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Fund des Monats

November: Ein Blick ins Dunkel

Eisenzeit trifft Moderne

Sie liegen verborgen unter dem Erdreich. Wind, Wetter oder Pflanzenwuchs haben sie über die Jahrhunderte, manchmal sogar Jahrtausende bis hin zu ihrer Entdeckung verändert. Doch auch nach ihrer Entdeckung halten sie noch eine Vielzahl an Geheimnissen bereit: Bestattungsgefäße. Insbesondere Urnen bieten besondere Überraschungen. Hierbei bewegt man sich stets im Ungewissen, was vor allem bei komplett erhaltenen Gefäßen eine Herausforderung darstellt. Mit modernster Technik kann jedoch schon vorab Licht ins Dunkel gebracht werden, wie man an dem Beispiel dieser besonderen Bestattung aus der vorrömischen Eisenzeit sehen kann.
Geborgen wurde die bis dahin einzigartige Urne 2020 im Landkreis Salzwedel auf einem Gräberfeld der Jastorf-Kultur, die ungefähr von 550 bis 50 vor Christus das Gebiet besiedelte (Abbildung 1). Da die Urne eine außergewöhnlich gute Erhaltung aufwies und Metallfunde im Inneren zu erwarten waren, wurde beschlossen, die Urne nach ihrer Freilegung mithilfe der Computertomographie (CT) zu durchleuchten. Dafür machte sich unsere Urne auf den Weg nach Berlin zur Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, kurz BAM.

XL-Computertomographie

An der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, wurde die Urne im Fachbereich »Radiologische Verfahren« in einem speziellen Labor für großvolumige Proben mithilfe einer XL-CT-Anlage untersucht (Abbildung 2). Dieses Labor, genannt »HexyLab« (High Energy X-Ray Laboratory), verfügt über ein 13-achsiges Manipulationssystem inklusive einer 600 kV (600.000 Volt) Hochenergieröntgenquelle und eines Röntgendetektors, der die einfallende Röntgenstrahlung in Grauwertbilder umwandelt. Nach mehreren Stunden Messzeit, in der die Urne in über 1000 Winkelschritten Bild für Bild gescannt wird, kann der Datensatz mithilfe eines klassischen Tomographiealgorithmus rekonstruiert werden, das heißt aus tausenden zweidimensionalen Einzelbildern wird ein einziger dreidimensionaler Datensatz. Schneidet man nun diesen Datensatz digital auf und begutachtet die Schnittebenen, so kann man, wie in Abbildung 3 und Abbildung 4 zu sehen, anhand der Grauwertverteilung bereits eine Menge mit bloßem Auge erkennen. Sehr helle Strukturen, also Bereiche mit großer Schwächung der Röntgenstrahlung, deuten auf metallische Gegenstände hin. Leicht graue Strukturen stellen die Knochen dar und eher homogene Bereiche repräsentieren das Füllmaterial (vor allem Sandsediment), welches als Verfüllung in die Urne gelangt ist.

Damit nun aber die metallischen Beigaben in Form, Lage und Verteilung genauer analysiert werden können, muss eine sogenannte Segmentierung erfolgen. Dabei werden die zu einem einzelnen Objekt gehörigen Voxel (3D-Pixel) mithilfe diverser Algorithmen markiert, sodass zum Schluss die einzelnen Objekte, zum Beispiel durch eine farbliche Markierung wie in Abbildung 5, kenntlich gemacht werden können.

