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Fund des Monats

März: Westwärts

Der weite Weg einer Reiseikone

Mit einem privaten Zeugnis russisch-orthodoxer Gläubigkeit, gefunden an einem ungewöhnlichen Ort, beschäftigt sich der Fund des Monats März.

Bei dem Glaubenszeugnis handelt es sich um eine kleine bronzene (oder kupferne?) Platte von 4,7 Zentimeter mal 4,2 Zentimeter Größe, deren Kopfplatte beziehungsweise Aufsatz 1,6 Zentimeter mal 1,3 Zentimeter misst.  Auf der Rückseite ist eine Öse vorhanden, sodass die Ikone an einem Halsband getragen oder an einer Gürtelschlaufe befestigt werden konnte. Derartig kleinformatige Metallikonen werden als Brust-, Halsband-, Reise- oder Taschenikone bezeichnet.
Ikonen traten in Russland nicht nur im öffentlichen Leben und in der Kirche in Erscheinung, sie hatten auch eine zentrale Funktion im familiären Alltag und im privaten Raum. Jede Familie besaß Ikonen, die zu Hause verehrt wurden. Die Zunahme der Mobilität seit der frühen Neuzeit bedingte eine steigende Nachfrage nach Heiligenbildern, die man auch auf längeren Reisen oder auf Feldzügen problemlos mit sich führen konnte. Die Lösung waren kleinformatige Ikonen, die aus Metall (meist Bronze) gegossen wurden. Aufgrund ihres Materials waren sie relativ unempfindlich und weniger anfällig für Beschädigungen als auf Holztafeln gemalte Ikonen. Die frühesten Exemplare aus Russland stammen aus dem Mittelalter, vermehrt traten sie seit dem 16. Jahrhundert auf, ihre Blütezeit erlebten sie im 18. und 19. Jahrhundert.

Das hier vorzustellende Heiligenbild (Abb. 1 und 2) ist nicht besonders filigran gearbeitet. Zudem sind die erhaben dargestellten Figuren durch den langjährigen Gebrauch abgerieben und verflacht. Bei Annahme einer Nutzungszeit von mehreren Generationen könnte das in Rede stehende Objekt, welches zwischen 1914 und 1918 verloren ging (siehe unten), bereits im 18. Jahrhundert gefertigt worden sein. Trotz der zum Teil unklar konturierten Figuren und Schriftzüge kann das Bildprogramm aufgrund zahlreicher Parallelen sicher eingeschätzt und beschrieben werden (Abb. 3 und Jeckel 1995). Insgesamt sind vier Personen zu erkennen, die alle mit einem Nimbus (Heiligenschein) dargestellt sind.
Das Motiv auf der Kopfplatte wird in der Ikonologie als Mandylion bezeichnet. Mit diesem Fachbegriff wird ein bestimmter ikonographischer Typ des Christusbildes beschrieben, hier: das nicht von Menschenhand gemachte Bild Christi. »Es beruht auf der Legende des Tuches von Edessa, in das Christus sein Antlitz drückte und es an den kranken Fürsten Abgar sandte, um ihn zu heilen.« (Sommer 1979, 68). Daher sind streng genommen nur drei Personen dargestellt, da es sich bei dem Mandylion um ein Abbild Jesu handelt.

Das zentrale Motiv der größeren Platte bildet der Heilige Nikolaus, wie die durch den Nimbus getrennte, in kirchenslawisch verfasste, obere Textzeile belegt. Nikolaus, der in der ersten Hälfte des 4. Jahrhundert nach Christus wirkte, war unter anderem Bischof von Myra (heute: Demre) in Lykien (heute: Türkei, circa 100 Kilometer südwestlich von Antalya gelegen) und ist Schutzpatron zahlreicher Berufsstände (unter anderem der Kaufleute und der Seefahrer). Seine Verehrung setzte im 6. Jahrhundert ein, sie verbreitete sich rasch im Byzantinischen Reich und darüber hinaus. Nikolaus ist wohl der beliebteste und volkstümlichste Heilige der Ostkirchen. In zahlreichen Legenden und Wunderberichten tritt er als Helfer und Fürsprecher notleidender Menschen in Erscheinung: Er gilt als »Heiliger für alle Fälle«, der stets ein offenes Ohr für die kleinen und großen Sorgen der Gläubigen hat und wird besonders in Russland geradezu liebevoll verehrt. Aus diesem Grund wurde er häufig auf Reiseikonen als schützender Begleiter mitgeführt. Zudem ist er Ortsheiliger russischer Städte und Nationalheiliger Russlands - auch zwei Zaren trugen seinen Namen. In Westeuropa erfuhr sein Kult nach der Überführung der Reliquien von Demre nach Bari (1087) einen bedeutenden Aufschwung. Gelegentlich - das heißt je nach regionalen Schwerpunkten der Heiligenverehrung - wird Nikolaus auch der Gruppe der 14 Nothelfer zugeordnet.

