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20. Jahrestag der Sicherstellung der Himmelsscheibe von Nebra

Erinnerung an eine spektakuläre Polizeiaktion

22. Februar 2022

Die folgende Presseinformation ist auch als PDF zum Herunterladen erhältlich.

Vor genau 20 Jahren, am 23. Februar 2002, wurde die Himmelsscheibe von Nebra durch die Schweizer Polizei sichergestellt. Die in der Geschichte der deutschen Archäologie einmalige Aktion in einem Basler Hotel ist rückblickend sowohl Höhepunkt einer regelrechten Kriminalgeschichte als auch Auftakt zu einer einzigartigen Chronologie kriminalistischer, juristischer, archäologischer, natur- und kulturwissenschaftlicher Untersuchungen. Von Anfang an galt die Himmelsscheibe von Nebra als Fund von Weltrang. Aufgrund ihrer Bedeutung als weltweit älteste Darstellung kosmischer Phänomene wurde sie 2013 in das UNESCO-Dokumentenerbe ›Memory of the World‹ aufgenommen.

Die weltberühmte Himmelsscheibe von Nebra, die sich derzeit als Leihgabe in der Ausstellung ›The world of Stonehenge‹ im British Museum in London befindet, hatte vor ihrer Übergabe an das Landesmuseum für Vorgeschichte, ihre rechtmäßige Heimstatt, bereits bewegte Jahre hinter sich. Im Juli 1999 war sie auf dem Mittelberg bei Nebra von Sondengängern entdeckt und illegal ausgegraben worden. Die beiden Männer hatten zwar die Scheibe zunächst nicht als archäologisches Objekt identifiziert, wohl aber die Schwerter, Beile, Armspiralen und den Meißel, die mit der Himmelsscheibe vergraben waren. Anstatt sich, wie es das Denkmalschutzgesetz des Landes Sachsen-Anhalt vorschreibt, an das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) in Halle als die zuständige Behörde zu wenden, informierten die Männer einen ihnen bekannten Hehler aus dem Rheinland. Dieser erwarb den gesamten Fundkomplex für eine Summe von 32.000 DM und verkaufte ihn für 230.000 DM an einen Privatmann weiter, nachdem er ihn vergebens mehreren deutschen Museen zum Kauf angeboten hatte.

Nachdem der damals frisch ins Amt gekommene Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt Harald Meller 2001 von der Existenz des Hortes erfahren hatte und der damalige Besitzer die Funde, vermittelt durch eine Hehlerin, gewinnbringend an das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) verkaufen wollte, entschieden sich die  Behörden des Landes Sachsen-Anhalt zu einer ungewöhnlichen Vorgehensweise. In Abstimmung mit dem damaligen Kultusministerium des Landes als der dem LDA übergeordneten Behörde, dem Innenministerium und dem Landeskriminalamt (LKA) sollte ein Ankauf des Hortes durch das LDA fingiert werden. Ein verdeckter Ermittler des LKA stand dem Landesarchäologen daraufhin bei allen weiteren Schritten zur Seite, darunter auch ein Treffen mit der Hehlerin.

Am 23. Februar 2002 kam es schließlich im Hotel Hilton Basel zu einem Treffen Harald Mellers mit der Hehlerin und dem damaligen Besitzer des Hortes. Diese wurden ab dem Zeitpunkt ihres Grenzübertritts durch die Schweizer Polizei observiert, nachdem das LKA die Basler Staatsanwaltschaft um Rechtshilfe ersucht hatte, und diesem Ersuchen innerhalb kürzester Zeit entsprochen worden war. Harald Meller begab sich nach einem Briefing durch die Basler Polizei und Staatsanwaltschaft zum vereinbarten Treffpunkt. Das Gespräch mit den Hehlern fand in der Hotelbar im Untergeschoss des ›Hilton‹ statt. Harald Meller erinnert sich: »Die Basler Polizei, der wir für ihre Unterstützung zu größtem Dank verpflichtet sind, hatte mir versichert, mich während des Treffens nicht aus den Augen zu lassen. Dass sich in der Bar außer den Hehlern, vor denen ich ausdrücklich gewarnt worden war, und mir nur Personal und wenige Gäste befanden, machte mich nervös. Dennoch führte ich, wie vorab besprochen, fingierte Echtheitstests an einem Beil und einem Schwert aus, die mir zuerst vorgelegt wurden. Die Himmelsscheibe, die ich damals zum ersten Mal im Original sah, wurde mir zuletzt vorgelegt: Der Besitzer hatte sie sich mit einem Handtuch vor den Bauch gebunden und zog sie erst spät unter seinem Pullover hervor.« Nachdem auch sie einer vorgeblichen Echtheitsuntersuchung unterzogen worden war, schnappte die Falle zu: Reibungslos erfolgten der Zugriff durch die Schweizer Polizei, die Festnahme aller Beteiligten und die Sicherstellung des Jahrhundertfundes. Alle Personen in der Bar, mit Ausnahme Mellers und seiner beiden Gesprächspartner, erwiesen sich als verdeckte Ermittler. Die übrigen Objekte aus dem Hortfund, die sich zum Zeitpunkt des Treffens nicht in Basel befanden, wurden im Zuge einer Hausdurchsuchung in Deutschland sichergestellt. Wenig später konnte das gesamte Ensemble an das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) übergeben werden.

