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Fund des Monats

August: Seegeschichten

Wiederholt entdeckten Sporttaucher im nördlichsten See des Landes, dem Arendsee, Zeugnisse versunkener Infrastruktur, so Wege und Reste einer Mühle. Doch wie können einstige Verbindungswege und Bauten in einem Binnensee mehrere Meter unter Wasser geraten? Antwort gibt die komplizierte Entstehungsgeschichte dieses Sees, die in jüngster Zeit interdisziplinär erforscht wurde. Geologen, Limnologen, Biologen und Archäologen gelangten dabei zu neuen Erkenntnissen, ohne jedoch die Seeentwicklung bislang in allen Aspekten erschließen zu können.

Die Entstehungsgeschichte des Arendsees

Vor circa 200 Millionen Jahren begann der Aufstieg von Salzen zu einem Salzstock bis in die Nähe der Erdoberfläche. In diesem Kontext bildete sich vor circa 120 Millionen Jahren über dem Salzstock ein Gipshut aus. Darüber wiederum entstand der spätere Arendsee. Aufstieg und Ablaugung von Salzen, verbunden mit Rissen im Gipshut, führten zu Senkungen und Einbrüchen der Erdoberfläche beziehungsweise des Seegrundes. Im Verlaufe der Jahrtausende vergrößerte sich daher die Seefläche. Zugleich erweiterte sich der Tiefenbereich, und die Lage der Einsenkungen des Arendsees veränderte sich. Heute wird die maximale Seetiefe mit 50,5 Meter angegeben.

Vor circa 11.000 Jahren bestanden offenbar ein einzelnes flaches Gewässer im Osten, ein Gewässer im Westen, im Süden und in der heutigen Seemitte (Abb.1). Bis 2.500 vor Christus nahm der See nach Norden und Osten hin zu. Noch bis ins 8. Jahrhundert nach Christus dürfte im Südteil eine Halbinsel existiert haben. Eine erhebliche Vergrößerung, durch die auch eine geschlossene Seefläche entstand, geschah durch einen archivarisch dokumentierten Großerdfall circa 822 nach Christus (Abb. 2). Für das Jahr 1685 ist ein weiterer Erdfall dokumentiert. Durch diese erneuter Erweiterung erhielt der See seine heutige Gestalt. Mit diesen Seebodenabsenkungen ist das Versinken von Wegen und der erwähnten Mühle im See zu erklären.

In Chroniken der Stadt Arendsee aus dem 19. und frühen 20. Jh. wird der See für die Zeit vor 822 als ›Wendischer See‹ bezeichnet. Wenngleich dieser Begriff Eingang in die (Fach-) Literatur fand, gibt es bisher darüber hinaus keine Nachweise für diesen Namen.
Dagegen wird in den ältesten Erwähnungen der kleine vor dem Großerdfall von circa 822 bestehende See »arnseo« (Fränkische Annalen des Einhard im Jahre 827 zum Jahr 822) und »antiquum Arnesse« (Urkunde des Jahres 1208: Codex diplomaticus brandenburgensis) genannt. Somit unterscheiden die mittelalterlichen Quellen eindeutig nur zwischen altem und bestehendem See. Der im 9. Jahrhundert erstmals belegte Gewässername »arnseo« wurde später für die sich am Südufer entwickelnde Ansiedlung übernommen.

Die versunkene Windmühle

Ein archivarisch überliefertes Ereignis ist der Seefall vom 25. November 1685, als am Südostufer ein Hügel samt Windmühle und etwa 20 Hektar Land im Arendsee versanken (Abb. 3). Sporttaucher des Tauchclubs Arendsee (TCA) bargen an der Stelle des Seefalls, Neue Tiefe genannt, in den Jahren 1983 und 2000 jeweils einen Läuferstein, die heute im Freigelände des ehemaligen  Benediktinerinnenklosters in Arendsee nördlich der Kirche aufgestellt sind (Abb. 4). Der fehlende Bodenstein führte immer wieder zu Spekulationen, die das Versinken der Mühle lediglich als Legende deuteten.

Im Jahr 2006 gelang es durch den Einsatz eines ferngesteuerten, mit Sonar und Globales Positionsbestimmungssystem (GPS) ausgestatteten Vermessungsbootes durch Klaus Storch, Soso Jena (Abb. 5), im Bereich der ›Neuen Tiefe‹ eine sechs mal sechs Meter große, annähernd quadratische, flächige Struktur zu verorten – offenbar die versunkene Mühle. Deren jetzige Position liegt etwa in 7,5 Meter Tiefe unter dem Wasserspiegel und 2,5 Meter tief im Seesediment (Abb. 6).

Eine vor Jahren von Sporttauchern geborgene Eichenbohle (Abb. 7) – nach deren Aussagen war sie bei der Auffindung mehr als 5 Meter lang – wurde 2008 am Deutschen Archäologischen Institut Berlin auf ein Fälldatum des Baumes von um/nach 1322 datiert. Offenbar hatte diese Mühle zur Zeit ihres Untergangs schon längere Zeit am alten Standort bestanden, wenngleich auch mit einer Sekundärverwendung der Eichenbohle gerechnet werden darf. Damit war in Zusammenhang mit den Mühlsteinen auch der Nachweis zumindest eines wohl zur Mühle gehörenden hölzernen Bauteils gelungen. Zusätzliche Bestätigung fand diese Annahme bei Tauchgängen im Jahr 2008 durch die Entdeckung von hölzernen Wand- oder Deckenfragmenten mit Resten einer Ausfachung (Abb. 8).