Die Funde

Mit den Ergebnissen dieser Computertomographie-Untersuchung war es nun einerseits möglich, bereits gezielte Aussagen zu den enthaltenen Funden und auch zu deren räumlicher Verteilung zu treffen, andererseits konnte auch deren Freilegung um ein Vielfaches genauer und strukturierter durchgeführt werden. Besonders eine behutsame und somit zerstörungsfreie Bergung der fragilen Objekte wurde dadurch erleichtert. Insgesamt fanden sich vier metallene Beigaben in dem Gefäß (Abbildung 6). Die Fibeln sowie der Stabgürtelhaken waren aus Eisen gefertigt, der Spiralohrring hingegen aus Bronze (Abbildung 7). Bei dem Ohrring handelt es sich um ein in der Jastorf-Kultur recht verbreitetes Schmuckstück, welches daher auch chronologisch keine genaueren Anhaltspunkte liefern kann. Bereits vor ihrer Freilegung konnten in der Computertomographie zwei miteinander korrodierte Eisenfibeln ausgemacht werden (Abbildung 8). Da die Form der Fibeln in der Latènezeit vergleichsweise stark modischen Einflüssen unterlag, ist durch sie eine zeitliche Einordnung des Grabes möglich. Eiserne Fibeln vom Mittellatèneschema, wie es für die größere sicher ausgemacht werden kann, treten vom 3. bis ins 1. Jahrhundert vor Christus auf. Die vorliegende Fibel ist dabei von der Variante B, welche ungefähr um 200 vor Christus herum auftritt. Das Besondere dieses Fibeltypus ist, dass der Fuß zurückgebogen und oben mit dem Bügel verbunden wird, während im Frühlatène der Fuß noch frei endete. Die kleinere Fibel ist bereits im sogenannten Spätlatène-Schema gehalten. Durch die Computertomographie-Aufnahmen konnte sie typologisch als eine sogenannte Stufen-Fibel bestimmt werden (Abbildung 9). Diese Fibeln finden sich in Mitteleuropa ab dem 2. Jahrhundert vor Christus.
Einen besonderen Fund stellt der sogenannte Stabgürtelhaken dar (Abbildung 10). Bei ihm handelt es sich um ein jüngeres Stück, so treten Gürtelhaken dieser Form im 2. und 1. Jahrhundert vor Christus in der Latène D Periode auf. Wie der Name schon verrät, werden Gürtelhaken genutzt, um einen Gürtel zu verschließen. Sie erfüllen die Funktion einer Schnalle, indem sie am gegenüberliegenden Gürtelende in einen Ring eingehakt werden. Wie die Fibeln gehören Gürtelhaken zu den verbreiteten Trachtbestandteilen der vorrömischen Eisenzeit. Das gemeinsame Auftreten von Stabgürtelhaken und Mittellatène-Schema Fibel lässt vermuten, dass dieses Grab früh in der Latène D Periode angelegt wurde, als solche Fibeln noch nicht vollständig ersetzt, Stabgürtelhaken aber bereits in Mode waren. Auch die Stufenfibel legt eine Datierung in die zweite Hälfte des 2. Jahrhundert vor Christus nahe.

Die Rekonstruktion

Um den geborgenen Gegenständen wieder Leben einzuhauchen und sie greifbar zu machen, können Archäologen und Archäologinnen beispielsweise auf die Anfertigung detailgetreuer Repliken zurückgreifen. Diese machen es möglich, das Objekt wieder zu erleben und zu beobachten, wie es sich herstellen lässt, aber auch wie es genutzt beziehungsweise getragen werden kann. Mithilfe des ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegers und engagiertem Bronzeschmieds Patrick Fuhrmann wurde auf diese Weise der bronzene Spiralohrring repliziert (Abbildung 11).

Die anthropologischen Ergebnisse

Doch nicht nur die Funde tragen großes Erkenntnispotenzial in sich, auch der Leichenbrand aus der Urne ist von mindestens ebenso großer Bedeutung. Daher wurden die entnommenen Knochen zu einer anthropologischen Untersuchung gebracht. Hierdurch können das Alter und das Geschlecht der verstorbenen Person bestimmt werden. Zusätzlich sind auch Aussagen über den Gesundheitsstatus und etwaige Verletzungen möglich, was einen tiefen Einblick in die damaligen Lebensbedingungen ermöglicht.