In der Folge der Sicherstellung kam es nicht nur zu polizeilichen Ermittlungen und mehreren Gerichtsprozessen gegen die Raubgräber und Hehler, sondern auch zu umfassenden wissenschaftlichen Untersuchungen, in deren Fokus die Himmelsscheibe selbst, aber auch das kulturelle Umfeld standen, in dem sie vor mehr als 3.600 Jahren geschaffen wurde. Die Himmelsscheibe kann heute nicht nur als älteste Himmelsdarstellung der Welt und eines der am besten untersuchten archäologischen Objekte überhaupt gelten. Sie ist auch ein Schlüsselfund, der grundlegende neue Forschungen zu einer ganzen Epoche der mitteleuropäischen Vorgeschichte, der frühen Bronzezeit (circa 2.200 bis 1.600 vor Christus), der Zeit der sogenannten Aunjetitzer Kultur, angestoßen hat.

Die Himmelsscheibe wurde um 1600 vor Christus zusammen mit ihren Beifunden – zwei Schwertern, zwei Beilen, zwei Armspiralen und einem Meißel – auf dem Mittelberg vergraben, war zuvor aber bereits einige Generationen in Gebrauch. Wie man heute weiß, vereint sie teils regional vorhandenes, teils weitgereistes, vermutlich aus Babylonien stammendes astronomisches Wissen mit Materialien aus unterschiedlichen Regionen Europas: Kupfer aus dem Alpenraum, Zinn und Gold aus Cornwall. Aufgrund ihrer Bedeutung als älteste Darstellung kosmischer Phänomene wurde die Himmelsscheibe 2013 in das ›Memory of the World‹-Register der UNESCO aufgenommen. Zugleich ist sie sowohl Zeugnis als auch Schlüssel zu einer lange vergangenen, aber dennoch erstaunlich vernetzten Epoche. Den in Folge ihrer Sicherstellung angestoßenen Forschungen sind faszinierende und weitreichende neue Schlussfolgerungen zum sozialen und kulturellen Umfeld zu verdanken, in dem die Himmelsscheibe geschaffen wurde.

In diese Welt konnten noch bis Anfang Januar die Besucher der Landesausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) ›Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte‹ eintauchen, deren Begleitpublikationen, ein umfangreicher Katalog sowie ein deutsch- und englischsprachiges Begleitheft, weiterhin im Museumsshop des Landesmuseums für Vorgeschichte sowie im Buchhandel erhältlich sind. Ferner steht eine Filmführung mit Harald Meller durch die am 9. Januar 2022 beendete Landesausstellung zur Verfügung.

Das gesamte Filmangebot aus dem Landesmuseum für Vorgeschichte ist zudem auf YouTube zu finden.

Kontakt

Dr. Alfred Reichenberger
Stellvertretender Landesarchäologe, Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
+49 345 5247-312
areichenberger@lda.stk.sachsen-anhalt.de

Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
– Landesmuseum für Vorgeschichte –

Bildrechte der Pressefotos

Die Bildrechte an den Aufnahmen werden ausschließlich und einmalig für eine Publikation im Zusammenhang mit dem Pressetermin erteilt. Jegliche Wiederverwendung oder Neuauflage ist vorab schriftlich zu beantragen. Eine anderweitige Verwendung ist nicht gestattet. Die Bildrechte liegen, soweit nicht anders angegeben, beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Das Copyright ist stets vollständig und korrekt anzugeben. Wir bitten um ein kostenloses Belegexemplar der Veröffentlichung.

Auf Wunsch schicken wir Ihnen die Bilder gern zu. Bitte wenden Sie sich, auch bei weiteren Fragen, telefonisch an +49 345 5247-384 oder per E-Mail unter oeffentlichkeitsarbeit@lda.stk.sachsen-anhalt.de.

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