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Fund des Monats

Januar 2022: Nordgermanisches aus dem Salzlandkreis

Und wieder stellt sich die Frage:

 »Wikinger in Sachsen-Anhalt?« Gleicherweise staunten wir schon einmal, als im Jahre 2005 der Fund des Monats Mai eine skandinavische Scheibenfibel aus der Zeit um 900 nach  Christus vorstellte, die im altmärkischen Dähre westlich von Salzwedel völlig unverhofft zum Vorschein kam. Es war der erste »Wikingerfund« in Sachsen-Anhalt. Heute wundern wir uns in dieser Hinsicht abermals. Denn in der Zwischenzeit tauchte ebenso unvermutet ein zweiter Gegenstand auf, der aus dem wikingischen Norden hierher gelangte. Dieses Mal wartete der Boden des nördlichen Harzvorlandes mit der Überraschung auf. Es handelt sich um einen bronzenen Zierbeschlag (Abb. 1), der 2012 bei Hecklingen im Salzlandkreis entdeckt wurde.

Dieses in Mitteldeutschland seltene Kulturzeugnis aus Skandinavien verdanken wir dem ehrenamtlichen Engagement des Finders Peter Boßmann, der seit langen Jahren fleißig die hiesige Bodendenkmalpflege unterstützt. Eine seiner Prospektionen auf dem Terrain der mittelalterlichen Wüstung Hopftal erbrachte diesen Erfolg. Das präsentable Fundstück ist nun in dem jüngst eröffneten letzten Abschnitt der Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte auch öffentlich zu besichtigen.
Der Beschlag zierte einst das Ende eines Riemens. Leider ist er nur fragmentarisch erhalten, und zwar seine obere Hälfte. Er ist noch 4,9 Zentimeter lang und maximal 2,1 Zentimeter breit. Das obere Ende hat eine Fuge zur Befestigung des Riemens. Dort stecken noch die buntmetallenen Stifte für dessen Fixierung. Aufgrund seiner Zierlichkeit dürfte der dekorative Beschlag einen schmalen Gürtel oder einen Trensengurt veredelt haben. Das macht aber nicht seine Besonderheit aus; denn das Verzieren von Riemen aller Art mit Beschlägen war damals gängige Mode. Bemerkenswert ist erst seine prägnante Ornamentik. Sie zeigt verfremdete Tierdarstellungen, wie sie zunächst allgemein für die germanische Ornamentkunst typisch waren. Im vorliegenden Fall finden sich aber überdies stilistische Merkmale, die sich auf nordgermanische Traditionen einengen lassen. Damit ist dieser Fund im mitteldeutschen Raum eine große Rarität.

Die Schauseite des Beschlags hat zwei Zierzonen. Die erste Zone befindet sich am oberen Ende. Dort reihen sich quer zur Längsachse des Beschlags zwei stilisierte Tierköpfe, die sich plastisch von der Grundfläche abheben (Abb. 2). Die hornartigen Auswüchse an den Schädelseiten und die kantige Nasenpartie erwecken den Eindruck von Rinderköpfen. Die randliche Platzierung zeigt, dass diese Flachreliefs nur als Nebenornament fungieren. Ein inhaltlicher Bezug zum Zentralornament ist nicht zu erkennen.