Zwei ebenfalls vom Sonar in drei Meter unter Seegrund erfasste lineare Strukturen, die als Wege gedeutet werden, laufen von Südosten und von Westen stumpfwinklig auf den vermuteten Standort der Mühle zu (Abb. 9) und verbanden diese einst mit der Stadt.

Alte Wege unter Wasser

Durch den erneuten Einsatz des ferngesteuerten Vermessungsbootes gelang es auch, im See vermutete Wegeabschnitte zu entdecken.
Uferwege für Gespanne und Menschen entlang des Sees waren die Alternative zu direkten Seeüberquerungen mittels Wasserfahrzeugen. Der durch Betreten und Befahren verdichtete Untergrund wird im Sonar als erhöhtes, härteres Echo sichtbar. Daher werden diese Signale als versunkene alte Wege interpretiert.
Bereits 1987 hatten Sporttaucher in 12 Meter Wassertiefe eine von ihnen als »Strasse« bezeichnete Struktur ausmachen können, die vom heutigen Schiffsanleger in Richtung Südwesten führt und in etwa 100 Meter Entfernung fast uferparallel verläuft. Die Sedimentsonarprospektion zeigte eindeutig, dass dieser auf einer Länge von circa 500 Meter erkennbare Weg - durch den Seefallkegel von 1685 unterbrochen - weiter nach Südwesten führt, wobei er sich vom Ufer entfernt. Er ist älter als der Seefall (Abb. 10).

Ein weiterer versunkener Uferweg ist in einer linearen Struktur von ebenfalls mehreren 100 Meter Länge im Süden des Sees zu fassen. Dort ist der See circa 12 bis 16 Meter tief. Dieser Weg gehört zu einem wohl in der Nähe des einstigen Seeufers gelegenen Wegesystem und wurde in 2,5 Meter  unter Seegrund geortet. Nordöstlich des Klosters verläuft er im See das Stadtufer entlang nach Nordosten und hat in mehr als 100 Meter Entfernung vom heutigen Ufer einen Kreuzungspunkt mit einer heute in 20 Meter Wassertiefe liegenden Wegeverbindung. Von der ehemaligen Halbinsel im See kommend, führte der kreuzende Weg in Richtung Horning, einem alten Siedlungskern der späteren Stadt Arendsee (Abb. 11, 12).

Es ist davon auszugehen, dass die ehemaligen Wege unterschiedliche historische und versunkene Seeuferlinien nachzeichnen. Noch fehlen chronologische Zuordnung und Einbindung in ein lokales Wegenetz. Die georteten Wegeabschnitte gerieten entweder abrupt bei dem Seefall zu Beginn des 9. Jahrhunderts oder erst in der Folgezeit nach und nach bei weiteren Senkungen und Rutschungen des Uferbereichs unter Wasser.


Text: Rosemarie Leineweber
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta, Tomoko Emmerling

 

Literatur

J. Christiansen, Palynologische Untersuchungen zur Vegetations- und Siedlungsgeschichte im Bereich des Arendsees und zum Alter seiner Sedimente. Nachrichtenblatt für Unterwasserarchäologie 15, 2009, 51–57.

O. Hartmann und G. Schönberg, Geologische Entwicklungsgeschichte und Untersuchungsergebnisse am Arendsee. Nachrichtenblatt für Unterwasserarchäologie 15, 2009, 58–64.

M. Hellmund, Pollenanalysen an den Sedimenten des neolithischen Fischzauns vom Arendsee. Nachrichtenblatt für Unterwasserarchäologie 15, 2009, 28–36.

R. Leineweber, H.-J. Beug, J. Christiansen, H.-J./ Döhle, O. Hartmann, M. Hellmund,  B. W. Scharf und G. Schönberg,  Zur Entwicklung des Arendsees in der Altmark, Sachsen-Anhalt, Nachrichtenblatt für Unterwasserarchäologie 15, 2009,  9–11.

R. Leineweber und H, Lübke, Unterwasserarchäologie im Arendsee. Nachrichtenblatt für Unterwasserarchäologie 15, 2009, 127–139.

O. Meußling, Marginalien zur Arendseeforschung. Wissenschaftliche, historische und kuriose Messungen der Seetiefen. Sachsen-Anhalt. Journal für Natur- und Heimatfreunde 2 , 1995, 10–12.

B. W. Scharf, R. Röhrig, S. Kanzler, H.-J./ Beug, O. Büttner, J. Christiansen, J. Fieker,  H.-M. Schindler, und H.-H. Schindler, Zur Entstehung des Arendsees. Ein Vergleich paläolimnologischer Untersuchungen mit den Ergebnissen eines Modellversuches. Nachrichtenblatt für Unterwasserarchäologie 15, 2009, 37–50.

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