Das Gesicht des Heiligen auf der Kleinbronze ist nahezu unkenntlich. Anhand des Vergleichsobjektes ist eine typisch orthodoxe Darstellung mit hoher Stirn und rundem Bart zu rekonstruieren. In der linken Hand hält der Heilige das Evangelium mit einem achtendigem orthodoxen Kreuz. Mit der rechten Hand vollzieht Nikolaus den Segensgestus nach Art der Altgläubigen. Die Altgläubigen brachen im 17. Jahrhundert mit der russischen Kirche, weil sie die vom Patriarchen Nikon durchgesetzten Reformen ablehnten. Diese sahen unter anderem Änderungen im Ritus vor, darunter auch eine veränderte Fingerhaltung bei der Erteilung des Segens. Die Altgläubigen behielten den alten Gestus bei, bei dem die ausgestreckten Zeige- und Ringfinger die beiden Naturen in Christi symbolisierten und die drei anderen Finger als Ausdruck der Dreifaltigkeit zusammengelegt wurden. Die reformierte Staatskirche schrieb dagegen einen Gestus vor, bei dem die Finger die griechische Buchstabenfolge IC XC formen sollten - dabei wurden zwei Finger zusammengelegt und drei Finger (zum Teil gekrümmt) emporgehoben. Diese Lettern stehen für den ersten und letzten Buchstaben von Jesus und von Christus. Diese aus heutiger Sicht marginal erscheinende Änderung spielte in der Auseinandersetzung - stellvertretend für alle Reformen, die nach Ansicht der Altgläubigen der Orthodoxie zuwiderliefen - eine wichtige Rolle. Ikonen der Altgläubigen und der »Staatskirche« lassen sich unter anderem anhand der unterschiedlichen Fingerhaltung unterscheiden.

Über den Schultern trägt der Heilige Nikolaus das Omophorion (in der lateinischen Kirche als Pallium bezeichnet). Zwei große, griechische Kreuze (= Kreuze mit vier gleich langen Armen) im Brustbereich sind nur noch schwach zu erkennen. Ursprünglich schmückten sich weltliche Herrscher mit derartigen Schärpen - mit dem liturgischen Kleidungsstück wird die Hirtenrolle des Bischofs symbolisiert.

In der Assistenzgruppe sind zwei weitere Figuren dargestellt. Die darüber befindlichen Schriftzüge weisen diese als den Gottessohn (links) und die Muttergottes (rechts) aus. Die Buchstabenfolge IC XC findet sich zweimal auf der Kleinbronze: einmal auf der großen Platte über dem Haupt von Jesus und dann auf dem Mandylion (siehe oben, hier ist der Schriftzug geteilt). Mit der Abbreviatur MP ꝊY wird die Muttergottes (Mētēr Theou) bezeichnet. Jesus hält das Evangelium in den Händen, Maria ein Tuch: das Omophorion. Dieses Arrangement nimmt Bezug auf die angebliche Teilnahme von Nikolaus an dem ersten Konzil von Nicäa  im Jahr 325 nach Christus. Im Streit mit Arius aus Alexandria soll Nikolaus Letzteren geohrfeigt haben und von Kaiser Konstantin unter Abnahme der bischöflichen Insignien ins Gefängnis verbracht worden sein. (Nach Arius ist der als Häresie verurteilte Arianismus benannt. Der Arianismus wandte sich gegen die Lehre von der Göttlichkeit Jesu und die Wesensgleichhheit von Vater [Gott], Sohn [Jesus] und Heiligem Geist.) Dort erschienen ihm – wundergleich – Maria und Jesus und überreichten die zuvor entwendeten Abzeichen und bestätigten auf diese Weise sowohl sein Amt als auch seinen Einsatz gegen Arius. Bei dieser Legende handelt es sich um ein sehr beliebtes Motiv, welches in Russland seit dem Mittelalter nachweisbar ist. Dieses Sujet findet sich auf sehr vielen jener Nikolausikonen, die ihn einzeln als Halbfigur zeigen – auch außerhalb des Zarenreiches.

