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Fund des Monats

Juni 2020: Obacht vor falschen Predigern! Eine mittelalterliche Ofenkachel mit Bildmotiv der Gänsepredigt

Die Stadt Freyburg an der Unstrut im Burgenlandkreis liegt in einer uralten, seit der Steinzeit besiedelten Kulturlandschaft inmitten zahlreicher Weinberge. Hoch über der Stadt thront die eindrucksvolle mittelalterliche Neuenburg. Der historische Stadtkern weist ein weitgehend einheitliches spätmittelalterliches Straßenbild mit rechtwinkligem Straßennetz mit zentralem Marktplatz und überwiegend historischem Baubestand auf (Abb. 1; Ebert u.a. 2003, Säckl 1994).
An der nordwestlichen Ecke des Marktplatzes, Markt 7, stand ein Barockhaus (Barock: Ende 16. Jahrhundert bis circa 1760/70), in das spätgotische Baureste und ältere Kellersysteme einbezogen waren (Abb. 2). Als das Haus 2001/02 durch einen Neubau ersetzt wurde, kam bei den archäologischen Begleituntersuchungen ein überaus interessanter Fund, eine Ofenkachel (Inventar-Nummer 482:17:15) zutage.

Diese lag in einer Gebäudeecke, etwa 1,20 Meter unter Oberkante Gelände, die nach Deutung der Befundsituation als Keller anzusprechen ist, der teils in den Untergrund eingetieft, teils in das Aufgehende integriert war. Wohl bei der barocken Neugestaltung des Eckgrundstückes wurde der Keller niedergelegt.
Was die Ofenkachel so besonders macht, ist das auf ihr dargestellte Bildmotiv, das in die spätmittelalterliche religiöse Welt am Vorabend der Reformation einzuordnen ist. An dieser Stelle danken wir für die Hinweise zur Deutung des Bildmotivs Professor Klaus Krüger, Universität Halle. Bei der Ofenkachel handelt es sich um eine sogenannte Blattkachel aus roter Irdenware (Abb. 3, 4). Sie setzt sich aus einem langen Körper, dem Tubus, und einer quadratischen Platte mit reliefierter Schaufläche, dem Masseblatt, zusammen. Der Tubus ist circa 15,5 Zentimeter tief und hat rückseitige eine kreisrunde Öffnung mit einem Außendurchmesser von circa 10,0 Zentimeter. Die Frontalaufsicht mit dem Bildmotiv trägt die Ausmaße von circa 17,0 mal 17,0 Zentimetern. Solche Blattkacheln entstanden als idealer Bildträger ab der Mitte des 14. Jahrhunderts.

Das vorliegende Exemplar lässt sich mittels der inschriftlich fixierten Jahreszahl 1482 (siehe unten) in das ausgehende späte Mittelalter datieren. In der Regel waren die Kacheln glasiert. Unverzierte Stücke, wie das vorliegende, sind mitunter als Halbfabrikate angesprochen worden, was im vorliegenden Fall ausgeschlossen werden kann, da es innen und außen deutliche Benutzungsanzeiger in Form von schwarzem Russ aufweist. An den Rändern und am Tubus lassen feine Lehmreste auf eine gemauerte Hülle des Kachelofens schließen (Vergleich Roth Kaufmann/Buschor/Gutscher 1994, 27–28). Die Herstellung der Kachel erfolgte in mehreren Schritten. Zunächst wurde der Tubus auf der Töpferscheibe abgedreht und anschließend quadratisch ausgezogen. Die sichtbaren Drehspuren und leichte Eindellungen an einigen Außenkanten lassen den Prozess deutlich erkennen. Die Fertigung des Masseblattes erfolgte separat, indem man das Stück von einem quaderförmigen, tönernen Blätterstock abschnitt und die Oberfläche mit einem hölzernen Model reliefierte. Danach wurde der Tubus über das noch feuchte Masseblatt gestürzt und die Kachel zusammengesetzt. Zur Festigung der Verbindung sind die Übergänge im Inneren durch Auskleidungen verstärkt und flüchtig verstrichen worden. Schließlich erfolgten die Trocknung und der Brand (Vergleich Müller 2018).

Das Bildmotiv der Kachel ist gerahmt von einer einfachen Leiste. Plastisch dargestellt sind vier Gänse, die nach rechts zu einem aufrecht stehenden Tier mit scharfen Zähnen aufschauen, das einen Stab in den Tatzen hält und zwei gefangene Gänse auf dem Rücken trägt. Eine comicartige Sprechblase mit seitenverkehrter Inschrift, die dem wilden Tier zuzuordnen ist, trägt die in gotischen Minuskeln gehaltene Inschrift m°cccc l xxx / ii und damit die lateinische Variante der Jahreszahl 1482. Die Transkription erfolgte durch Professor Krüger. Einer Gans entspringt ein weiteres Spruchband, dass ihr die Worte sco ursii / eps in den Schnabel legt. Die Abkürzung sco steht dabei für sancto und die Abkürzung eps für episcopus. Die Rede ist folglich von einem heiligen Bärenbischof. Die Szene ist garniert durch Vegetation in Form von strichförmig angedeutetem Gras und einzelnen Stängeln mit dreiblättrigen Enden sowie einer hoch aufragenden Pflanze am rechten Bildrand.
Wirken die Figuren selbst, mit Ausnahme der gefangenen Gänse, die mit gereckten Hälsen entfleuchen zu suchen scheinen, recht steif, so verweisen die Spruchbänder auf kommunikativen Austausch.

