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Fund des Monats

April 2017: Amphorenwein aus Libehna. Eine Riesenamphore der mittelneolithischen Schiepziger Gruppe

Die Ausgrabungen an der B6n im Abschnitt zwischen Köthen und Bundesautobahn 9 erbrachten bei Libehna, Landkreis Anhalt-Bitterfeld, einen großen mehrperiodischen Fundplatz. Seit dem mittleren Neolithikum bis zur jüngeren vorrömischen Eisenzeit wurde mit Unterbrechungen hier gesiedelt, gelebt und gestorben. Dies belegen zahlreiche Siedlungsbefunde wie Gruben und Pfostengruben, aber auch Grabbefunde in Form von wenigen Körperbestattungen und vielen Urnengräbern. Die Fundstelle befindet sich am Rande der sogenannten Landgrabenniederung. Sie erstreckt sich in leichter Südhanglage etwa 300 Meter bis auf eine leichte Kuppe, welche die Niederung um etwa 3 Meter überragt (Abb. 1). An dieser Stelle befindet sich eine markante Straßenkreuzung, unter anderem verläuft hier der europäische Fernwanderweg Nummer 11 von Den Haag bis nach Masuren. Der Abschnitt Halle-Dessau führt über den asphaltierten Feldweg von Pfriemsdorf nach Zehmigkau und kreuzt in Libehna unsere Fundstelle.

Die Amphore

Mehrere Gruben in Libehna konnten aufgrund ihres Fundmaterials der mittleren Jungsteinzeit zugeordnet werden. Eine dieser mittelneolithischen Siedlungsgruben (Bef. 2030) enthielt über 1000 Keramikscherben. Neben anderen Gefäßen konnte daraus eine sehr große Amphore mit einer Höhe von 0,80 Metern und einer Bauchweite von 0,72 Metern nahezu vollständig rekonstruiert werden (Abb. 2; Hk-Nr. 9495:2030:30). Ihre maximale Bauchweite befindet sich in der unteren Gefäßhälfte, dadurch wirkt sie etwas gedrungen. Der Umbruch ist relativ gerundet, das Oberteil leicht gebläht, was ihr insgesamt eine weiche Form verleiht. Unter dem Rand verläuft eine durchgehende, glatte, wulstförmige Leiste (Abb. 3). Auf der maximalen Bauchweite sitzen in regelmäßigem Abstand fünf bandförmige Ösenhenkel mit einer lichten Weite von 1,5 Zentimetern. Zwei davon sind beschädigt, einem fehlt die obere Hälfte, beim rechts benachbarten ist die linke Seite ausgebrochen.

Die Amphore ist sorgfältig gearbeitet, die Wandstärke beträgt mit Ausnahme der unteren, dickeren Partie fast durchgehend 1,2 Zentimeter. Die Oberfläche ist außen besser geglättet als auf der Innenseite. Der Ton zeigt außen eine hell- bis rotbraune Färbung, die Innenseite ist dunkelgrau bis schwärzlich. Die Magerung besteht aus bis zu 2 Millimeter großem Gesteinsgrus. Die ursprünglich helle Färbung der Amphorenaußenseite wird jedoch abrupt von schwarz gefärbten, teilweise großflächigen Stellen unterbrochen. Dies bedeutet, dass einzelne Gefäßteile oder Scherben einem Feuer ausgesetzt waren bzw. zumindest Rauch abbekommen haben müssen, nachdem die Amphore bereits zerbrochen war. Im Gegensatz zu anderen aus derselben Grube geborgenen Gefäßen, weist sie keine weiteren sekundären Brandspuren auf – die wesentliche Ursache ihres guten Erhaltungszustands. Sie ist eines der größten fast komplett erhaltenen Keramikgefäße im mitteldeutschen Raum. Ihr Fassungsvermögen liegt bei fast 150 Litern.

Der Befund und die vergesellschafteten Funde

Die Amphore wurde aus einer runden Grube mit einem Durchmesser von 1,50 Metern und einer Tiefe von 1,05 Metern geborgen (Abb. 4). Das Profil zeigte eine stark ausgeprägte Kegelstumpfform mit tiefer Einschnürung in circa 0,50 Metern Tiefe. Drei Verfüllschichten waren erkennbar, die Funde lagen überwiegend in der unteren Schicht 3. Dabei fanden sich die Keramikscherben auf 1,00 Meter Länge dachziegelartig eng gelegt als dichte Scherbenpackung von etwa 20 Zentimetern Stärke im Zentrum der Grube und eher auf deren nördlicher Seite. Die Packung lag etwa 10 cm über der Grubensohle. Nach oben hin begrenzte wiederum eine etwa 20 Zentimeter starke Packung gelblicher gebrannter Lehm die Keramiklage.

