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Fund des Monats

August 2019: Jupiter auf Abwegen

Das Fragment eines silbernen Fingerrings mit eingefasster Gemme wurde als Einzelfund 2014 bei einer Begehung in Haldensleben nahe der Wüstung Wichmannsdorf entdeckt (Abb. 1). Zwar bleibt der Ring ohne Fundzusammenhang, doch lassen Form, Darstellung sowie vergleichbare Funde Rückschlüsse auf seine Herkunft und Bedeutung zu.
Das silberne Ringband ist unterhalb der Schultern gebrochen.Die Fassung, die den Stein rahmt, weist einige Beschädigungen auf.Bei der Gemme handelt es sich um einen zweilagigen weiß-schwarzen Stein, vermutlich einen Onyx (Chalzedon), in den eine figürliche Darstellung vertieft eingeschnitten ist. Bei dieser Technik spricht man von einem Intaglio, im Gegensatz zum erhabenen Bild der Kameen. Die dunklere Schicht ist besonders als umlaufender Rand des Bildfeldes zu erkennen. Der Onyx galt als beliebter Ringstein, der an den Rändern des römischen Reiches (Arabien, Indien, Armenien, Galatien) vorkommt und über Handelswege importiert wurde (Plin. nat. hist. 36,12,59–60).

Die Darstellung auf der Gemme ist sehr abstrahiert und grob in der Ausführung, was die Identifizierungder abgebildeten Figur zunächst erschwert (Abb. 2). Ikonographische Vergleiche erlauben die Verbindung mit einem häufig vorkommenden Jupitermotiv, da die Bildelemente und Attribute in dieser spezifischen Zusammen­stellung für keine andere Gottheit belegt sind. Auf einer Grundlinie steht der oberste Gott des römischen Pantheonsnach links gewandt und ist nur mit einem über den Rücken herabfallenden Mantel bekleidet. Er blickt nach links, trägt einen spitz zulaufenden Kinnbart und einen üppigen Haarkranz, der zusammen mit dem ausladenden Hinterkopf den Eindruck eines Helms erweckt. Den rechten Arm hat er erhoben und auf ein Zepter gestützt, der linke ist gesenktund hält ein Blitzbündel, das hier als ovales Gebilde vereinfacht ist. Durch Parallelen aus der Steinschneidekunst und Münzprägung erschließt sich auch das Beiwerk zu Füßen des Jupiter: hier sitzt ein Adler, sein Begleittier, der den Kopf erhoben und dem Gott zugewandt hat.

Das beschriebene Motiv des stehenden Jupitersfindet sich bereits seit republikanischer Zeit. Zusammen mit dem Adler ist es jedoch vor allem in der kaiserzeitlichen Münzprägung der 2. Hälfte des 2. und im 3. Jahrhundert nach Christus belegt (Abb. 3). Für eine solch späte Datierung spricht zudemder flüchtig vereinfachende Stil der Gemme, da die Steinschneidekunst ab dem 2. Jahrhundert nach Christus qualitativ abnahm. Überdies ist dieRingform, die sichdurch die verbreiternden Schultern und die vom Reif abgesetzteSteinfassung mit Rahmen auszeichnet, typisch für das 2./3. Jahrhundert nach Christus Motiv und Ringform stimmen somit in der zeitlichen Einordnung überein. Hier liegt also die Erstfassung des Steins und keine spätere Wiederverwendung vor. Eingetiefte Gemmenbilder verweisen in der Regel auf die Verwendung als Siegelring, was in diesem Fall auch die wohl seitenverkehrte negative Darstellung nahelegt, bei der Jupiter das Blitzbündel in der linken, inaktiven Hand trägt.
Darstellung und Fassung bezeugen, dass der Ring dem römischen Kulturkreis entstammt. Der Träger der Gemme hat sich wohl dem Jupiter besonders verbunden gefühlt und sich unter seinen Schutz gestellt. Zudem wurde zahlreichen Edel- oder Halbedelsteinen eine heilbringende- beziehungsweise übelabwehrende Wirkung zugesprochen, sodass der Ring sicherlich ein schutzmächtiges Schmuckobjekt für seinen Träger bedeutete.
Auf die Frage, wie der Ring aus dem römischen Reich nach Haldensleben kam, sind verschiedene Szenarienmöglich. So könnte ihn ein römischer Soldat bei einer Militärexkursion ins innergermanische Gebiet verloren haben. Der Ring kann sich aber auch im Besitz eines Germanen befunden haben. Wie verschiedene Grabbefunde bezeugen, wurden entsprechende Statussymbole nach geleistetem Dienst im römischen Heer (Vergleich beispielsweise Leuna Grab 1/1917) mit in die Heimat gebracht. Wäre der Ring im Rahmen eines Beutezugs in germanische Hände gelangt, so kam ihm sehr wahrscheinlich eine veränderte Bedeutung zu, die der neue Besitzer eher im Materialwert als in seiner Wirkmächtigkeit sah.


Text: Anne Wolsfeld
Online-Redaktion: Imke Westhausen, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

F. Henkel, Die römischen Fingerringe der Rheinlande und der benachbarten Gebiete (Berlin 1913).

LIMC 8,1 428–431. 458–461 s. v. Zeus/Iuppiter (F. Canciani).

R. Laser, Die römischen Fingerringe und Gemmen auf dem Gebiet der DDR. Arbeits- u. Forschber. Sächs. Bodendenkmalpfl. 29, 1985, 133-58.

E. Zwierlein-Diehl, Die antiken Gemmen des Kunsthistorischen Museums in Wien II. Nachträge zu Band I: Die Glasgemmen. Die Glaskameen – Die Gemmen der späteren römischen Kaiserzeit.Teil 1: Götter (München1979).

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