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Fund des Monats

Dezember 2017: Figürliche Kunst der Linienbandkeramik aus Günthersdorf

In den Jahren 2015 und 2016 wurde im Bereich der Süderweiterung des Einkaufszentrums bei Günthersdorf (Ortsteil der Stadt Leuna im Saalekreis) eine insgesamt 16 Hektar große Fläche durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt untersucht. Das Areal wurde nachweislich vom Frühneolithikum bis zur Zeit der Slawen immer wieder intensiv besiedelt. Mehr als 4.500 Befunde zeugen vom Leben der Menschen über mehrere Jahrtausende hinweg.
Die früheste Besiedlung datiert in die Zeit der Linienbandkeramik (5.500 bis 4.900 vor Christus). Hierbei handelte es sich um eine mindestens zwei Hektar große Siedlung mit wenigstens elf Hausstandorten und einem die Siedlung umfassenden Graben (Abb. 1). Dieser Graben wies an mehreren Stellen Zugangsbereiche auf, konnte jedoch, wie auch die Siedlung an sich, nicht vollständig erfasst werden. Westliche und südliche Ausläufer des besiedelten Areals liegen noch heute unberührt im Boden.
Die Fundstelle Günthersdorf liegt geografisch mitten im ursprünglichen linienbandkeramischen Verbreitungsgebiet. Die Lössböden Mitteldeutschlands waren für diese ersten Siedler, die vor circa 7.500 Jahren in hiesigen Breiten ankamen, ein bevorzugtes Gebiet, da sowohl für Ackerbau als auch für Viehzucht sehr gute Bedingungen gegeben waren. Das Fundmaterial der Siedlung Günthersdorf – und hier vor allem die Keramik, die hauptsächlich aus den Abfallgruben der damaligen Zeit geborgen wurde – macht deutlich, dass die Linienbandkeramiker mindestens 300 Jahre vor Ort ansässig gewesen sein müssen. Zwei dieser aussagekräftigen Gruben erbrachten neben dem gängigen Siedlungsabfall auch Objekte, denen hier besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll.

Aus einer hausbegleitenden Längsgrube (Abb. 2) wurden neben einer größeren Menge an keramischen Funden und Felsgesteingeräten (Abb. 3) auch Bruchstücke eines aus feinem Ton geformten Objektes geborgen. Nachdem die Fragmente sich wieder zusammenfügen ließen, war zu erkennen, dass es sich um eine zoomorphe Plastik (Abb. 3.2) handelt. In einer deutlich kleineren Siedlungsgrube (Abb. 4) wurden ebenfalls mehrere Fragmente einer wohl anthropomorphen Figurine vorgefunden. Die besondere Bedeutung der zunächst unscheinbaren Tonobjekte ergibt sich, wenn man sie mit bestimmten Bereichen bereits bekannter Figurinen vergleicht (Abb. 5). Vor allem die Verzierungen, die auf beiden Fragmenten von Günthersdorf vorhanden sind, sprechen für eine Interpretation als anthropomorphe Figur. Das Spektrum der linienbandkeramischen Gefäße enthält keine derartigen Formen, wodurch es sich nicht um Gefäßfragmente handeln kann. Gleiches gilt für die zoomorphe Plastik aus einem weiteren Befund. Hier zeigen erst die Vergleiche mit ähnlichen Fundstücken (Abb. 6), dass tatsächlich ein Tier dargestellt ist. Die zoomorphe Plastik von Günthersdorf kann als annähernd vollständig erhalten angesehen werden und war vermutlich nicht als Gefäßapplikation vorgesehen.

Am ehesten ist die Darstellung des Kopf- und Halsbereiches eines Schweins zu vermuten, wobei hier noch Raum für Interpretationen gelassen werden kann. Dass dem Schwein innerhalb der Linienbandkeramikkultur eine besondere Rolle zugesprochen werden kann, belegen nicht nur diverse keramische Plastiken sondern beispielsweise auch Nachweise von Ferkeln als Bauopfer für Brunnenanlagen, wie dies nur wenige Kilometer nordöstlichen von Günthersdorf in Brodau, Kreis Delitzsch (Sachsen), gelungen war (Stäuble/Fröhlich 2006).