Ornamentanalyse und Datierung

Das Zentralornament orientiert sich an der Längsachse des Beschlags. Es ist als Flachrelief in einer Vertiefung angelegt, so dass es von der übrigen Beschlagfläche kartuschenartig umrahmt wird. Zu sehen sind zwei bandartige, S-förmig gebogene Tierkörper, die gegenläufig arrangiert zu einem symmetrischen Geflecht verschlungen sind (Abb. 3) – ein bekanntes Ziermotiv im germanischen Kunstmilieu des frühen Mittelalters. Die offenkundig spiegelbildliche Komposition ist allerdings erhaltungsbedingt nur noch halbiert. Die zoologisch unbestimmbaren Vierbeiner sind in Profilansicht nur mit einem Vorder- und Hinterbein dargestellt. Das Vorderbein ist nach oben gerichtet, das Hinterbein nach hinten gestreckt. Der Kopf ist mit weit geöffnetem Rachen rückwärts gedreht. Dort hinein ragt das zerfranste Ende eines 8-förmigen Schlingbandes, das als selbständiges Bildelement erscheint, aber richtigerweise zum Hinterleib des zweiten Tieres gehört. Vermutlich ist es der Schweif mit Endquaste. Hier hat der Bildschneider die Vorlage missverstanden oder ungeschickt umgesetzt. Wie überhaupt der Körper des zweiten Tieres unbeholfen abrupt endet. Ein höherwertiges Produkt hätte diesen Makel nicht gehabt. Dennoch fand das Gussstück seine Kundschaft.
Das Motiv des »rückwärts blickenden Tieres« war in den frühmittelalterlichen Phasen Europas in verschiedenen Variationen geläufig. Die vorliegende Variante hat gestalterische Merkmale, wie sie für die fortgeschrittene Wikingerkunst charakteristisch sind. Hierzu gehören zum Beispiel die Körpergestaltung mit mehrliniger Binnengliederung, Hüft- und Schulterspiralen sowie die Ausformung des Kopfes mit spiraligem Kiefer und Nackenschopf.
Dies sind Elemente, die sich einesteils im Borrestil und anderenteils im Jellingstil finden, zwei wikingischen Kunststilen, die sich in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts zeitlich überschnitten haben. Für die Datierung unseres Fundes kommt also nur diese Überlappungsphase der beiden Stilarten in Betracht.

Motivdeutung

Das Tiergeflecht ist in die germanische Schlingbandornamentik einzuordnen, deren konkrete Bedeutung allerdings vage bleibt. Das ist auch im vorliegenden Fall so. Ein erklärbares Szenario ist nicht erkennbar. Dennoch ist auch das Flechtmustermotiv im Kern nicht bedeutungslos, sondern eine Chiffre in einer geregelten Bildsprache. So besaßen Flecht- und Schlingbänder eine Unheil abwehrende Symbolik. Das Hinzufügen eines Tierkopfes oder gar die Gestaltung des kompletten Tierkörpers als Flechtband sollte die Wirkmacht verstärken, vielleicht sogar modifizierend in eine bestimmte Richtung. Der Glaube an die übernatürliche Kraft des Tieres schlechthin blickte im germanischen Kunstkreis auf eine lange Tradition. So muss man auch im vorliegenden Fall das – wegen seines alles verschlingenden Rachens – aggressive Tier als Heilszeichen verstehen, das nicht näher zu spezifizieren ist.

Fundplatz

Auf dem Areal des wüstgefallenen Dorfes Hopftal kamen in den letzten Jahrzehnten Funde verschiedener Zeitstellung zum Vorschein. Doch keiner von ihnen lässt sich mit dem hier vorgestellten Beschlag in Verbindung bringen. Die spärlichen Informationen über den Fundplatz geben keine Hinweise darauf, wie und warum das skandinavische Erzeugnis so weit von seinem Kulturkreis entfernt in das nordöstliche Harzvorland am Südrand der Magdeburger Börde gelangte (Abb. 4). Großräumig betrachtet ist diesbezüglich auch die archäologische Quellenlage hierzulande weitgehend unergiebig. Im 10 Jahrhundert gab es keine direkten Berührungszonen zwischen der skandinavischen Welt und den hiesigen Grenzregionen des römisch-deutschen Reiches. Beide Kulturkreise waren jenseits der Elbe durch die Territorien slawischer Stammesverbände voneinander getrennt. Hingegen florierten die Geschäfte zwischen Wikingern und Slawen in Handels- und Produktionsplätzen längs der südlichen Ostseeküste. Von dort dürfte auch das vorliegende Stück hierher gelangt sein, wahrscheinlich im friedlichen Waren- oder Personenverkehr. Letztlich bleibt das Spekulation.  Als befundloses Exotikum in Mitteldeutschland ist der Beschlag vorläufig vor allem von kunsthistorischem Interesse. Seinen wahren Quellenwert lüften vielleicht künftige Forschungen, die sich mit den archäologischen und archivalischen Spuren des Fundplatzes und seines Umlandes beschäftigen.

Der Fund aus Hecklingen kann seit November 2021 in der Dauerausstellung besichtigt werden.


Text: Arnold Muhl
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

A. Muhl, Wikingerschmuck in der Altmark. Die Scheibenfibel mit Borre-/Jellingstil-Dekor aus Dähre. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 90, 2008, 305-314.
A. Muhl, Wikingerkust am Riemen – Eine archäologische Überraschung aus dem »Hopfental«, Salzlandkreis. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 98, 2021, 329-3

 

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