Vergleichbare Darstellungen erfreuen sich vor allem im 14. und 15. Jahrhundert in Büchern und auf zahlreichen Gegenständen, Möbeln und Gebäuden großer Beliebtheit. Verblüffende Ähnlichkeit hat insbesondere eine Seccomalerei aus dem ehemaligen Pfarrhaus Zvolen bei Bratislava, die im Zeitraum zwischen 1452 und 1470 entstand (Abb. 5). Im Zusammenhang mit Kachelöfen lässt sich die Thematik beispielsweise auf einer grün glasierten Ofenkachel aus dem Kloster Neuzelle, Landkreis Oder-Spree (Brandenburg) aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Krabath/Richter 2014, 402 Abb. 3) und auf einem Keramikmodel, das im Landesmuseum in Wiesbaden aufbewahrt wird finden. Dieses Model ist bei Röhrich (2003, 480) abgebildet. Das wilde Tier wird in der Regel als Fuchs oder Wolf interpretiert. Inhaltlicher Hintergrund ist eine Fabel: Der Fuchs beziehungsweise Wolf hatte vor, Gänse zu reißen. Die waren allerdings achtsam, und nicht zu fassen. Deshalb verkleidete er sich als Kleriker und predigte so lange, bis die Gänse schläfrig und unaufmerksam wurden. So gelang es ihm schließlich doch, einige Gänse zu erhaschen. In Anbetracht des Spruchbandes einer der Gänse ist bei der Kachel aus Freyburg allerdings vielmehr von einem scheinheiligen Bär auszugehen, wobei sowohl Fuchs, Wolf und Bär in der christlichen Auslegung des Mittelalters das Übel schlechthin verkörpern. Was auf den ersten Blick wie eine Kiepe aussieht, in der die bereits geschnappten Gänse stecken, dürfte im Modus der Gänsepredigt eher auf die Kapuze einer Kutte, der Verkleidung des Predigers verweisen.
Der Umstand der spiegelverkehrten Wiedergabe von Schrift und Bild ist erstaunlicherweise des Öfteren an Ofenkacheln beobachtet worden. Als Erklärung dient in der Regel, dass die Darstellung aus der Abformung von einem Model herrührt und der Modelschnitzer eine Druckgraphik als Vorlage nutzte (Rakonczay 2018, 218; Wehmer 2016/17, 166). Denkbar ist auch, dass die Umkehr In voller Absicht zur Abwehr böser Umtriebe vorgenommen wurde. Analoge Verschlüsselungen in diesem Sinn sind unter anderem von magischen Ringen bekannt (Vergleich Priesner 2019, 118).
Die dem Motiv innewohnende Bedeutung bezieht sich auf die Ablehnung von häretischen Bewegungen, das heißt von falschen Christen, die im späten Mittelalter große Erfolge verbuchten. Die Abweichler vom eigenen Glauben mit unangepassten Vorstellungen und irregulären religiösen Glaubenspraktiken, die man als Ketzer und Antichristen verfemte, wurden erbarmungslos geahndet.
Weniger drastisch ausgedrückt ließe sich im heutigen Sinn auch formulieren:
Und die Moral von der Geschicht´? Traue keinem falschen Prediger nicht!


Text: Mechthild Klamm, Donat Wehner
Internetredaktion: Imke Westhausen, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

K. Ebert/F.-D. Jacob/F. Lenz/J. Säckl/R. Schmitt, Freyburg an der Unstrut. Ein Katalog historischer Ansichten von den Anfängen bis 1950 (Petersberg 2003).

S. Krabath/R. G. Richter, Die Entwicklung des Kachelofens in Sachsen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. In: R. Smolnik (Hrsg.), Archäologie in Sachsen 4. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. Beiheft 27 (Dresden 2014) 401–412.

S. Müller, Spätgotische Kachelproduktion in Dresden. Analyse der Herstellungsweise von spätgotischen Ofenkacheln aus einem Töpfereiabwurf in der Dresdner Frauenvorstadt/Pozdně gotická výroba kachlů v Drážďanech. Analýza způsobu výroby pozdně gotických kamnových kachlů z odpadu hrnčířské dílny na území původního předměstí Drážďan, tzv. Dresdner Frauenvorstadt. In: J. Šrejberová (Hrsg.), Kachle a kachlová kamna – Ofenkacheln und Kachelöfen. Sammelband der Beiträge der internationalen Konferenz zur Ausstellung „Die Welt der Kachelöfen“, Regionales Museum Most, 19.–20. April 2018, 2018 (Most) 71–82.

C. Priesner, Schutz und Schaden – Bemerkungen zum magischen Denken, besonders der Ringmagie. In: H. Meller/S. Kimmig-Völkner/A. Reichenberger (Hrsg.), Ringe der Macht/Rings of Power. Internationale Tagung vom 09. bis 10. November 2018 in Halle (Salle)/International Conference November 09.–10.2018 in Halle (Saale) (Halle [Saale] 2019) 105–120.

R. Rakonczay, „Der Kachelofen des Erzbischofs“. Ofenkacheln aus der Burg Čabrad` (Slowakei) und der Kachelkreis von Neusohl um 1500. Burgen und Schlösser 4, 2018, 216–225.

E. Roth Kaufmann/R. Buschor/D. Gutscher, Spätmittelalterliche reliefierte Ofenkeramik in Bern. Herstellung und Motive (Bern 1994).

L. Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten 1 (Freiburg i. Br. 2003).

J. Säckl, Das alte Freyburg. Novum Castrum. Schriftenreihe des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e.V. 3 (Freyburg/Unstrut 1994).

M. Wehmer, Gedanken zu den Bildinhalten auf einem Nordhäuser Kachelofen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Neue Ausgrabungen und Funde in Thüringen 9, 2016/2017, 165–174.

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