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Fund des Monats

Februar 2011: Abgefischt

Prähistorische Fischfangeinrichtungen im Arendsee

Der im Norden Sachsen-Anhalts liegende Arendsee entstand seit dem Ende der Eiszeit durch Einbrüche und Senkungen über einem Salzstock und bildet heutzutage ein Gewässer von mehr als 5,5 Quadratkilometer Größe und 50,5 Meter maximaler Wassertiefe. In Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern des Tauchclub Arendsee e.V. konnten in den vergangenen Jahren mehrere bedeutende Bodendenkmale im See entdeckt werden.
Dazu gehören auch Teile eines Flechtwerks, welche die Arendseer Sporttaucher im Oktober 2003 im Nordosten des Sees beobachteten. Sie befinden sich in etwa 400 Meter Entfernung vom heutigen Ufer in neun bis elf Meter Wassertiefe und sind annähernd horizontal in die Seekreide eingebettet. Eine Überprüfung des Fundes durch Unterwasserarchäologen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege, Schwerin (LaKD), im Frühjahr 2005 ergab, dass es sich dabei offenbar um eine Fischfangeinrichtung zur Passivfischerei gehandelt hat, die aus einer Art Flechtzaun bestand (Abb. 1). Eine erste Radiocarbon-Datierung der dabei entnommenen Holzproben ergab eine Datierung in das Spätneolithikum zwischen 2700 und 2600 vor Christus.

Die Unterwasseruntersuchungen

In Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Schwerin und der auf Wasserortung und –bergung spezialisierten Ortsgruppe des THW Salzwedel unternahm das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt im Winter 2005/2006 eine zweimonatige Prospektion und Teilbergung des außergewöhnlich bedeutenden Befundes. Dadurch sollten detailliertere Hinweise zur Konstruktion des Fischzauns gewonnen werden (Abb. 2). In einer acht Quadratmeter großen Fläche wurden Teile des Fischzauns frei gespült und fotografisch dokumentiert. Es zeigte sich, dass der Fischzaun offenbar aus einzelnen Matten bestand, die aus Haselruten geflochten waren. Diese Matten waren in insgesamt drei Lagen übereinander in der Seekreide eingebettet (Abb. 3).
Anschließend wurden sechs Segmente im Block geborgen und der Konservierungswerkstatt des Archäologischen Landesmuseums Schleswig übergeben (Abb. 4).

Im weiteren Verlauf des Jahres 2006 erfolgten im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt durch Herrn K. Storch, Jena (Soso Jena) Sedimentsonaruntersuchungen mit einem ferngesteuerten, mit Sonar und GPS ausgestatteten Vermessungsboot. Dabei wurde der Seeboden im Bereich des Fischzauns und des heutigen Nordufers des Sees erkundet, um genauere Hinweise zur Stratigraphie der dortigen Flachwasserzone und zu möglichen Siedlungsspuren der neolithischen Fischer zu erhalten.

Auf diesen Untersuchungen aufbauend sollte eine erneute Unterwassergrabung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Kooperation mit dem LaKD und der Römisch-Germanischen-Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Frankfurt/Main im März 2007 dann klären, ob unter den Sedimenten zwischen dem nordöstlichen Fischzaun und dem heutigen Nordufer der ehemalige Uferbereich und Spuren prähistorischer Siedlungsaktivitäten aus der Zeit vor den urgeschichtlichen Seesenkungen erhalten sind. Dazu wurden entlang einer Nord-Süd-ausgerichteten Vermessungsachse sechs Schnitte angelegt und zusätzliche Bohrsondagen eingebracht (Abb. 5).

Zur Oberflächenform und Entstehungsgeschichte des Nordufers

Diese Untersuchungen im Flachwasserbereich zeigten, dass in diesem Bereich unter bis zu zehn Zentimeter mächtigen Decksandschichten keine Seekreide mehr vorhanden ist, sondern unmittelbar eine mit Feinwurzelwerk durchsetzte Feinsandschicht folgt. Ob diese eine Fortsetzung des am heutigen Nordostufer vorhandenen Dünenfeldes ist, kann nur durch weitere bodenkundliche Untersuchungen geklärt werden.