Dies stellt insofern eine Besonderheit dar, als in keinem der weiteren linienbandkeramischen Befunde von Günthersdorf eine solche Kombination auftritt. Verbunden mit dem Vorhandensein figürlicher Kunst, stellt dies einen interessanten Aspekt für Interpretationsansätze dar. Da keines der mit den Günthersdorfer Funden vergleichbaren und bekannten Objekte – gleich ob zoomorph oder anthropomorph – vollständig erhalten ist und somit von einer absichtlichen Zerstörung der Figuren ausgegangen werden kann, sind Steinbeile oder Dechsel möglicherweise zum Zerschlagen genutzt worden. Die Mahlsteine dienten eventuell als Auflagemöglichkeit für die Objekte, bevor sie rituell zerstört wurden. Eventuell sind sogar die Gefäße aus den jeweiligen Befunden in die Handlung mit einbezogen worden und nach dem Ende des Rituals wurden alle Objekte zusammen in den Gruben zurückgelassen. Der Vorgang an sich ist natürlich schwer im Fundgut nachweisbar. Die Überprüfung von Befunden mit derartigen Objekten im Inventar ergibt möglicherweise ein ähnliches Bild und würde die eben geäußerte Vermutung in den Bereich des Wahrscheinlichen rücken.

Das Fundmaterial aus einem weiteren Befund setzt sich aus einem Steinbeil, einem Mahlstein und wiederum Resten von Keramikgefäßen (Abb. 7) zusammen. Der Vergleich der Inventare beider Befunde zeigt bereits, dass hier eine Besonderheit vorliegt. Abgesehen von der unterschiedlichen Anzahl der jeweiligen Objekte, sind in beiden Befunden die Fundgattungen Keramik, Felsgesteingerät und Mahlstein vorhanden.

Die Verbreitung zoomorpher wie auch anthropomorpher Objekte im Gebiet der Linienbandkeramik (Abb. 8) zeigt regional wie überregional keine erkennbaren Schwerpunkte. Für Günthersdorf zeigt die Kartierung eine zentrale Lage des Fundortes innerhalb des linienbandkeramischen Siedlungsgebietes zwischen Saale und Mulde. Hier stellt er einen von elf Siedlungsplätzen dar, bei denen figürliche Kunst zur Zeit der Linienbandkeramik nachgewiesen werden konnte. Die Anzahl der Siedlungsplätze ohne einen solchen Nachweis ist deutlich höher.


Text:
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

V. Becker, Rinder, Schweine, Mischwesen: Zoomorphe Funde der westlichen Linearbandkeramik. Zwischen Mosel und Morava - Neue Grabungen und Forschungen zur Vor- und Frühgeschichte Mitteleuropas. (Bonn 2007) 9-95.

V. Becker, Leben, Tod und Gemeinschaft. Figürliche Funde der Bandkeramik aus den Gebieten links des Rheins. In: M. Koch / J. Bonifas / J. Wiethold (Hrsg.), Archäologie in der Großregion: Beiträge des Internationalen Symposiums zur Archäologie in der Großregion in der Europäischen Akademie Otzenhausen vom  14. - 17. April 2016. (Nonnweiler 2017) 123 - 138.

H. Stäuble / M. Fröhlich, Zwei Ferkel im bandkeramischen Brunnen von Brodau. Archaeo 3, 2006, 16–21.

D. Kaufmann, Einige Bemerkungen zu linienbandkeramischen Tierdarstellungen. In: E. Cziesla / Th. Kerstin / St. Pratsch (Hrsg.), Den Bogen spannen... Festschrift für Bernhard Gramsch zum 65. Geburtstag. Teil 2 (Weißbach 1999) 333-345.

L. D. Nebelsick / J. Schulze-Forster / H. Stäuble, Adonis von Zschernitz. Die Kunst der ersten Bauern. Archaeonaut 4 (Dresden 2004).

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