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Fund des Monats

November 2020: Zwei Flaschenpost-Nachrichten aus der Reichsfreiherrschaft Schauen

Bei der denkmalgerechten Sanierung alter Gebäude tauchen immer wieder Überraschungen auf, die sich trotz sorgfältiger Vorplanungen kaum einkalkulieren lassen und das Bauvorhaben erschweren. Manchmal jedoch kommt es aber auch zu positiven Überraschungen.
So geschehen aktuell in Schauen, einem kleinen Dorf im nördlichen Harzvorland (Einheitsgemeinde Osterwieck, Landkreis Harz). Bei Bauarbeiten an einem Pferdestall gab der Segmentbogen eines Fensters im Giebel nach und musste erneuert werden (Abb. 1).
Der Ort Schauen wurde im Jahr 973 erstmals schriftlich erwähnt, im Hochmittelalter entstand ein klösterlicher Wirtschaftshof des Klosters Walkenried, während ab 1325 die Grafen von Wernigerode ihre Schutzherrschaft ausübten. 1530 gelangte das Dorf an die Grafen zu Stolberg, 1616 an das Domkapitel Halberstadt und 1648 als reichsunmittelbares Lehen an das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg.

Im Jahr 1689 erwirbt Kammerpräsident Otto Grote (1636 bis 1693; Abb. 2) Schauen für 48.000 Taler (Abb. 3). Die Freie Reichsherrschaft endet 1815 mit der Eingliederung in das Königreich Preußen, dennoch erfolgt keine Zuweisung in einen Reichskreis. Das Dorf bleibt mit circa 200 Einwohnern das kleinste selbstständige Staatsgebilde im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (Abb. 4).

Wenig überraschend prägt das Adelsgeschlecht der Grotes maßgeblich den Ort. Das Wappen taucht in der Kirche oder an den Eingängen zum alten Gutshof mehrfach auf (Abb. 5.1 bis 4). Darüber hinaus blieben bis heute zwei Herrschaftshäuser erhalten.
Julius Grote (1808 bis 1872; Abb. 6), 1808 in Hannover geboren, hatte 1837 die Tochter des königlichen hannoverischen Geheimrates Thekla von Hammerstein-Equord geheiratet (1819 bis 1896; Abb. 7). 1838 übernahm er von seinem Vater Schauen und ließ sich dort mit seiner Familie nieder.

Neben einem herrschaftlichen Gebäude ließen Julius Grote und seine Frau Thekla im Jahr 1856 einen Pferdestall aus behauenen Kalksteinen errichten (Abb. 8). Eine heute kaum noch lesbare Tafel im betroffenen West-Giebel (Abb. 9.1 bis 3) berichtet folgendes: »J. GROTE, R.F.H.z.SCHAUEN, TH. GROTE, R.FREIIN.z.SCHAUEN, GEB.FREIIN, HAMMERSTEIN 1856«. Ob der Pferdestall der Zucht oder Unterbringung von landwirtschaftlich genutzten Pferden diente, ist nicht bekannt. Nach einer Entwurfszeichnung konnten dort circa 15 Pferde und zwei Ackerwagen beziehungsweise Kutschen untergebracht werden (Abb. 10.1 bis 2). In den darauf folgenden Jahrzehnten durfte der Pferdewirt der Grotes einen kleinen Teil des Stalls für Wohnzwecke ausbauen. Später kam es zu weiteren Umnutzungen. Das letzte Pferd, mit dem Namen Peter, stand von 1984 bis 2005 im Nachlass der Familie Grote.

