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Fund des Monats

April 2020: Wo sind die Paläste? Erste Hinweise auf ein herrschaftliches Anwesen der frühen Aunjetizer Kultur

Immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass sich in der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur ein streng hierarchisches, dynastisches Herrschaftssystem mit einer starken Differenzierung herausbildete. Dies äußert sich nicht nur in den überdimensionierten Grabhügeln, sogenannten Fürstengräbern, deren größter, der heute abgetragene Hügel Bornhöck ist. Möglicherweise ist er dem Herrscher der Himmelsscheibe zuzuordnen. Mit einem Durchmesser von 65 Metern und einer Höhe von vermutlich 15 Metern war er einer der größten bronzezeitlichen Grabhügel Mitteleuropas. Aber auch die Zusammensetzung von Hortfunden, beispielsweise denen von Dieskau, sollen diese Hierarchien widerspiegeln, so jedenfalls  lautet die verbreitete Forschungsmeinung. Derartige Waffenhorte sollen hierarchisch stratifizierte Armeen darstellen: Das Fußvolk werde durch einfache Beile abgebildet, während beispielsweise den Heerführern Stabdolche zugeordnet werden.
Setzt man Fürstenhierarchien mit einer stark stratifizierten Gesellschaft voraus, so ist man verwundert, dass sich dies nicht in den spärlichen Befunden zur Architektur niederschlägt. Von frühbronzezeitliche Hausstellen kennt man jedoch nur die üblichen Pfostenstellungen, die insgesamt wenig Spektakuläres vermuten lassen. Wo aber sind die gewaltigen Palastanlagen? Wo regierte der Herr der Himmelsscheibe, der Fürst von Dieskau? Und wie war sein Palast beschaffen? Oder regierte er gar als Reisekanzler nach dem Modell Wanderzirkus?
Eine jüngste Entdeckung an einem Stabdolch aus dem Hortfund Dieskau III könnte helfen, diese Wissenslücke zu schließen.

Gefunden wurde er bereits 1937 und besteht aus 293 Beile, zwei ganzen und einer halbe Doppelaxt, vier Ringen, einer Stabdolchklinge, sechs Armspiralen und weiteren Bronzefragmente. Insgesamt besteht er aus etwa 45 kg Bronze und zählt damit zu den umfangreichsten Metallhorten Mitteldeutschlands der Frühbronzezeit. Seit 2010 ist der Hortfund neben seinem Schwesterfund, dem Hortfund Dieskau II,  zentraler Bestandteil der Dauerausstellung im Landesmuseum, Abschnitt frühe Bronzezeit. Seine Bestandteile sind hier wie ein Tryptichon arrangiert, und bereiten den ehrfürchtigen Besucher stimmungsmäßig auf den darauf folgenden Raum mit der Himmelsscheibe vor.
Ein kleiner Unfall im Februar 2020 führte dazu, dass sämtliche Funde des Hortfundes mit moderner Technik neu untersucht werden mussten: Während einer museumspädagogischen Veranstaltung, bei der Kinder an  frühbronzezeitliche Kampftechniken in Rollenspielen herangeführt werden sollten, waren einige der Kampfhähne derart aneinander geraten, dass die Vitrine in Folge eines unsanften Stoßes erschüttert wurde, und sämtliche Exponate aus der Aufhängung sprangen und zu Boden stürzten. Glücklicherweise schienen die Stücke, die nun in einem ungeordneten Haufen am Boden der Vitrine lagen, äußerlich unbeschädigt (Abb. 1).
Zur Kontrolle wurden sie jedoch in die Werkstatt des Museums verbracht, um sie einer genaueren Prüfung unterziehen zu können. Dazu gehörte auch der Einsatz eines modernen Photonenabtasters. Dabei werden mittels eines Teilchengenerators Photonen erzeugt, die anschließend auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden und auf das zu untersuchende Objekt geschleudert werden. Viele dieser Elementarteilchen bleiben im Objekt, einige aber prallen ab und können von einem Detektor registriert werden. Aus der Flugrichtung und Geschwindigkeit der vom Objekt zurück geworfenen Teilchen kann im Rechner ein zweidimensionales Bild der Objektoberfläche erhalten werden.

Bei der Untersuchung der Funde stellte sich glücklicherweise heraus, dass bei dem Unfall keine gravierenden Schäden entstanden waren. Dafür wurden aber auf der Klinge eines der Stabdolche Strukturen sichtbar, die vorherigen Wissenschaftlergenerationen bislang entgangen waren. Sie bestehen aus Netzwerken vorwiegend rechtwinklig zueinander verlaufender, teils unterbrochener Linien (Abb. 2).
Die untersuchenden Fachleute erinnerten diese Muster spontan an Stadtpläne, und sie sollten wahrscheinlich Recht behalten. Und es wären keine studierten Prähistoriker, sollten ihnen nicht dabei gleich die bekannten Strukturen minoischer Paläste auf Kreta einfallen (Abb. 3). In der Tat: eingehende Studien der entsprechenden kretischen, angefangen von Knossos bis Zakros unterlegen, dass der Vergleich keinesfalls abwegig ist, im Gegenteil. Vermutlich hatte ein geschickter Graveur oder Ziseleur auf den fürstlichen Dolch die Grundrissstruktur des Herrscherpalastes eingezeichnet: möglicherweise deshalb, weil er den Kammerdiener des Himmelsscheibenfürsten als Insignie legitimieren sollte. Vielleicht diente der Plan dem Würdenträger auch einfach als Orientierungshilfe im Labyrinth von Dieskau (Abb. 4).
 

Interessante geographische Bezugslinien

Dabei scheint die Palastsiedlung eine überregionale, geographische Ausrichtung zu erfahren. So konnte jüngst festgestellt werden, dass die Straße, die diagonal auf die Halle des Scheibenherrschers zuführt, geographisch exakt auf die frühbronzezeitliche Siedlung mit ihren sensationellen Gold-und Bernsteinfunden ausgerichtet ist.
Aber auch in den Strukturen der Palastanlagen von Knossos verbergen sich noch geheime Informationen. Diese lassen sich in der oben gezeigten Abbildung sogar schon mit einem handelsüblichen Smartphone ergründen.


Text: Iannis Psevtaras
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

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