In den Schnitten im uferfernen Bereich von mehr als sechs Meter Wassertiefe wurde die Basis der Seekreidebank hingegen nicht erreicht, weil diese hier bereits eine Mächtigkeit von mehr als vier Meter aufweist. In den Profilen war eine deutliche Gliederung der Seekreide durch Schichtenfolgen zu erkennen, die infolge ihres wechselnden Humusanteils unterschiedlich gefärbt waren. Nur die im mittleren Bereich zwischen drei und sechs Meter Wassertiefe eingebrachten Schnitte erreichten den mineralischen Untergrund mit Resten eines terrestrischen Paläo-Oberbodens aus der Zeit, bevor sich der See bis in diesen Bereich ausdehnte.
Für die Datierung dieser Erweiterung des Seebeckens ist ein bearbeiteter Kiefernholzspan von besonderer Bedeutung, der knapp oberhalb des anstehenden Paläobodens in einer unteren Lage der Seekreide geborgen wurde, da dieser mit seiner Datierung in die Zeit von circa 8200 bis 8000 vor Christus ein deutlich höheres Alter als der Fischzaun hat (Abb. 6).

Diese Datierung wird durch die pollenanalytischen Untersuchungsergebnisse der limnischen Seesedimente gestützt. Deren Ablagerung setzte ebenfalls bereits vor circa 10.000 Jahren ein, sodass auch hier im Nordostbereich des heutigen Arendsees bereits sehr früh während unserer heutigen Warmzeit ein See existiert haben muss. Der in der Grabung nachgewiesene ursprüngliche terrestrische Boden ist also deutlich älter als der spätneolithische Fischzaun und muss vom Ende der letzten Eiszeit oder dem Beginn der jetzigen Warmzeit stammen. Neolithische Siedlungsspuren sind in diesem Areal somit nicht mehr zu erwarten.

 

Vegetation im Umfeld des Zaunes

Dennoch sind aber interessanterweise in den Pollenspektren des Arendsees deutliche Spuren menschlicher Siedlungstätigkeit nicht nur für das Spätneolithikum, sondern bereits für das vorangehende Mittelneolithikum erkennbar. Außerdem enthielten die Sedimente aus dem Bereich des Fischzauns eine Vielzahl von Pflanzenresten wie Fruchtklappen des Nixenkrautes (Najas), Reste vom Laichkraut (Potamogeton) sowie Hornkraut (Ceratophyllum). Auch gibt es Oogonien von Armleuchteralgen (Characeae). Aufgrund der botanischen Großrestanalysen ist somit erwiesen, dass sich der Fischzaun seinerzeit in Ufernähe befunden haben muss, auch wenn der Verlauf der damaligen Uferlinie bislang nicht geklärt ist.

Ausdehnung des Fischzauns

Die ersten, von den Sporttauchern des Tauch-Club Arendsee (TCA) entdeckten Reste des Fischzauns wurden in circa 400 Meter Entfernung vom heutigen Ufer lokalisiert. Diese konnten während der Grabungskampagne im Winter 2005/2006 auf einer Strecke von etwa 150 Meter Länge in nordöstlicher Richtung verfolgt und dokumentiert werden. Während sie im Südwesten zunächst an einer abfallenden Steilkante in 11 Meter Wassertiefe aus der Seekreidebank herausragten, befanden sie sich weiter nordöstlich oberhalb der Steilkante auf einem Plateau. Hier wird die Seekreidebank durch die im See vorhandene Strömung flächig erodiert, so dass der Zaun nur noch in kleinen, unter aufliegenden Steinen bewahrten Resten erhalten ist (Abb. 7).
Im Herbst 2006 entdeckten Sporttaucher des TCA weitere spätneolithische Fischzaunreste im Nordwesten des Sees. Diese Geflechtreste wurden aber nur in drei bis sieben Meter und damit in gestaffelter Wassertiefe angetroffen. Da auch diese ursprünglich im Flachwasser errichtet worden sein müssen, belegen sie selbst auf diesem engen Raum  unterschiedlich starke Seebodenabsenkungen über eine längere Zeitspanne.
Im vergangenen Jahr fand ein Sporttaucher nun auch einen Zaunabschnitt im zwischen den beiden bisherigen Fundabschnitten gelegenen nördlichen Teil des Sees. Augenscheinlich wurde also im Spätneolithikum die gesamte nördliche Seite des heutigen Sees für das Abfischen in stationären Fangeinrichtungen genutzt.