Außer der großen Amphore stammen die Keramikscherben von mindestens sechzehn weiteren Gefäßen aus dieser Grube. Zwölf davon konnten weitgehend rekonstruiert werden (Abb. 5-7). Alle sind entweder deutlich sekundär gebrannt oder aber weisen Schmauchspuren auf: eine mittelgroße, schlanke Amphore mit vier Ösenhenkeln (Höhe: 54 Zentimeter), drei mittelgroße Amphoren mit je zwei Ösenhenkeln (Höhen: circa 50 Zentimeter, circa 40 Zentimeter, 32 Zentimeter), eine kleine Amphore mit zwei Ösenhenkeln, Höhe: 29 Zentimeter, drei Trichterrandschüsseln: davon eine mit umlaufender Reihe Fingernagelabdrücke, eine mit zwei gegenständigen Knubben und eine gut geglättete mit zwei-zeiligem doppeltem Band aus Einzeleinstichen, ebenso drei S-förmig profilierte Töpfe: davon einer mit vermutlich fünf Knubben, einer mit Arkadenrand und einer mit flauem Profil, weiterhin fünf Unterteile beziehungsweise Böden von fünf weiteren Gefäßen, dabei mindestens eine weitere mittelgroße Amphore sowie Randscherben einer Amphore/eines Topfes mit umgeschlagenem beziehungsweise verdicktem Rand.

Erstaunlich ist die mit sieben hohe Anzahl an Amphorenfunden aus dieser Grube. Vier sind von mittlerer Größe mit Höhen über 30 bis über 50 Zentimetern, eine ist mit 29 Zentimeter kleiner. Ihre Formen sind unterschiedlich: neben etwas gedrungenen weichen Formen mit leicht geblähtem Oberteil fanden sich auch schlanke Formen mit leicht geblähtem oder etwas konkavem Oberteil. Die meisten Amphoren weisen zwei bandförmige Ösenhenkel auf ihrer maximalen Bauchweite auf.

Ausnahmen sind die große Amphore mit fünf sowie die mittelgroße, schlanke Amphore mit vier Henkeln.
Der aus dem Befund geborgene gebrannte Lehm wiegt knapp 1,7 Kilogramm. Dies erscheint wenig angesichts der im Profil dokumentierten Lehmpackung. Mehrere Stücke zeigen Abdrücke von Ästen oder Zweigen oder die Abdrücke glatter Flächen, auf denen sie ehemals befestigt waren. Aus der unteren Schicht 3 wurde außerdem ein Bruchstück einer Schleifplatte für Beilschliff geborgen. Ein weiteres Gesteinsbruchstück stammt wohl von einer Reibeplatte (Getreide). An Silexartefakten fanden sich ein Klingenschaber, drei Klingen, neun Klingenfragmente, ein Querschneider und drei Abschläge (Abb. 8). Mehrere Stücke sind sekundär gebrannt. Zudem waren Tierknochen (unter anderem vom Rind) enthalten. Zum Teil weisen sie Brandspuren in Form von Schwarz- oder Weißfärbung auf. Ein Knochenstück zeigt eventuell Schnittspuren.

 

Schiepziger Gruppe

Amphoren, Trichterrandschüsseln und S-förmig profilierte Töpfe aus der Grube Befund 2030 sind der mittelneolithischen Schiepziger Gruppe zuzurechnen. Diese kulturelle Gruppe wurde erst im Zusammenhang mit der Auswertung des Fundmaterials der großflächigen Ausgrabungen am Erdwerk von Salzmünde, Saalekreis, neu definiert (Schunke/Viol 2014). Alle dort vorgestellten keramischen Leittypen sind in Libehna vertreten, auch die kleinen sogenannten Schlauchkrüge, die allerdings nicht im Inventar des vorgestellten Befundes vorkamen.
In Salzmünde-Schiepzig waren die mittelneolithischen Gruben häufig in kleinen Gruppen zusammengefasst. Sie wurden dort zwar als kegelstumpfförmige Vorratsgruben verwendet, in vielen Fällen dienten sie in sekundärer Funktion jedoch als Grabstellen (Damrau u.a. 2014, 122-132; 152). Die Gruben lagen sowohl innerhalb wie außerhalb des jüngeren mittelneolithischen Erdwerks von Salzmünde. Behausungen konnten den Trägern der Schiepziger Gruppe nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden (Moser 2014).
In Libehna enthielten etwas über dreißig Gruben Fundmaterial der mittelneolithischen Schiepziger Gruppe. Alle diese Gruben befanden sich auf der erwähnten leichten Kuppe, einem Areal von 170 bis 180 Meter Größe (1,95 Hektar). Dieses Areal wurde durch drei parallel verlaufende Gräben umschlossen. Von oben betrachtet ergibt sich eine quadratisch-runde Form dieses Erdwerks, auf der Südwestseite befand sich ein Eingang. Alle Gruben mit Schiepziger Fundmaterial lagen innerhalb des Erdwerks teilweise in kleinen Gruppen in relativer Nähe zum inneren Graben (Abb. 9).

