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Fund des Monats

August: ›Grenzer-Picknick‹ im Eckertal

Entlang des Naturschutzstreifens, der heute als Grünes Band bekannt und seit 2019 Nationales Naturmonument ist, zog sich bis 1989/90 die innerdeutsche Grenze. In diesem für viele Jahrzehnte wenig berührten und den meisten DDR-Bürgern nicht zugänglichen Gebiet sind neben einer artenreichen Fauna und Flora auch viele Bodendenkmale obertägig erhalten.

Die Fundstelle

Bei der Begehung einer dieser archäologischen Fundstellen im Eckertal südlich von Stapelburg, Landkreis Harz, kamen unerwartete Funde zutage: Inmitten eines bislang undatierten, möglicherweise im Mittelalter errichteten Erdwalls fanden sich Hinterlassenschaften der jüngeren DDR-Vergangenheit. Im südwestlichen Bereich des bis zu 2,5 Meter hohen und eine Fläche von ungefähr 0,2 Hektar umfassenden Walls wurde eine flache Senke von Grenzsoldaten als Rast- und Rückzugsplatz genutzt. Die von außen nur schwer einsehbare Stelle lag nur wenige Meter von der ehemaligen innerdeutschen Grenze entfernt. Sie ließen dort die Reste einer oder mehrerer Mahlzeiten zurück (Abbildungen 1 und 2).

Glas, Alu, Plaste

Verschiedenste Fundstücke sind vor Ort dokumentiert und geborgen worden (Abbildung 3). Es fanden sich mehrere leere Glasflaschen, von denen acht vollständig – aber leider ohne Etikett – erhalten waren. Sieben dieser bauchigen Flaschen aus Braunglas fassten je 0,33 Liter und wurden typischerweise zum Abfüllen von Bier oder Brause verwendet. Eine Flasche aus weißem Glas, allerdings mit 0,5 Liter Füllmenge, lag ebenfalls am Fundort. Ihr Inhalt könnte ein Fruchtsaftgetränk, Vita Cola oder Limonade gewesen sein. Einst waren alle Flaschen mit Kronkorken verschlossen, von denen einer erhalten blieb.

Ein Schraub- beziehungsweise Vorratsglas fiel durch seine Bodenmarke mit den kyrillischen Buchstaben ›БДС‹ auf. Vielleicht war das Gefäß noch kurz vor der Entsorgung mit seinem ursprünglichen Inhalt gefüllt. Es könnte sich dabei beispielsweise um Letscho aus Bulgarien gehandelt haben, andere Befüllungen sind ebenso denkbar.

An der Fundstelle lag zudem eine typische nierenförmige Brotbüchse aus Aluminium. Sie zeigte keine Prägung, wurde aber möglicherweise vom Volkseigenen Betrieb (VEB) ALUWA in Schneeberg hergestellt. Der Betrieb produziert noch heute unter dem Namen Schneeberger Metallwaren GmbH. Das im Eckertal angetroffene Exemplar weist starke Beschädigungen am Deckel sowie Deformierungen der Seiten und des Bodens auf. Die Löcher und Beulen wurden sicher intentionell zugefügt.

Anhand ihres charakteristischen Strichtarn-Musters, das scherzhaft auch als ›Ein-Strich-kein-Strich‹ bezeichnet und seit 1965 verwendet wurde (Keubke/Kunz 2003, 135f.), ließen sich leicht die Reste einer Zeltbahn der Nationalen Volksarmee (NVA) erkennen. Der feste und schwere Baumwollstoff mit einer gummierten Rückseite war in zwei schmale Streifen zerschnitten und miteinander vernäht, vermutlich um eine Messerscheide herzustellen.

Weiterhin lagen an der Fundstelle zwei weiße Kunststoffteller und Besteck aus Aluminium. Das Messer trägt keine Prägung, aber der Löffel weist die übliche Preisauszeichnung nach EVP (Einzelhandelsverkaufspreis) auf. Das von der Freiberger Besteckfabrik ALEKTO hergestellte Stück war für 88 Pfennige zu haben.

