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Fund des Monats

März: Turbanmode in Mitteleuropa

Riefenrandgefäße als Wandschmuck und Gefäßdeckel

Spätbronzezeitliches Repräsentativgeschirr gehört zu den Besonderheiten unter den Keramiken von Niederröblingen. Auf dem gesamten Siedlungsareal wurden eine Menge von Schalen und Tellern mit besonderer Rand- und Innenverzierung dokumentiert. In der Fachwelt gelten sie als Wandschmuck, denn viele von ihnen weisen im Randbereich ein Löcherpaar auf (Abb. 1). Mit der Innenseite nach außen konnten sie so an der Wand befestigt werden. Die verdeckte Unterseite der Gefäße trägt in den meisten Fällen nur eine grobe Schlickrauung, bietet also keinen reizenden Anblick. Aus dem Repräsentativgeschirr kann man unter Berücksichtigung anderer Gefäße, wie Terrinen und Schüsseln, ein Service zusammenstellen. Viele dieser Serviceteile haben mit den Schalen und Tellern eine Gemeinsamkeit: die Oberflächenpolitur. Diese erfolgte jeweils nach dem Anbringen der Gefäßverzierung aus breiten Riefen und Kanneluren. Bei vielen Gefäßen erzielt die Politur einen spiegelnden Glanz, der besonders bei nahezu schwarzer Keramik zum Tragen kommt. Weitaus die meisten Keramiken der Spätbronzezeit sind in reduzierenden Brennprozessen hergestellt und haben daher matte graue bis dunkelgraue Farben. Die edle Schwarzware geht auf die Verwendung von Grafit zurück. Eine gewisse Nachahmung von Metallgefäßen aus Bronze oder gar Gold ist bei einigen verzierten Gefäßen ganz offensichtlich.

Der Terminus »Turbanrand« charakterisiert die Randverzierung von Tellern und Schalen in Form von Schrägriefen. Er geht zurück auf die gewundene textile Kopfbedeckung die man in Indien seit der Mogulzeit trägt (Abb. 2). Auf den sphärisch gekrümmten Schalen mit einbiegendem Rand ist die Verzierung an der Außenseite des Randes angebracht. Sowohl bei den Schalen als auch bei den Tellern tritt die Turbanverzierung auf der Randoberseite auf. Die Ränder können zum Beispiel unverdickt, fahnenartig horizontal umgelegt oder verdickt und geschwollen sein. Manchmal ist der Rand innen abgesetzt. Die Verzierung selbst erscheint als schräge Riefung, Querriefung oder Metopenriefung (Abb. 3 & 4). Die Riefen haben unterschiedliche Breiten und Tiefen. Die Böden sind eben oder leicht abgehoben und an der Seite kantig oder rund, letzteres besonders, wenn sie in der Mitte eine von unten erzeugte halbkugelige Delle (Omphalos) besitzen (Abb. 5). Bei den flachen Tellern ist der Boden manchmal in der Mitte über die Delle hinaus weiter nach oben durchgedrückt, so dass auf der Gefäßinnenseite ein Knubben wie bei einem durchgebrochenen menschlichen Bauchnabel entsteht. Oft sind diese Teller auch mit Kreisriefen verziert, die an der Gefäßinnenseite den »Knubben-Nabel« umscharen.
Bei den Schalen und Tellern gibt es also ein Dekor, das eine ganze Gefäßgruppe umfasst. Nur ein Typ davon, die »Turbanrandschale«, ist in ihrem zeitlichen Auftreten und ihrer räumlichen Verbreitung genauer untersucht worden, in einem Raum zwischen Alpen und Ostsee bzw. zwischen Elbe und Weichsel (Rind/Schopper 2002). In Mitteldeutschland, im Verbreitungsgebiet der Unstrut- und Saalemündungsgruppe, kannte man nur wenige Fundstellen.

