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Fund des Monats

Dezember: Bleiernes aus Rom

Wieder einmal ist es dem Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zu verdanken, dass an dieser Stelle ein für die Geschichte Sachsen-Anhalts bedeutsamer Fund vorgestellt werden kann. Bei der planmäßigen Begehung eines Feldes bei Schadeleben, Salzlandkreis, stießen Wilfried und Falk Gaczensky im Jahr 2021 neben zahlreichen Keramikscherben verschiedener Zeitstellung sowie bronzezeitlichen Trachtgegenständen auf eine flache Bleischeibe. Zunächst für eine Tuchplombe gehalten, stellte sich der Fund bei genauerer Betrachtung jedoch schnell als ein seltenes Zeugnis mittelalterlicher Rechts- und Kirchengeschichte heraus.
Die Vorderseite des annähernd runden, maximal 37 Millimeter durchmessenden Stückes zeigt die in gotischen Majuskeln ausgeführte, dreizeilige Inschrift MAR/TINUS/PP IIII, umgeben von einem Perlenkranz (Abbildung 1). Auf der Rückseite, ebenfalls durch einen Perlenkranz eingefasst, sind beidseitig eines Langkreuzes zwei von Gloriolen umgebene Köpfe im Halbprofil abgebildet. Diese werden durch die über den beiden Porträts angeordnete Inschrift SPASPE (Sanctus PAulus Sanctus PEtrus) als die Apostel Paulus und Petrus identifiziert. Ihre Darstellung entspricht der bereits in der Frühzeit des Christentums entwickelten Ikonographie: Paulus mit lang-schmalem Gesicht, Stirnglatze und langem, strähnigem Bart, Petrus hingegen mit sowohl lockigem Haar als auch gelocktem Bart.

Das im Herzen des heutigen Sachsen-Anhalt gefundene Stück hat eine weite Reise hinter sich, stammt es doch ursprünglich aus der über 1000 Kilometer von Schadeleben entfernten päpstlichen Kanzlei in Rom. Zur Beglaubigung der auf Pergament ausgefertigten Urkunden des Heiligen Stuhls befestigte man am unteren Rand anlassbezogen mittels Hanf- oder Seidenschnüren ein solches Bleisiegel, eine sogenannte Bulle (lateinisch bulla= Blase). Die bereits im Schrötling, dem ungeprägten Rohling aus Blei, vorhandenen Schnurkanäle zur Aufnahme der Befestigung (Abbildung 2) sind an der vorliegenden Bulle als kleine, sich gegenüber liegende Öffnungen noch deutlich erkennbar. Mit dem Einprägen des Bildes in den zuvor auf die Schnüre aufgefädelten Rohling durch ein Boulloterion (Abbildung 3), ein zangenartiges Gerät mit den im Negativ eingeschnittenen Motiven auf den beiden Backen, wurde der Kanal zusammengedrückt und das Siegel damit sicher fixiert (Abbildung 4). Reste der Fäden haben sich an unserem Stück nicht erhalten.
Ihre grundsätzliche Form mit Namensstempel auf der einen und Apostelstempel auf der anderen Seite erhielt die päpstliche Bleibulle mit dem Pontifikat Paschalis II. (1099 bis 1118) und besteht bis heute im Bildprogramm weitgehend unverändert fort. Mit Wechsel des Papstes wurde lediglich der Namensstempel ausgetauscht, der Apostelstempel hingegen blieb weiterhin in Benutzung.

Bei dem Fund aus Schadeleben handelt es sich um das Siegel von Martin IV., welcher von 1281 bis 1285 als Papa Pastorum, Hirte der Hirten, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche war und ist damit annähernd jahrgenau zu datieren. Während päpstliche Urkunden samt Bullen, so auch von Martin IV., archivalisch in großer Zahl überliefert sind (Abb. 5), stellen päpstliche Bleisiegel aus archäologischem Zusammenhang hingegen trotz einiger Neufunde in den vergangenen Jahren nach wie vor eine Seltenheit dar: Die vor allem kirchliche Angelegenheiten wie Ämterbesetzungen betreffenden Papsturkunden regelten zumeist nur für relativ kurze Zeit gültige Rechtsakte und sowohl Pergament als auch Blei wurden nach dem Bedeutungsverlust des Schriftstückes häufig wiederverwendet. Die als Bodenfunde überlieferten Bleibullen stammen überwiegend aus Gräbern, in welche sie als Beigaben gelangten. Ebenso sind Exemplare in Latrinen gefunden worden. Beide Fälle führten zu einer teilweise sicherlich als intentionell zu interpretierenden zuverlässigen Entfernung der Bullen beziehungsweise gesamten Urkunden aus dem weiteren Umlauf, was Missbrauch und Fälschungen vorbeugte. Eine abgetrennte Bulle ließ sich schließlich mit einfachen Mitteln an einem anderen Schriftstück befestigen und damit als direkt vom Papst kommende Urkunde ausgeben.
Unter welchen Umständen die Schadelebener Bulle an ihren Fundort gelangte – im Zuge einer auf die Felder ausgebrachten Latrinenleerung, als verloren gegangenes und zum Einschmelzen bestimmtes Altmetall oder aus der Tasche gerutschter Talisman – kann nicht mehr geklärt werden. Da die päpstliche Urkunde selbst nicht mehr erhalten ist, muss auch deren Inhalt im Dunklen bleiben. Die Bleibulle stellt jedoch trotz all dieser Unbekannten einen eindrucksvollen Beleg für die Kommunikation des Heiligen Stuhls im späten 13. Jahrhunderts mit einem Empfänger in der Mitte Deutschlands dar.


Text: Martin Planert
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

J. Ansorge, Vier Bleisiegel von Papst Bonifatius IX. (1389-1404) aus der Hansestadt Greifswald. Jahrb. Bodendenkmalpfl. Mecklenburg-Vorpommern Jahrb. 53, 2005 (2006) 289-314.
M. H. Bartels, Papal Bullae; a message from above? Interpretations of the papal lead seal (11th-16th c.) in archaeological contexts in and around the Netherlands. In: C. Rinne/J. Reinhard/E. Roth Heege/S. Teuber (Hrsg.) Vom Bodenfund zum Buch. Archäologie durch die Zeiten. Festschrift für Andreas Heege. Historische Archäologie Sonderband 27 (Bonn 2017) 315-334.
L. Clemens, Zeugen des Verlustes. Päpstliche Bullen im archäologischen Kontext. In: B. Flug/M. Matheus/A. Rehberg (Hrsg.), Kurie und Region. Festschrift für Brigide Schwarz zum 65. Geburtstag (Stuttgart 2005) 341–357.
L. Fedel, Drei päpstliche Bleibullen aus dem Kanton Thurgau. Mittelalter: Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins 24 (2019) 109-116.
T. Frenz, Papsturkunden des Mittelalters und der Neuzeit (Stuttgart 2000).

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