Konstruktion des Fischzauns

Der Fischzaun wurde offenbar aus einzelnen, bis zu 1,60 Meter breiten Matten errichtet, die aus bis zu 1,80 Meter langen Haselruten geflochten waren. Im untersuchten Abschnitt lagen Matten mit geringem Abstand in drei Ebenen übereinander (Abb. 8).
Die Zaunsegmente bestehen aus ein- bis zweijährigen Ruten, deren ebenmäßiger Wuchs auf eine Art Schneitelwirtschaft hinweist, bei der die Ruten allerdings nicht – wie der Name eigentlich besagt – geschnitten, sondern am Stammansatz herausgerissen wurden (Abb. 9). Mehrere Reihen zweischäftigen Ahornbastes in Z-Drehung verbinden die Haselruten. Stangen aus acht bis 15jährigem Haselholz, vereinzelt auch aus Ahorn und Eiche, brachten zusätzliche Stabilität (Abb. 10). Mitunter wurden auf oder neben den Matten liegende, aus Resten der Bindung bestehende Knäule aufgefunden. Das lässt vermuten, dass beim Aufstellen des Fischzauns die einzelnen Matten vor Ort zusammengebunden wurden. Die »Strick-Enden« gingen dabei entweder verloren oder sie wurden als überflüssige Reste vor Ort weggeworfen (Abb. 11).

 

Alter des Fischzauns

Die bei der Sondage im Frühjahr 2005 zuerst entnommene Flechtwerkprobe  erbrachte mit einer  Radiocarbon-Datierung von 2671 ± 135 Jahren vor Christus ein zunächst unerwartet hohes Alter. Damit stammt der älteste Fischzaun eines deutschen Binnengewässers aus einer Vorgängerphase des heutigen Arendsees, errichtet von Fischern der spätneolithischen Einzelgrabkultur. Weitere Radiocarbon-Datierungen der freigelegten Befunde ergaben Daten bis 2266 ± 52 Jahre cal BC als jüngstes Datum. Das Alter der im Nordwesten des Arendsees entdeckten Fischzaunreste wurde auf circa 2400 bis 2300 cal BC bestimmt, während die Datierung des zuletzt geborgenen Abschnittes noch aussteht. Die Daten bestätigen eine Nutzung der spätneolithischen Fischfanganlage im Nordosten beziehungsweise -westen des Sees über einen Zeitraum von mindestens 400 Jahren.

Fischfang bei den Siedlern der Einzelgrabkultur

Wie oben beschrieben, besteht die Konstruktion aus vorgefertigten mattenartigen Zaunelementen, die im See, an dünnen Staken befestigt, offenbar zu einem Zaun verbunden wurden. Da auch in den nicht gegrabenen Bereichen in Abständen auf dem Seeboden wiederholt auf den Zaunteilen liegende, meist drei bis fünf aufeinander gepackte Feldsteine beobachtet wurden, ist anzunehmen, dass es sich bei den Matten um in fangfreier Zeit (Winter mit Eisgang) niedergelegte, das heißt vor Ort zwischengelagerte und beschwerte Zaunelemente handelt (Abb. 1), die nur während der Fangsaison aufgebaut und genutzt wurden. Das ursprünglich aufrecht stehende Geflecht sollte die Fische in ufernahe Fangeinrichtungen leiten, deren Position und Gestalt jedoch noch unbekannt sind. In der europäischen Volkskunde sind vor allem aus dem östlichen Mittel- und Osteuropa vergleichbare, aus Holzlatten oder –ruten hergestellte Zaunelemente bekannt, die als Latten- oder Rutenschirme bezeichnet werden.