In Niederröblingen wurden Reste von mindestens 185 Randscherben gezählt. Die Randdurchmesser schwanken zwischen acht Zenitmeter und 45 Zentimeter. Nur die kleineren Stücke sind mehr oder weniger vollständig. Das massive Auftreten am Ostrand der Goldenen Aue, die noch nicht untersuchte Verbreitung in Niedersachsen und die bekannten Fundstellen zwischen dem Mittelelbe-Havelgebiet (Horst 1972) und dem Unterelbe-Mecklenburger Raum kennzeichnen den Beliebtheitsgrad dieses Gefäßtypus. Detaillierte Untersuchungen haben ergeben, dass der Herstellungszeitraum der Turbanrandschalen im Süden hauptsächlich die Stufe Hallstatt A2 umfasst (11. Jahrhundert vor Christus). Erste Vorformen treten bereits in Hallstatt A1 auf, während eine längere Laufzeit in einigen Kulturgruppen des genannten Raumes (Thüringen/Sachsen; Hallstatt B1) nachweisbar ist.
Um die Funktion der Gefäße mit Randriefen noch kurz zu diskutieren, weisen wir auf eine ganze Menge von einfachen Schalen und Flachtellern hin, zum Großteil Schwarzware, die als einzige Verzierung eine glatte Oberfläche mit spiegelnder Politur besitzen. Bei den meisten ist eine wie oben besprochene randwärtige Doppellochung zu beobachten. Auch solche Gefäße gehören also zum Wandschmuck. In erster Linie sind sie aber wohl Trinkgefäße, denn im Service kommen andere geeignete Formen wie Becher nur in weit geringerer Zahl vor. Als Trinkgefäße scheiden die Riefenrandgefäße wegen der breiten Fahnen und Schwellränder dagegen aus. Da aber einige Teller gegenüberliegende Lochpaare besitzen, können sie manchmal als Deckel gedient haben, etwa um Gefäße mit Speiseinhalt mit einer Schnur zu verschließen und so vor Ungeziefer zu schützen. Bereits in den 1930er Jahren hat J. Filip (1935, 104 f.) für gelochte Deckel eine spezielle Rekonstruktion in Verbindung mit gedeckelten Hängegefäßen vorgeschlagen: die Aufhängung an Decke oder Balken zum Schutz vor Schädlingen.
Denkbar ist auch die Nutzung als Deckel für den Hausschatz. Die plastische Schauseite der Riefenranddeckel ist Ausdruck repräsentativer Motive und eine Modeerscheinung selbst bei den Dorfbewohnern unterer Bevölkerungsschichten.
Nicht unwahrscheinlich ist eine Verwendung der einfachen Deckel (Abb. 6) als Backteller, wobei die Oberflächenverzierung als Prägemuster für das Backwerk denkbar ist. Viele Deckel haben keine Handhaben; diese sind eine jüngere Erfindung. Meist ist nur ein kleiner kurzer Zapfen oder ein winziger Bügel in der Scheibenmitte vorhanden. In urnenfelderzeitlichen Fundzusammenhängen sind Scheibendeckel weiträumig bekannt (Vokolek 2002, 127).


Text: Robert Ganslmeier
Online-Redaktion: Norma Henkel, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

J. Filip, Kultovní předměty v pravěku. Památky Archeologické XL, 1935, 103-109.

F. Horst, Jungbronzezeitliche Formenkreise im Mittelelb-Havel-Gebiet. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 56, 1972, 97-165.

H. Rau, Stilgeschichte der Indischen Kunst (Graz 1987).

M. M. Rind, F. Schopper, Turbanrandteller in einer urnenfelderzeitlichen Siedlungsgrube aus Schwarzach – Lausitzer Einfluss in der Oberpfalz? Beiträge zur Archäologie in der Oberpfalz und in Regensburg 5, 2002, 99-118.

V. Vokolek, Gräberfeld der Urnenfelderkultur von Skalice/ Ostböhmen. Fontes Archaeologici Pragenses 26 (Prag 2002)

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