 

Sie alle waren von runder oder rundovaler Form, die kleinste mit einem Durchmesser von circa 0,80 Metern, die größte von etwa 1,90 Metern. Die Gruben zeigten im Profil überwiegend kegelstumpfförmige, nur wenige kasten- bzw. sanduhrförmige Gestalt. Die Tiefen lagen zwischen circa 0,40 Metern und 1,40 Metern. Am imposantesten war aufgrund ihrer Form und ihrer beeindruckenden Verfüllung unsere kegelstumpfförmige Grube Befund 2030. Alle Gruben waren mehrschichtig verfüllt, in mehreren fiel je eine schwarzbraune, schwarzgraue oder pechschwarze, stark holzkohlehaltige Schicht auf, die jeweils sehr viele Silexartefakte enthielt. Manche Gruben enthielten sehr viel Keramik, sehr viel gebrannten Lehm, sehr viele Silexartefakte oder vergleichsweise viele Tierknochen bzw. -zähne. Menschliche Knochen wurden jedoch – im Gegensatz zu Salzmünde-Schiepzig – in keiner der Gruben nachgewiesen.
In drei Gruben, einschließlich Grube Befund 2030, erschien das Fundmaterial im Befund wie «verbacken», so als ob es heiß in den Befund eingefüllt worden ist. Auffallend ist, dass die meisten Keramikscherben sekundär gebrannt sind. Außerdem gelangte kaum ein Stück komplett in die jeweilige Grube. Auffällig ist außerdem – zum derzeitigen Stand der Aufarbeitung – das häufige Vorkommen einer Gefäßart: Amphoren. Mindestens drei bis maximal sieben Amphoren sind bislang in den stark keramikhaltigen Gruben zu verzeichnen. Es handelt sich um mittelgroße bis kleine Amphoren der oben beschriebenen Formen, einmal tritt zudem eine Amphore mit kugeligem Bauch hinzu.
Hausgrundrisse der Schiepziger Gruppe sind in Libehna bislang nicht belegt. Ein Zusammenhang mit dem neolithischen Erdwerk wird angenommen.

 

Absolute Datierung

Aus fünf Gruben mit Fundmaterial der Schiepziger Gruppe in Libehna wurden Tierknochen oder Holzkohlereste für eine Radiokarbon-Analyse verwendet. Für zwei Befunde konnten übereinstimmende Daten erzielt werden: Aus Grube 986 lieferte ein Tierknochen ein kalibriertes Datum im Sigma2-Bereich (95,4 Prozent Wahrscheinlichkeit) von 4043 bis 3958 vor Christus (5186 ± 31; MAMS 27770). Ein zweites Datum – 4224 bis 3972 vor Christus (Sigma2, 5238 ± 26; MAMS 27771) –wurde aus Holzkohle aus Grube 1031 gewonnen. Die Zahlen überstreichen einen Zeitraum zwischen 4224 bis 3958 vor Christus, das sind in etwa 250 Jahre. Sie fallen damit in den in Salzmünde-Schiepzig für die Schiepziger Gruppe gewonnenen Zeitraum zwischen 4200 bis 3800 vor Christus (Schunke/Viol 2014, 121) beziehungsweise beginnen etwas eher und enden eher.

