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Fund des Monats

Juli 2014: Der Feuersteinbergbau von Helfta, Landkreis Mansfeld-Südharz

Das Mansfelder Land ist eine Region, die eng mit dem Bergbau verbunden ist. Seit dem Mittelalter wurde das am Rande der Mansfelder Mulde ausstreichende Kupferschieferflöz abgebaut. Der jahrhundertelange Bergbau hat vielfältige Spuren in der Landschaft hinterlassen, die von kleinen Pingen und Halden des Mittelalters, als der Abbau des Erzes noch in Oberflächennähe erfolgte, bis zu den gewaltigen Kegelhalden des 20. Jahrhunderts reichen.
Eine urgeschichtliche Gewinnung von Kupfererzen ist wahrscheinlich, aber bisher noch nicht belegbar. Erst Ende des Jahres 2013 wurden Spuren urgeschichtlichen Bergbaus entdeckt. Allerdings war das Ziel dieser Bergbauaktivitäten ein anderes wichtiges Material zur Werkzeugherstellung und zwar der Feuerstein.

Die Vorgeschichte

Der Galgenberg in der Gemarkung Helfta, etwa halbwegs zwischen dem heutigen Ortsteil der Lutherstadt Eisleben und Erdeborn gelegen, ist schon lange als archäologischer Fundplatz bekannt. Auf dem höchsten Punkt einer flachen Anhöhe befindet sich ein Grabhügel, der sogenannte Galgenhügel. Dieser wurde bereits 1958 unter Schutz gestellt. Es ist zu vermuten, dass auf der Höhe ursprünglich weitere Grabhügel vorhanden waren, die aber das Schicksal vieler oberirdisch sichtbarer Objekte in der ausgeräumten Agrarlandschaft teilten. Sie wurden zur besseren Bearbeitung des Bodens abgetragen oder eingeebnet. Ein Hinweis auf dieses Schicksal könnte ein einzelnes schnurkeramisches Grab sein, das etwa 500 Meter östlich des Galgenhügels ausgegraben wurde. Es darf vermutet werden, dass sich über diesem Grab ursprünglich ebenfalls ein Hügel befand. Der Galgenhügel selbst blieb vermutlich nur erhalten, weil sich – wie der Name bereits verrät – hier im Mittelalter und der frühen Neuzeit ein Gerichtsplatz befand (Flurname: Hinterm Gericht) und im 19. Jahrhundert auf dem Hügel ein trigonometrischer Festpunkt eingerichtet worden war.

Bei luftbildarchäologischen Befliegungen entdeckte Ralf Schwarz, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts südöstlich des Galgenhügels eine Vielzahl deutlicher Bewuchsmerkmale, die er auf Grund der typischen Form und Struktur als »Gewinnungsgruben« ansprach, ohne sie näher spezifizieren zu können (Abb. 1). Nach dem Ausschlussverfahren vermutete Olaf Kürbis, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, schon frühzeitig, dass es sich um Gewinnungsgruben für Feuerstein handeln könnte, da der Abbau aufgrund der Bodenbeschaffenheit für Sand, Kies oder Lehm nicht in Frage kam. Dafür lagen zahlreiche Feuersteinknollen und -trümmerstücke an der Oberfläche. Wenige Artefakte sammelte der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger S. Horn, Leipzig, auf.
Nachdem das Areal im Regionalen Entwicklungsplan für die Region Halle als Windeignungsgebiet ausgewiesen worden war, plante ein privater Investor die Errichtung von 15 Windkraftanlagen. Da davon auszugehen war, dass sich die erforderlichen archäologischen Untersuchungen als besonders zeitaufwändig erweisen würden, wenn tatsächlich Feuersteingewinnungsgruben angetroffen würden, entschloss sich der Investor, die Flächen für drei Windkraftanlagen (Zuwegungen, Kranstellplätze, Montageplätze, Windkraftanlagenstandorte), die im Bereich beziehungsweise in unmittelbarer Nähe der im Luftbild erkennbaren Gewinnungsgruben lagen, vorab archäologisch untersuchen zu lassen. Die Ausgrabungen unter Leitung von Ines Vahlhaus fanden im Zeitraum von September bis November 2013 unter teils widrigen Witterungsbedingungen statt. Geöffnet wurden Flächen von insgesamt 11.000 Quadrametern Ausdehnung.

Die Ausgrabung

Nachdem der Oberboden für die Zuwegung für eine der geplanten Windkraftanlagen auf einer Länge von 115 Metern und einer Breite von fünf Meterabgezogen war, stellte sich das erste Planum folgendermaßen dar (Abb. 2):

Der Bereich im Nordosten des Schnittes war nahezu fundleer. Daran anschließend zeichneten sich im Nordosten im hellgelben, sandigen Untergrund vier größere, unregelmäßige Gruben mit einem Durchmesser von knapp einem bis über zwei Meter ab. Die Farbe und Beschaffenheit des Untergrundes änderte sich in Richtung Südwesten. Der rötliche, sehr harte Geschiebemergel enthielt stark verwitterte Steine, darunter einige größere Feuersteinknollen. Nach der geologischen Karte und Untersuchungen durch S. Wansa vom Landesamt für Geologie und Bergwesen handelt es sich bei dem Geschiebemergel um den Rest einer oberflächennah liegenden Grundmoräne vermutlich der Saale-Eiszeit (von 300.000 bis 130.000 vor Christus). In dieser liegen sowohl nordisches und einheimisches Steinmaterial miteinander vermengt. Die rötliche Farbgebung beruht wahrscheinlich auf dem darin vermahlenen Sandstein.

