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Denkmal des Monats

Januar 2022: Schloss Wernigerode

Der Blick vom Agnesberg offenbart bis heute die typische mittelalterliche Funktionseinheit von Burg und Stadt (Abb. 1, 2). Waren es im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts die sich nach der Ansiedlung im Tal nennenden Grafen von Wernigerode, so gelangte die Burg 1429 durch Erbfall an die Grafen von Stolberg. Dieses Harzer Fürstengeschlecht gehört zu den bedeutendsten im mitteldeutschen Raum, was unter anderem die Verbindung zum holländischen Königshaus dokumentiert. Graf Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode bestimmte die nach Ausbauphasen im 15. Jahrhundert lange Zeit vernachlässigte und mehrfach geplünderte Rundhausburg 1710 zur ständigen Residenz. Aber erst Fürst Otto von Stolberg-Wernigerode, Vizekanzler unter Bismarck, gab dem Bauwerk seinen unverwechselbaren Charakter, indem er die Burg zum prachtvollen neogotischen Schloss ausbauen ließ.

Getragen von der geradezu sich zu einer nationalen Bewegung formierenden Verschmelzung von Romantik und Mittelaltersehnsucht entstand mit Zinnen und Türmchen das Abbild einer idealen »Ritterburg«, freilich nicht wie etwa Stolzenfels oder Neuschwanstein aus wilder Wurzel, sondern unter Verwendung bestehender Bausubstanz, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. Diese ganz unterschiedlichen Baustile, zusammengefasst unter der Überformung und Vollendung durch Carl Frühling, machen den besonderen Reiz der Anlage aus. Der Stein gewordenen Inszenierung einer Burg entspricht das vielfältige zeitgleiche Inventar. Ledertapeten, Wandbespannungen, Holzpaneele, Decken und Mobiliar passen sich stilistisch der sie bergenden Architektur an.

Zum Gesamtkunstwerk zählt auch die prachtvolle Schlosskirche mit ihren farbglühenden Glasbildern, die kein Geringerer als Friedrich von Schmidt schuf, der Architekt des Wiener Rathauses und der dortigen Votivkirche. Die Wirkung des Schlosses ist abhängig von einer bewusst »romantisch«, im Sinne von pittoresk eingesetzten, auf Fernwirkung intendierten Architektur. Türmchen, der Bergfried, übersteile Dächer mit kleinteiligen Lukarnen und Gaupen, dazu eine Materialvielfalt ergeben ein zufällig wirkendes, dabei aber wohl berechnetes Bild, das sich dem Rationalismus einer funktionsorientierten mittelalterlichen Burg diametral entgegenstellt. Dies trifft bis heute den Nerv der Besucher, die zahlreich wie in keinem anderen Schloss Sachsen-Anhalts zu verzeichnen sind.


Text: Mathias Köhler
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

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