Sie dienten der Errichtung von Schirmwehren unterschiedlicher Form und Konstruktion, die sowohl für den Frühjahrs-, den Sommer-  als auch den Herbstfischfang verwendet wurden. Längs des unter Wasser aufgestellten hölzernen Zaunes wurden die Fische in eine bestimmte Richtung gelenkt, um sie an den gewünschten Stellen abzufischen. (Abb. 12) Dabei kann es sich auch um eine aus den Zaunelementen errichtete Kammerfalle gehandelt haben, aus der die Fische nicht mehr herausfanden. Eine spätneolithische Reuse oder eine vergleichbare Fischfangeinrichtung wurde im Arendsee bisher zumindest noch nicht entdeckt.

Ob der Fischzaun am Arendsee, der am Ende des Neolithikums im Flachwasser – aufgrund der Höhe der Matten ist eine Wassertiefe von circa 1,5 Meter anzunehmen – von Fischern aufgestellt wurde, auch vor der damaligen Uferlinie errichtet wurde und somit zudem den einstigen Uferverlauf erahnen lässt oder nahe einer Untiefe stand, ist aufgrund der starken Veränderungen der Seeumgebung infolge von Senkungserscheinungen über die Jahrtausende derzeit nicht sicher zu beantworten. Bereits nach Aufgabe der Nutzung, also in vorhistorischer Zeit, begann das Einbetten des Zauns in die Seekreide und mit ihm auch all der Fischreste, Seilfragmente und sonstigen Dinge, die während der Ausgrabung wieder zutage gefördert wurden.
Eine zeitgleiche Uferzone oder gar ein neolithisches Siedlungsareal ist aufgrund der nun vorliegenden Untersuchungsergebnisse in diesem Bereich nicht mehr zu erwarten. Die in Zusammenhang mit der Errichtung und Nutzung des neolithischen Fischzauns sicher vollzogenen menschlichen Siedlungsaktivitäten müssen somit außerhalb des bisher untersuchten Gebietes am damaligen Seeufer stattgefunden haben.

Fischfangtradition bis in die Neuzeit

Parallel zu den Ausgrabungen wurde im Untersuchungsbereich auch mehrfach der heutige Seeboden auf weitere archäologische Hinterlassenschaften abgesucht. Dabei fand sich auf der Seekreide ein Fragment einer Fischreuse (Abb. 13). Ihre Datierung in das neunte Jahrhundert nach Christus ist ein weiterer Hinweis für die Seefischerei, diesmal aus karolingischer Zeit.

In circa sechs Meter Tiefe im Seesediment steckende, mit der Axt zugespitzte und oberhalb der Seekreide verrottete Kiefernpfähle sind neuzeitlich (15. bis 20. Jahrhundert). Sie bestätigen, dass die bis heute ausgeübte und auch auf alten Postkarten (Abb. 14) dargestellte Netzfischerei bereits seit Jahrhunderten in gleicher Weise vor Ort durchgeführt wurde.


Text: Rosemarie Leineweber, Harald Lübke
Online-Redaktion: Tomoko Emmerling, Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

M. Hellmund, Pollenanalysen an den Sedimenten des neolithischen Fischzauns vom Arendsee. NAU 15, 2009, 28–36.

R. Leineweber/H. Lübke, Unterwasserarchäologie in der Altmark. Archäologie in Sachsen-Anhalt NF 4/I, 2006 (2007) 127–139.

R. Leineweber/H. Lübke, Unterwasserarchäologie im Arendsee. NAU 15, 2009, 13–24.

Z. Ligers, Die Volkskultur der Letten. Ethnografische Forschungen I. (Riga 1942).

 

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