Genau in diesem veränderten Untergrund waren die im Luftbild erfassten Strukturen in Form von nahezu runden Verfärbungen mit einem Durchmesser von 60 bis 100 Zentimeter, die teilweise regelhaft nebeneinander erschienen, wiederzufinden. Um viele dieser Verfärbungen lag eine dunkelbraune humose Schicht, welche als ehemaliger humoser Oberboden gedeutet wurde (Abb. 3).
Beim Schneiden der Befunde ergab sich ein differenziertes Bild in diesem circa 350 Quadratmeter  großen Bereich: Aus 34 vergebenen Befundnummern ergaben sich rund 27 unterschiedliche, unregelmäßige, große und tiefe Gruben mit meist einer zentralen und farblich abweichenden Füllung. Daneben konnten rund 29 Schächte nachgewiesen werden. Diese waren mit einfachen Werkzeugen wie Geweihhacken oder Dechseln in der Regel vertikal durch die sehr harte Grundmoräne geteuft worden und erreichten einen Schmelzwasserkies an der Unterkante der Grundmoräne bei einer Tiefe von circa zwei Metern unterhalb der heutigen Oberfläche. Sechs weitere schachtartige Befunde wurden zuvor ohne für den Ausgräber nachvollziehbaren Anlass beendet. Weitere mögliche Schächte konnten in dem vereinbarten Zeitraum nicht geschnitten werden. An der Grenze zu der unter der Grundmoräne liegenden Sandschicht wurden die Schächte zumindest einseitig, in der Regel aber kavernenartig in alle Richtungen bis zu einem Durchmesser von über zwei Meter ausgeweitet und so der untere Bereich der Moräne abgebaut.

An einigen Stellen zeugt direkt unterhalb der Schächte ein verfestigter dunkler Laufhorizont von diesen Aktivitäten (Abb. 4). Nach Aufgabe des Schachtes wurde dieser sorgfältig wieder verfüllt. Wo genau die Grenze zwischen Abbau und noch Anstehendem liegt, ist häufig nicht festzustellen, da gerade die Kuppeln und die Seitenbereiche optimal mit dem gleichen Sand aufgefüllt wurden, und die Grenze zwischen dem anstehenden und dem aufgefüllten Sand somit schwer zu ziehen ist. Die Sandauffüllung bewirkte unter anderem, dass an dieser Stelle kaum Hohlräume entstanden, sodass die Gefahr nachträglicher Einbrüche gesenkt wurde. Unterhalb des Einstiegschachtes erkennt man deutlich Schuttkegel, an denen man die abschließenden Einfüllvorgänge bei der Aufgabe des Schachtes mit unterschiedlichen Materialien erkennt. Man muss sich vorstellen, dass man auf der einen Seite zum Beispiel Sand ganz bewusst nutzte, um auch kleinere Räume auszufüllen, auf der anderen Seite nutzte man arbeitsschonend den umliegenden Abraum: Aushub aus diesem oder benachbarten Schächten, den Oberboden, Sand und Kies aus der Umgebung und ausgelesene Steine. Je nach Zusammensetzung der einzelnen Materialien ergeben sich so rötliche, gelbe, braune oder gefleckte festere oder lockere Auffüllschichten. In einigen Schächten wurde eine Lage mit großen, vermutlich aus der Grundmoräne ausgelesenen Steinen beobachtet. Hier könnte es sich um eine bewusste Zusetzung oder Kennzeichnung handeln. Auf alle Fälle scheint die Verfüllung bewusst und zielgerichtet erfolgt zu sein.

Derartige Befunde waren innerhalb einer Grundmoräne und in Mittel- und Ostdeutschland bislang noch nicht beobachtet worden. Angesichts der Härte des anstehenden Geschiebemergels stellte sich die Frage, wozu man einen derartigen Aufwand betrieben hat. Aufgrund der Befundsituation konnte es nur um Material aus der Grundmoräne oder der sich unmittelbar darunter anschließenden Schicht gehen. Letztere – eine Sandschicht – stand direkt nördlich der Grundmoräne unterhalb des rezenten Bodens, weswegen es unwahrscheinlich ist, dass dieser Aufwand für die Sandgewinnung betrieben wurde. Die Vermutung, dass die Suche Feuersteinknollen diente, stützen folgende Überlegungen:

In der Grundmoräne liegen in größerer Anzahl Feuersteinknollen nordischer oder baltischer Herkunft vor (Abb. 5). Dies belegen auch die parallel zur Grabung von Dr. Wansa durchgeführten Untersuchungen anhand von zwei Materialproben. Sie sind durch ihre Härte im Gegensatz zu den meisten anderen mitgeführten Steinen zur Geräteherstellung (noch) brauchbar.
Aus der Umgebung sind keinerlei Aufschlüsse mit Feuerstein bekannt, obwohl insbesondere aus dem gesamten Neolithikum eine Vielzahl an Feuersteingeräten aus Siedlungen und Gräbern vorliegen. Bislang blieben Überlegungen über die Herkunft ergebnislos oder bezogen sich auf weitreichende Handelsbeziehungen.
In den abschließenden Verfüllschichten lagen an einigen Stellen sowohl sehr grobe als auch feine Präparationsabschläge –  zum Teil in Klingentechnik  – und sehr wenige flache Halbfabrikate. Dies könnte als ein Hinweis auf eine Prüfung oder grobe Präparation der Feuersteine in unmittelbarer Nähe interpretiert werden. In etwas größerer Anzahl lagen feine, flache Abschläge in den anfangs erwähnten größeren Gruben nordöstlich des Abbaufeldes vor, so dass man sich vorstellen könnte, dass eine erste Prüfung auch dort geschah.

Hinweise für eine konkrete Datierung sind bislang kaum vorhanden. Insbesondere liegt für eine naturwissenschaftliche Datierung geeignetes organisches Material, wie Knochen oder Holzkohle, in den Verfüllschichten nicht vor. Die aus wenigen Grubenverfüllungen (nicht den Schächten) in geringer Anzahl geborgenen, kleinen Keramikscherben weisen vorsichtig in Richtung der mittelneolithischen Trichterbecherkulturen. Drei Mal konnte dokumentiert werden, dass Schächte  Gruben schnitten und folglich diese Schächte zeitlich jünger als die geschnittenen Gruben sind. Ob dies grundsätzlich so war, kann nur vermutet werden. Sowohl eine ältere, vorneolithische als auch eine jüngere Ausnutzung der Feuersteinressource kann derzeit nicht ausgeschlossen werden.
Direkte Vergleiche gibt es bisher nicht. Ähnliche Schächte können aus Abernsberg-Arnhofen genannt werden. Diese wurden durch die aufliegenden Schichten getrieben, um auf das abzubauende Hornsteinflöz zu gelangen (Roth 2008, Bd. 1, 39, Abb. 1,9.). Die Schächte zwischen Helfta und Erdeborn wurden weniger tief getrieben, weil die Schicht mit den Feuersteinknollen näher an der Oberfläche lag.

Warum die Schächte bis zum Grund der Moräne getrieben und der Abbau von dort aus erweitert wurde (Abb. 6), kann bislang nur vermutet werden. Möglicherweise waren die tiefer liegenden Feuersteinknollen weniger der Witterung ausgesetzt und von besserer Qualität, oder – vorausgesetzt der Abbau in obertägigen breiten Gruben wäre älter – das Risiko, ältere und bereits ausgebeutete Bereiche zu erfassen,  geringer. Auch ist bei der Erweiterung eines Abbaus in Richtung Firste, also nach oben, durch den Einsatz der Schwerkraft ein kräftesparendes Arbeiten möglich. Weniger zwingend erscheint dagegen die Überlegung, dass man einfach eine bekannte und erprobte Abbautechnik auf dieses Bergwerk übertrug.

Wie kamen die Menschen in den Schacht? Aufgrund der geringen Breite ist ein Einsatz von Leitern oder Steigbäumen zwar möglich, aber eher hinderlich. Eher ist an ein Herablassen und Sichern mit Seilen oder ein einfaches Klettern zu denken. Ein weiteres, an einem Schacht beobachtetes Detail könnte diese These unterstützen. Denn bei der Freilegung eines Schachtes konnte circa 60 Zentimeter unterhalb der Oberfläche eine Art Griffmulde von circa acht Zentimeter Breite und wenigen Zentimetern Höhe herauspräpariert werden, die an moderne Griffmulden beim Klettern erinnert (Abb. 7). Sie könnte als Greif- oder Steighilfe beim Ein- und Ausstieg in den Schacht gedient haben.

Was bleibt ist letztlich die Erkenntnis: Der urgeschichtliche Mensch hatte nicht nur in offenen Gruben nach Feuerstein gegraben, sondern den qualitativ besseren Feuerstein in tieferen Schichten sogar unter Tage abgebaut. Wenn die Schächte auch nicht tief und die kavernenartigen Abbaukammern nur von bescheidener Größe waren, so haben wir doch mit dem Helftaer Feuersteinabbau nicht nur den ältesten nachweisbaren Mansfelder, sondern auch den ältesten mitteldeutschen Untertagebergbau vor uns.


Text: Olaf Kürbis, Ines Vahlhaus
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

G. Roth, Geben und Nehmen, Eine wirtschaftshistorische Studie zum neolithischen Hornsteinbergbau von Abernsberg-Arnhofen (Kr. Kehlheim, Niederbayern) [in IV Bänden]. <http://kups.ub.uni-koeln.de/4176> (20.06.2014).

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