Feines aus der Dose

Direkt daneben befanden sich mehrere ausgeleerte Wurst- und Fischkonserven (Abbildung 4). Darunter waren eine Dose Rügener Fischpaste, eine mit Fischsalat aus ›makrelenartigen Fischen‹ und der Deckel einer Dose ›East Pount – Makrelenfilet in Tomatentunke‹. Alle drei wurden vom VEB Fischwerk Saßnitz hergestellt, dessen Nachfolger bis heute unter dem Firmennamen RügenFisch weiterproduziert.

Ein der ›East Pount‹-Konserve gleichender Deckel wurde zusammen mit weiteren im Jahr 2020 in einer Müllschüttung im Landkreis Teltow-Fläming geborgen (vergleiche ›Vinyl79‹). Einige Jahre zuvor wurde ebenfalls ein solches Exemplar zusammen mit knapp 300 weiteren Fischdosen auf einem Privatgrundstück in Perwenitz, Landkreis Havelland, gefunden (Bunsen 2004). Spannend dabei ist die Wortneuschöpfung ›Pount‹ – ähnlich wie der berühmte ›Goldbroiler‹ existiert dieser Begriff im Englischen nicht, war aber vielleicht an ›Point‹ (Spitze, Punkt) oder ›Pound‹ (Pfund) angelehnt (Bunsen 2004).

Charakteristisch für DDR-Produkte war neben der Angabe der HSL (Handelsschlüssellistennummer), der Schl.Nr. ELN (Schlüsselnummer der Erzeugungs- und Leistungsnomenklatur) auch der Aufdruck des festgesetzten Einzelhandelsverkaufspreises EVP (vergleiche ›Vinyl79‹). Für die im Eckertal gefundene ›East Pount‹-Fischdose kann man also beispielsweise folgende Angaben ergänzen: Deutsche Vollkonserve; Nettomasse 160 Gramm; ELN 17131224; HSL 1631220; EVP 1,15 Mark; Haltbarkeitsdatum 14.4.77. Die Fischpaste war zum Preis von 0,80 Mark zu haben und der Fischsalat für 1,20 Mark.

Alles hat ein Ende...

Erwähnenswert sind auch die Reste der Wurstkonserven (vergleiche Abbildung 4): der Deckel einer Dose ›Leberwurst fein‹ sowie je eine Dose ›Thüringer Rotwurst‹ und ›Jagdwurst‹ – alle hergestellt vom VEB Fleischverarbeitungsbetrieb Meißen, Betriebsteil Weinböhla. Der Nachfolger des DDR-Betriebs in Weinböhla, Landkreis Meißen, wurde erst 2001 geschlossen (Oelsner 2002). Die Konservenfabrikation hatte in Weinböhla eine lange Tradition und existierte dort spätestens seit den 1920ern. So gab es neben den fleischverarbeitenden Betrieben vor allem auch mehrere Konservenfabriken für Obst und Gemüse.

Solche Konserven mit Wurst gab es in den verschiedensten weiteren Sorten und sie waren zum Preis von meist unter einer Mark zu haben (Oelsner 2002) – die Funde aus dem Eckertal lagen bei 0,37 bis 0,85 Mark. Die flachen, zylindrischen, nur etwa 7,5 mal 2,6 Zentimeter großen Dosen waren alle im gleichen Design gehalten, aber unterschieden sich in ihrer Farbe: Türkis = ›Leberwurst fein‹, Olivgrün = ›Grobe Leberwurst‹, Pink = ›Jagdwurst‹, Rot = ›Kammfleischwurst‹, Hellrot = ›Mortadella‹, Orange = ›Kasslerbauch‹, Gelb = ›Schmalzfleisch‹, Marineblau/Violett = ›Thüringer Rotwurst‹. Diese Konservendosen dienten häufig der Verpflegung der Grenzsoldaten und konnten bei Bedarf auch ohne Dosenöffner auf verschiedene Arten geöffnet werden – je nach vorhandenem Werkzeug, rundherum oder mit einem Schnitt quer über die Mitte. Zudem hatte die NVA diese Konserven millionenfach als Notration eingelagert (Oelsner 2002). Eine Weinböhlaer Dose mit 90 Gramm feiner Leberwurst, wie zumindest ihr Deckel im Eckertal gefunden wurde, wird heute auch im DDR Museum in Berlin (Inventar-Nummer 1003224) gezeigt – dort allerdings in perfektem Erhaltungszustand.

