünsche und Schicksale der Menschen begriffen wird (Pettersson 1957 zitiert nach Petzold 1990, 480)
Bis zum 01.11.2017 ist der Anhänger noch unweit seines Fundortes am Brühl in Zeitz zu sehen, als Exponat (Schulz 2017) im Rahmen der kulturhistorischen Sonderausstellung zum Reformationsjubiläum »Dialog der Konfessionen: Bischof Julius Pflug und die Reformation«.


Text: Caroline Schulz
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

U. Diehl/R. Matthaes, Eherne Schlange. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. IV (1956), Sp. 817–837; Online-Version vom 28.07. 2015: RDK Labor, URL: www.rdklabor.de/w/ [31.05.2017]

P. Dinzelbacher, D. R. Bauer (Hrsg.), Volksreligion im hohen und späten Mittelalter. Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte, NF 13, (Paderborn 1990).

P. Hiptmair, Fundbericht der Grabung A5379: Zeitz, Brühl, Ortsarchiv Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.

P. Hiptmair, Gangbare Röhrenfahrt. AiD 2017, H1, 51.

O. Pettersson, Magic – Religion. Some marginal notes to an old problem, Ethnos 22 (1957), 109-119.

L. Petzold, Magie und Religion. In: P. Dinzelbacher/D. R. Bauer (Hrsg.), Volksreligion im hohen und späten Mittelalter. Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte, NF 13, (Paderborn 1990).  Dinzelbacher/Bauer 1990, 467-485.

K. Schreiner, Volkstümliche Bibelmagie und volkssprachliche Bibellektüre. Theologische und soziale Probleme mittelalterlicher Laienfrömmigkeit. In: P. Dinzelbacher/D. R. Bauer (Hrsg.), Volksreligion im hohen und späten Mittelalter. Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte, NF 13, (Paderborn 1990). Dinzelbacher/Bauer 1990, 329-374.

C. Schulz, X41 Anhänger in Buchform. In: M. Cottin/H. Kunde, Holger (Hrsg.), Dialog der Konfessionen: Bischof Julius Pflug und die Reformation. Ausstellungskatalog (Vereinigte Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz, 05.06.2017-01.11.2017, Zeitz), Schriftenreihe der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz 10 (Petersberg 2017), 448.

Zum Seitenanfang