Der Fundort des Heiligenbildes erfordert einen Blick in die gewaltvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts (Theune 2020). Ausgegraben wurde das Objekt im ehemaligen Kriegsgefangenenlager Kleinwittenberg, heute Lutherstadt Wittenberg (Zur Geschichte des Lagers siehe Palatini 2018, Palatini 2019 und zur Archäologie von Kriegsgefangenenlagern in Sachsen-Anhalt siehe Meller/Bunnefeld 2020, besonders 121).  Das Lager befand sich direkt südlich der Eisenbahnstrecke Dessau-Wittenberg (mit einer Weiterführung nach Berlin). Das Amt Kleinwittenberg besaß einen eigenen Bahnhof.
Das Mannschaftslager wurde 1914 errichtet und nach Beendigung des Ersten Weltkrieges sukzessive aufgelöst. Anfangs noch Biwak-Lager, wurden seit Herbst 1914 hölzerne Baracken durch die internierten Soldaten errichtet (Abb. 4) (nach Panzig/Heise 2018, besonders 135 bis 137). Aus einer der dafür angelegten Pfostengruben stammt die Reiseikone (Abb. 5). Einer der russischen Gefangenen wird das Heiligenbild bei den Schachtarbeiten für den Barackenbau verloren haben. Eine intentionelle Deponierung der Ikone ist auszuschließen. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass jener namentlich nicht bekannte zaristische Soldat, zu den russischen Einheiten gehörte, die an der Schlacht von Tannenberg (26.08. bis 30.08.1914, circa 90.000 russische Kriegsgefangene) und/oder an der Nachfolgeschlacht an den Masurischen Seen (06.09. bis 14.09.1914, bis zu 45.000 russische Kriegsgefangene) teilnahmen.

Obertägig haben sich von dem Mannschaftslager keine Baulichkeiten erhalten, allein das Empfangsgebäude des Bahnhofes und eine zugehörige Rampe sind noch vorhanden (Für diese Angabe danken wir Andreas Stahl, Abteilung Landesgeschichte im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt). Eine 1917 von den Kriegsgefangenen geschaffene Gedenkstele befindet sich auf dem Friedhof des Wittenberger Ortsteiles Piesteritz (Abb. 6). Auf der rechten Hälfte des Gedenkkranzes ist der russische Doppeladler deutlich erkennbar angebracht (Abb. 7) – die einzige öffentliche Erinnerung an das Wittenberger Kriegsschicksal tausender Osteuropäer.


Text: von Helge Jarecki (Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt), Lutz Rickelt (Ikonen-Museum Recklinghausen)
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

St. Jeckel, Russische Metall-Ikonen – in Formsand gegossener Glaube (Bramsche 1995³).

H. Meller/J.-H. Bunnefeld, Archäologie der Moderne aus Sicht der Landesarchäologie Sachsen-Anhalts – Chance oder Problem? Archäologische Informationen 43, 2020, 117-131.

J. Palatini (Hrsg.) »Gäste des Kaisers«. Die Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkrieges auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts – Teil I. Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalts 67 (Halle [Saale] 2018).

J. Palatini, Quellen zur Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Kleinwittenberg. Heimatkalender 2019. Das Heimatbuch für Stadt und Landkreis Wittenberg 22, 2019, 116-126.

Ch. Panzig/J. Heise, »Wenn es doch erst vorbei wäre!« Wittenberg im Ersten Weltkrieg 1914-1918 (Lutherstadt Wittenberg 2018)

K. Sommer, Ikonen. Ein Handbuch für Sammler und Liebhaber (München 1979).

C. Theune, Spuren von Krieg und Terror. Archäologische Forschungen an Tatorten des 20. Jahrhunderts (Wien 2020).

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