Grenzer, Flüchtlinge oder doch nur Hausmüll?

Die Hinterlassenschaften aus DDR-Zeiten wurden sicher nicht von Anwohnern im Wald entsorgt, da sie sich im Sperrgebiet befanden, das nicht für die allgemeine Bevölkerung zugänglich war. Eine Deponierung nach der Wende ist ebenso wenig anzunehmen, da alle gefundenen Konservendosen ein Haltbarkeitsdatum vom Ende der 1970er aufweisen und der große zeitliche Abstand dieses Szenario wenig plausibel macht. Auch Republikflüchtlinge sind als Verursacher auszuschließen, denn die Fundstelle lag nur wenige Meter östlich des Kolonnenwegs. Ein Versteck in dieser Nähe zur Grenze wäre viel zu gefährlich gewesen.

Insgesamt 19 Versorgungsbeutel beziehungsweise Verpflegungstüten – in mehr oder weniger gutem Zustand – weisen den Fund eindeutig einer Gruppe von Grenzsoldaten zu. Die Tüten aus transparentem, festem Kunststoff sind monochrom grün bedruckt. Zwei unterschiedliche Motive kommen vor: zum einen zwei bewaffnete Grenzsoldaten im Wald an einer Grenzsäule der DDR (Abbildung  5) und zum anderen zwei ebensolche Grenzer, von denen einer jedoch mit einem Fernglas Ausschau hält. Bei diesem Motiv ist statt der Säule ein Grenzturm abgebildet. Neben einer Produktionsnummer tragen alle die Jahreszahl 1976. Sie wurden üblicherweise wohl zu ›besonderen‹ Anlässen an die Soldaten ausgegeben und im VEB Optima in Aschersleben hergestellt. Der Betrieb produzierte bis 1996 verschiedene Verpackungsmittel wie Beutel aus Polyäthylen und verfügte unter anderem über einen Offsetdrucker (Pocklitz 2013). Ein dem Exemplar mit Grenzsäule ähnelndes Stück ist auch im Museum Europäischer Kulturen der Staatlichen Museen zu Berlin vorhanden (Identifikations-Nummer N (54 I) 148/2016,1-2).

Das Gesamtensemble kann mit diesen Beuteln, der Zeltbahn und den durchaus typischen Bestandteilen der Armeeversorgung sehr gut den Grenztruppen zugewiesen werden.

Text: Anna Swieder, Olaf Kürbis, Jochen Fahr, Andreas Karcher

Online-Redaktion: Georg Schafferer

Literatur

›Vinyl79‹, DDR | Saßnitz | VEB Fischwerk Saßnitz | Gebrauchsgrafik/Fischkonserven (2020), https://www.schlot.at/2020/09/26/ddr-sassnitz-veb-fischwerk-sassnitz-gebrauchsgrafik-fischkonserven (abgerufen am 1. Juli 2022).

D. Bunsen, Ob Piroschka oder Atlantikmix, ob Störtebeker oder Starke Brise: Fisch aus DDR-Dosen hatte viele Namen. Märkischer Markt Wochenkurier, Ausgabe vom 31. Juli/1. August 2004.

K.-U. Keubke/M. Kunz, Militärische Uniformen in der DDR 1949–1990. Schr. Atelier Porträt- u. Historienmalerei (Schwerin 2003).

T. Oelsner, Die alte Konserve ist zu. In Weinböhla verschwindet mit der ehemaligen Konservenfabrik auch ein Stück kollektiver DDR-Geschichte. Sächsische Zeitung, Lokalausgabe Dresdner & Meißner Land, Ausgabe vom 17. Juli 2002, https://www.saechsische.de/plus/die-alte-konserve-ist-zu-453105.html (Artikel hinter der Bezahlschranke, abgerufen am 6. Mai 2022).

I. Pocklitz, Optima Aschersleben: Von der alten Papierfabrik zum Bildungscampus. Mitteldeutsche Zeitung, Lokalausgabe Aschersleben, Ausgabe vom 23. September 2013, https://www.mz.de/lokal/aschersleben/optima-aschersleben-von-der-alten-papierfabrik-zum-bildungscampus-2122088 (abgerufen am 26. Juli 2022).

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