In dieser Untersuchung konnte festgestellt werden, dass hier eine circa 45jährige Frau bestattet worden war. An ihren Knochen zeigten sich die Spuren einer Mangelerkrankung, der porotischen Hyperostose. Diese Erkenntnis lässt darauf schließen, dass sie an einem leichten Eisenmangel litt. Auch zeigte sich an den Muskelmarken, dass ihr Leben starke körperliche Beanspruchungen erforderte. Bei diesen Marken handelt es sich um Verdickungen des Knochens im Bereich der Muskelansätze, welche durch eine hohe Belastung dieser Muskelpartien entstehen.
Eine weitere Frage, welche sich bei der anthropologischen Untersuchung von Urnengräbern häufig stellt, ist die Frage nach einer sogenannten »Anatomischen Schichtung« des Bestatteten. Dieser Begriff wird verwendet, wenn die Reihenfolge der Leichenbrandfragmente in der Urne der anatomischen Abfolge des Körperbaus entsprechen, sprich sich Schädelfragmente nur im oberen Bereich der Urne und Fuß- und Beinfragmente sich nur im unteren Bereich der Urne finden. Eine solche Schichtung würde auf einen besonderen Auswahlprozess beim Aufsammeln der sterblichen Überreste nach der Verbrennung schließen lassen. Für den vorliegenden Fall konnte dies jedoch nicht beobachtet werden und es fanden sich in allen Bereichen der Urne verschiedenste Körperteile. Trotz eines harten und teilweise entbehrungsreichen Lebens, konnte die hier beigesetzte Frau ein Lebensalter von 45 Jahren erreichen. Was sie in diesen Jahren alles erlebte, ist für uns heute nicht mehr nachvollziehbar. Sichtbar ist jedoch, dass sie mit viel Sorgfalt beigesetzt wurde und auch einen nicht unerheblichen Wert an Beigaben mit in das Jenseits nehmen durfte.
Moderne, naturwissenschaftliche Untersuchungen können in der Archäologie nicht nur Einblicke in ungeöffnete Gefäße geben, sondern lassen uns einen Blick in das Leben der Menschen vor mehreren Tausend Jahren werfen. Auf diese Weise können wertvolle Ausschnitte des damaligen Lebens rekonstruiert und unser Wissen über die Vorgeschichte erweitert werden.


Text: Johannes Heußner, Dr.-Ing. David Schumacher, Yasmin Knaute, Dr. B. Heußner
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

J. Brandt, Jastorf und Latène. Kultureller Austausch und seine Auswirkungen auf soziopolitische Entwicklungen in der vorrömischen Eisenzeit. Internationale Archäologie 66 (Rahden/Westf. 2001).

W. Budesheim/H. Keiling (Hrsg.), Die Jastorf-Kultur. Forschungsstand und kulturhistorische Probleme der vorrömischen Eisenzeit. Beiträge für Wissenschaft und Kultur 9 (Wentorf bei Hamburg 2009).

H.-J. Gomolka, Die Vorrömische Eisenzeit in der Altmark und in den Kreisen Genthin und Havelberg (Berlin 1972).

B. Heußner, Anthropologische Untersuchung des Gräberfelds von Békásmegyer. In: R. Kalicz-Schreiber (Hrsg.), Ein Gräberfeld der Spätbronzezeit von Budapest-Békásmegyer (Budapest 2010) 299-313.

H. Hingst, Urnenfriedhöfe der vorrömischen Eisenzeit aus dem östlichen Holstein und Schwansen (Neumünster 1986).

H. Keiling, Die vorrömische Eisenzeit im Elde-Karthane-Gebiet. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg 3 (Schwerin 1969).

R. Müller, Die Grabfunde der Jastorf- und Latènezeit an unterer Saale und Mittelelbe. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle 38 (Berlin 1985).

W. Wegewitz, Der Urnenfriedhof von Ehestorf-Vahrendorf im Kreise Harburg aus der vorrömischen Eisen- und der älteren römischen Kaiserzeit. Die Urnenfriedhöfe in Niedersachsen 6 (Hildesheim 1962).

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