 

Zur Funktion der großen Amphore

Laut Definition ist eine Amphore ein «bauchiges enghalsiges Gefäß mit zwei Henkeln aus Ton ... Durch zwei Henkel sollte ursprünglich das Tragen erleichtert werden. In der Antike wurden Amphoren als Vorrats- und Transportgefäße für Öl, Oliven und Wein sowie für Honig, Milch, Getreide, … Südfrüchte wie Datteln und anderes benutzt. Sie wurden in jenen Regionen hergestellt, in denen die Transportgüter erzeugt wurden, also etwa dort, wo Wein- oder Olivenanbau stattfand. Je nach Inhalt ist das Volumen unterschiedlich, Fassungsvermögen betragen zwischen 5 und 50 Liter. Häufig wurden sie als Einwegbehälter nach dem Transport weggeworfen …» (Wikipedia: Amphore).
Unsere Amphore ist mit einem Fassungsvermögen von fast 150 Litern deutlich größer als Transportamphoren. Sie hat außerdem fünf Henkelösen, mit denen sie kaum über längere Strecken transportiert werden konnte, da ihr Gewicht in gefülltem Zustand die Tragkraft der Henkelösen bei weitem überschreiten würde. Die Ösenhenkel dienten demnach nicht zum Tragen. Auch dienten sie nicht dazu, eine Abdeckung über dem Amphorenrand in Form von Leder oder ähnlichem zu befestigen, denn dazu wurde die Halsleiste benutzt. Anzunehmen ist, dass die Amphore – auch aufgrund ihrer Gesamtform mit schmalem Boden und großer Bauchweite – in den Boden eingegraben war (Abb. 10). Dazu musste sie abgelassen werden, und genau dazu dienten die Ösenhenkel, durch die ein Band bzw. eine Schnur geführt wurde, das/die von oben festgehalten und gesteuert werden konnte. Der abgebrochene obere Teil von einem der Henkel (Abb. 3b) deutet ebenfalls auf diese Verwendung hin.

Ihre besondere Größe, die sorgfältige Bearbeitung und die tiefe «Verlochung» im Boden machen jedoch eine Nutzung der Amphore als schlichtes Vorratsbehältnis unwahrscheinlich. Vermutlich – und dafür spricht auch die Südhanglage in Libehna  (Abb. 11) – fand sie Verwendung in der Weinproduktion, denn die weltweit älteste Form ist die Herstellung von Wein in Amphoren: dem Amphorenwein. «Das überlieferte Ausbauverfahren, das seit der Antike […] angewandt wird, besteht darin, Amphoren mit Trauben oder Traubensaft verschlossen im Boden zu vergraben, wo das Produkt monatelang unter konstanten Temperaturen und weitgehendem Sauerstoffabschluss vergärt […]. Das Vergraben in der Erde ist eine einfache Methode, um den Wein unter annähernd konstanten Temperaturen zu vergären. […] Die Lage und die Tiefe […] beeinflussen sowohl die Gärtemperatur, als auch die Reifung des Weines. […] Durch die Poren der Amphore [dringt] kaum Sauerstoff in den Wein ein, es findet lediglich eine Mikrooxidation statt, die für die Reifung des Weines positiv ist. Die Amphoren werden traditionell aus Ton gefertigt und anschließend innen mit Bienenwachs imprägniert»

Dieses alte Verfahren, Wein in Amphoren zu produzieren, wird heute in den mitteleuropäischen Weinanbaugebieten (Süddeutschland, Österreich, Schweiz, Italien) wieder angewendet . Während die Funktion der großen Amphore demnach in der Herstellung von Amphorenwein zu sehen ist, dienten die mittelgroßen und kleinen Amphoren dem Weingenuss im Hausgebrauch (Lagerung und Tischamphoren). Und mit Schlauchkrügen wurde angestoßen. Na dann Prost!


Text: Andrea Moser
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

C. Damrau/ A. Egold/ P. Viol, Bestattungen der Schiepziger Gruppe. In: Harald Meller, Susanne Friederich (Hrsg.), Salzmünde-Schiepzig – ein Ort, zwei Kulturen. Ausgrabungen an der Westumfahrung Halle (A 143). Teil I. Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 21/I (Halle [Saale] 2014) 122-162.

A. Moser, Pfostengruben – Hausgrundrisse: Rössener oder Schiepziger Häuser? In: Harald Meller, Susanne Friederich (Hrsg.), Salzmünde-Schiepzig – ein Ort, zwei Kulturen. Ausgrabungen an der Westumfahrung Halle (A 143). Teil I. Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 21/I (Halle [Saale] 2014) 175-181.

T. Schunke/ P. Viol, Die »Schiepziger Gruppe« - eine Fundlücke wird gefüllt. In: Harald Meller, Susanne Friederich (Hrsg.), Salzmünde-Schiepzig – ein Ort, zwei Kulturen. Ausgrabungen an der Westumfahrung Halle (A 143). Teil I. Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 21/I (Halle [Saale] 2014) 113-121.

 

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