Zur Navigation (Enter) Zum Inhalt (Enter) Zum Footer (Enter)

Fund des Monats

September: Ein Kunstwerk aus hunderten Teilen

Die Stuckfragmente aus der Klosterkirche von Gerbstedt

In der Sammlung des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt befindet sich mit circa 800 Fragmenten einer der bedeutendsten Fundkomplexe hochmittelalterlicher Stuckplastik aus dem 12. und frühen 13. Jahrhunderts in Mittel- und Westeuropa. Die Fragmente stammen aus dem Bereich der 1650 eingestürzten Klosterkirche in Gerbstedt (Landkreis Mansfeld-Südharz). Die Kirche des 985 gegründeten Gerbstedter Klosters stammte wohl aus der Zeit um 1100 (Abb. 1 und 2). Die Wettiner, aus deren Haus auch einige Äbtissinnen des Konvents stammten, hatten zu der Zeit die Vogtei inne. Im Laufe des 15. Jahrhunderts und des Dreißigjährigen Kriegs wurde die Kirche baufällig und stürzte 1650 ein, nur der Westabschluss mit zwei massiven Glockentürmen blieb erhalten. 1805 war das Bauwerk endgültig vom Erdboden verschwunden (Abb. 3). Bereits im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Stuckfragmente entdeckt. Beim Chronisten Fritz Buttenberg ist in einem Bericht von 1920 bezüglich der Funde zu lesen: »Beim Bau des Schulhauses im Jahre 1869 fand man den Fußboden der Krypta zwei Fuß tief unter dem Kirchenfußboden, bedeckt mit einer großen Anzahl Gipsstücken wie Arabesken, Tierfiguren, einem Teil einer menschlichen Figur, Fuß und Lanze auf ein geschupptes Tier setzend […].« Von den damals gefundenen Fragmenten sind heute noch zehn bekannt. Eines dieser Fundstücke – ein kleiner Kopf – wurde bereits in den 1870er Jahren vom damaligen Gerbstedter Bürgermeister und Chronisten Karl Berger an den Altertumsverein in Eisleben übergeben (Abb. 4).

Neun weitere Fragmente schenkten Bergers Erben 1888 dem Provinzialmuseum in Halle, diese gelangten schließlich in die Sammlung des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin. Die Einlieferung dieser Stuckfragmente, bei denen es sich um Einzelmotive handelte, erfolgte am 30. Oktober 1915 in Berlin. Sie zeigen unter anderem Akanthus- und Palmettendekore, einen kleinen bartlosen Kopf, den Körper eines Tieres, einen Drachenkopf sowie einen Vogel in einer Raute (Abb. 5 und 6).
Weitere Fragmente wurden bei Bauarbeiten in den 1980er Jahren entdeckt. Insgesamt waren es 54 Einzelstücke, die bei den Ausschachtungsarbeiten »zur Betonierung des Kellerbodens« im Schulkeller zu Tage gefördert werden konnten. Die etwa vier Quadratmeter große Fundstelle befand sich circa sechs Meter östlich von zwei hochmittelalterlichen Gräber, die bereits 1972 gefunden worden. Aufgrund der fehlenden Befunddokumentation kann heute lediglich anhand der Lage der Bestattungen die ursprüngliche Position der Stuckfragmente bestimmt werden (Abb. 7). Die Fragmente wurden vom damaligen Hausmeister der Schule sowie einigen Schülern und Schülerinnen freigelegt und vom Ortspfleger Walter Stein gesichert. Im September 1988 übergab er die Stuckfragmente an das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Weitere hunderte gestaltete Fragmente wurden 1996 im Zuge einer baubegleitenden archäologischen Notbergung durch das Landesamt für Archäologie unter der Leitung des Archäologen Olaf Kürbis unter dem heutigen Schulplatz freigelegt. Sie wurden in einem kleinen Abschnitt gefunden. Aufgrund der beengten Verhältnisse und der Tiefe des ausgehobenen Schnitts gestaltete sich die Dokumentation der Befunde schwierig. Einige Stuckfragmente wurden auch direkt von der Baggerschaufel beziehungsweise aus dem Abraum gerettet. Trotz dieser widrigen Umstände konnten auch kleinere Stuckfragmente mit Gestaltung geborgen werden, die nach dem Zusammensetzen mit passenden, größeren Teilen die Deutung erst möglich machten. Sie zeigen verschiedenste, für die hochmittalterliche Plastik typische Motive. Das Formenspektrum reicht von Figuren von Menschen in mindestens drei Maßstäben über Tierfigürchen und kleine Rahmungen bis hin zu ehemals üppigen Friesen, die einst sicherlich größere Bildfelder oder Bögen im Kircheninneren umrahmten. Mit dem Fund dieser großen Anzahl an Fragmenten wurde erst deutlich, dass die Klosterkirche in größerem Ausmaß mit Stuckierungen ausgestattet gewesen war. Direkt im Anschluss an die Einlieferung an das Landesamt für Archäologie wurden die Fragmente sortiert und die repräsentativen Stücke gereinigt und konserviert sowie teilweise zusammengesetzt und geklebt (Abb. 8).
Dank der großzügigen Förderung der Ernst von Siemens Kunststiftung konnte der bedeutende und bis dahin noch kaum bekannte Fundkomplex seit 2020 weiter konserviert, erforscht und erstmals öffentlich präsentiert werden. Insgesamt können heute 107 Fragmente in der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle (Saale) im Raum »Gottesherrschaft« besichtigt werden.


Text: Susanne Kimmig-Völkner
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Die Neuerscheinung ›Kloster Gerbstedt. Stuck des Hochmittelalters‹

Im Katalogband der nun vorliegenden knapp 500 Seiten umfassenden Publikation wird der Gerbstedter Fundkomplex der interessierten Öffentlichkeit sowie der Wissenschaft erstmals in Gänze zugänglich gemacht. Er ist vollständig mit hochwertigen Fotografien der interpretierbaren Fragmente ausgestattet. Eine beigegebene DVD enthält 3D-Scans ausgewählter Stücke aus der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte und dem Bode-Museum.

Darüber hinaus wird der Gerbstedter Stuckfund in einem separaten, reich bebilderten und 16 Beiträge umfassenden Aufsatzband aus restauratorischer, material -wissenschaftlicher, kunsthistorischer und archäologischer Sicht behandelt sowie in seinen (kultur-)historischen Kontext eingeordnet. Zum Gelingen dieses Bandes trugen dreizehn Autorinnen und Autoren, alle ausgewiesene Spezialisten der beteiligten Fachgebiete, bei.

Die Neuerscheinung ist zum Preis von 98 Euro beim Verlag Beier & Beran (VerlagBeier@aol.com; 0175 / 8659627) sowie im Buchhandel erhältlich.

Zum Seitenanfang