Zur Navigation (Enter) Zum Inhalt (Enter) Zum Footer (Enter)

Fund des Monats

Juli 2020: Am Übergang – Zum bislang einzigen vorgeschichtlichen Gräberfeld auf Magdeburger Stadtgebiet

Im Sommer 2019 wurde auf dem Gelände der Polizeidirektion Nord in Magdeburg der Ausschnitt eines Gräberfeldes der ausgehenden Frühen bis Mittleren Bronzezeit entdeckt. Es handelt sich dabei um das erste vorgeschichtliche Gräberfeld auf dem Magdeburger Stadtgebiet. Insgesamt fünf Gräber konnten dokumentiert werden.
Eine klassische Frauenbestattung der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur in Hockerlage, mit dem Kopf im Osten und dem Blick nach Norden, datiert wohl in das 16. Jahrhundert vor Christi. Die Frau war hochgewachsen und wies an ihrem wohl geformten Schädel eine verheilte Verletzung am Hinterhaupt auf. Geschmückt war sie mit bronzenen Spiralringen, die nach Fundlage wohl an einer Kopfbedeckung, einem Haarband oder aber an Zöpfen befestigt waren (Abb. 1).

In einer Siedlungsgrube fand sich die Bestattung eines Mannes in eigentümlich verdrehter Haltung mit angezogenen Beinen. Dieses Grab enthielt keine Beigaben, stammt jedoch wahrscheinlich ebenfalls aus der Frühbronzezeit. Aufgrund der ungewöhnlichen Positionierung des Leichnams, welche von den für die Aunjetitzer Kultur üblichen Grabsitten abweicht, wird die Bestattung als Sonderbestattung angesprochen. Auch dieser Bestattete war von großem Wuchs und wies eine offene Schädelverletzung an der Schläfe auf. An Ober- wie Unterkiefer waren fortgeschrittene Zahnwurzelentzündungen zu beobachten, welche bis in den Mundraum vorgedrungen waren und wohl letztendlich zum Tod führten. Zudem konnten an der Wirbelsäule des Mannes degenerative Veränderungen festgestellt werden: anscheinend waren mindestens drei Wirbel zusammengewachsen (Abb. 2).

Diese beiden Gräber waren in den Verlauf eines älteren Doppelkreisgrabens angelegt, der ursprünglich vielleicht einen Grabhügel oder eine Kultstätte. Ein augenscheinlich jüngerer, viel größerer Kreisgraben mit V-förmigem Profil und schmaler Sohle schneidet seinerseits den Doppelgraben.
In einem Abstand von gut 20 Metern östlich davon lagen drei weitere Gräber: es handelte sich um gestreckt in Rückenlage bestattete Frauen, die sich von den beiden anderen Bestatteten durch ihren zierlicheren Wuchs deutlich unterscheiden. Die Bestattungen datieren in die Mittleren Bronzezeit, circa 1550 bis 1300/1250 vor Christi. Leider war die Knochenerhaltung hier sehr viel schlechter als in den beiden älteren Gräbern.

Eine Frau im Greisenalter wurde mit einem konischen, unverzierten Keramiktopf neben ihrem Kopf bestattet (Abb. 3).
Im Grab einer sehr jungen Frau mit bronzenen Ohrringen, konnten neben dem Kopf nur noch der Leichenschatten und Knochenflitter eines gemeinsam mit ihr beigesetzten Säuglings nachgewiesen werden (Abb. 4).
Das dritte Grab barg eine Frau mittleren Alters, die ebenfalls Bronzeohrringe trug (Abb. 5, 6). Die Ausrichtung dieser drei Bestattungen variierte von Nordost-Südwest bis Ost-West mit dem Kopf jeweils im Osten. Sie waren bogenförmig angeordnet, als wären sie um eine größere kreisförmige Struktur herum angelegt worden,
In südwestlicher Nachbarschaft davon lagen zwei kleine Pfostenkreise, in einem Falle um eine kleine Grube herum angelegt. Hier kann mangels Funde nur vermutet werden, dass es sich vielleicht um zeitgenössische Anlagen für den Bestattungs- oder Gedenkritus handelt. Diese Befunde werden von einem dritten, jüngeren Kreisgraben geschnitten.

Dem Fundkomplex kommt besondere Bedeutung zu, da mit den Gräbern die neuralgische Übergangszeit von der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur zur kulturell davon stark abweichenden Mittleren Bronzezeit erfasst worden ist. Es bleibt zu hoffen, dass das Probenmaterial aus den begleitenden Gräben, das vollständig erhaltene Beigefäß aus dem Grab der Greisin sowie die Keramik aus dem großen Graben weiterführende Aussagen und exaktere Datierungen erlauben.


Text:
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

Zum Seitenanfang