Bei den momentanen Sanierungsarbeiten tauchten hinter der Inschriftentafel überraschenderweise zwei versiegelte Glasflaschen auf. Die vermeintliche Tafel entpuppte sich als sekundär genutzte alte Tränke beziehungsweise Trog (Abb. 11). Ihre Mulde und eingebettetes Heu und Stroh boten den beiden zerbrechlichen Gegenständen guten Schutz. Eine der beiden – eventuell eine ehemalige Weinflasche – zerbrach während der Bergungsarbeiten. Sie enthielt eine beidseitig versiegelte Papierbanderole sowie sechs sorgfältig eingepackte Münzen (Abb. 12). Dagegen blieb die mögliche Bierflasche, in der ebenfalls ein zusammen gerolltes Schriftstück zu erkennen war, vollständig erhalten (Abb. 13). Die Fundstücke versetzten die Bauherren und die anderen Bewohner des kleinen beschaulichen Ortes in Aufregung. Hatten Julius und seine Frau Thekla Grote oder jemand anderes eine besondere Nachricht für die Nachwelt hinterlassen? Waren diese Zeitkapseln in Flaschenpostform wirklich 165 Jahre alt?
Nachfolgend wurde eine Öffnung der erhaltenen Flasche und der Banderolen in der Werkstatt Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie durch Heiko Breuer und Dr. Christian Heinrich Wunderlich vereinbart. Daraus ging hervor, dass die bei der Bergung zerbrochene Flaschenpost tatsächlich zur Grundsteinlegung am 4. Juli 1856 von Julius Grote, Reichsfreiherr zu Schauen, hinterlegt wurde. Nach dem handgeschriebenen Text (Abb. 14) waren außerdem zahlreiche Familienmitglieder und beteiligte Handwerker anwesend.

Eine große Leidenschaft Julius Grotes galt der Numismatik. Dies erklärt sicherlich auch die sechs von 1853 bis 1856 geprägten Münzen, darunter drei silberne Exemplare. Sorgfältig einzeln in Papier eingepackt ist ihr Erhaltungszustand sehr gut. Ihre wissenschaftliche Auswertung steht noch aus.
Außerdem war Julius Grote Mitglied des Historischen Vereins für Niedersachsen. Er publizierte zahlreiche Texte sowie Artikel, später auch für den Harzer Geschichtsverein. In Zusammenarbeit mit seinem Neffen entstand 1866 »Die Geschichte des Gräflich und Freiherrlich Grote‘schen Geschlechts«. Dort ist unter anderem ausgeführt, dass es im Revolutionsjahr 1848 auch in Schauen zu Bauernunruhen kam, Julius Grote die Forderungen allerdings zurückwies. Angeblich nahmen daraufhin die Bauern seine Frau gefangen und drohten mit ihrer Tötung. Erst als er zum Wohle seiner Frau nachgab, wandten sich die Bauern ab. Am 4. März 1872 verstarb Julius Grote. Seine Frau Thekla zog später nach Hildesheim zu ihrer Tochter, Freifrau Cäcilie von Hammerstein.

Der versiegelte Text der möglichen Bierflasche wurde ebenfalls in der Werkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie geöffnet. Gleichfalls handgeschrieben ist er im Vergleich etwas einfacher gehalten (Abb. 15.1, 2). Er enthält eine Auflistung der Handwerker, die wohl bei späteren Arbeiten vor Ort waren, denn das Datum lautet 24. Oktober 1874. Außerdem wird ein Lohn von 20 Silbergroschen genannt und erwähnt, dass der Branntwein »das ½ M 20 Pfennig« kostete.
Im Jahr 1945 musste die Familie Grote endgültig aus Schauen fliehen. Das Herrschaftshaus (»Schloss«) verfiel, wird seit den letzten Jahren aber wie das Stallgebäude saniert. Spannend ist, dass mit den beiden »Flaschenpost-Nachrichten« zwei frühe Nachweise für sorgfältig verschlossene Flaschen aus Grundsteinlegungen bzw. weiteren Bauarbeiten der Nachwelt erhalten blieben. Die vermutlich älteste, uns heute überlieferte »klassische Flaschenpost« aus dem Meereskontext datiert erst um das Jahr 1886.
Die momentanen Bauherren planen ebenfalls eine Flasche zu hinterlegen. Bis zu einer erneuten Bergung – hoffentlich in einer fernen Zukunft – bleibt deren Inhalt jedoch geheim.


Text: Jochen Fahr, Christian Schirbel
Online-Redaktion: Imke Westhausen, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

W. Grosse, Die freie Reichsherrschaft Schauen (Osterwieck 1928).

E. v. Grothe, W. Grotefend, Geschichte des Gräflich und Freiherrlich Grote’schen Geschlechts (Hannover 1891).

A. Reinecke, Geschichte der Freien Reichsherrschaft Schauen eines der allerkleinsten Gebiete im alten deutschen Reich (Osterwieck 1889)

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