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Fund des Monats

September 2013: Laufen lernen in bunten Schuhen

Kleinkindstiefelchen mit Farbresten aus Magdeburg

Bei Grabungen in Magdeburg, Breiter Weg 23 bis 26 im Jahr 2005 wurden aus der Verfüllung eines Befundes in unmittelbarer Nähe des mittelalterlichen Straßenverlaufs neben Fragmenten von Haushaltsgeschirr, Trinkgläsern und zahlreichen Tierknochen auch mehr als 1300 Lederfragmente geborgen.
Die hervorragenden Erhaltungsbedingungen sind vor allem darauf zurückzuführen, dass der Befund in eine stark lehmig-tonige Schicht einschnitt, die für ein offenbar konstantes Feuchtmilieu sorgte und auf diese Weise den Inhalt konservierte.
Ein auf das Jahr 1226 dendrochronologisch datiertes Holz sowie die weiteren Funde erlauben es, den Niederlegungszeitpunkt verhältnismäßig genau in das 2. Quartal des 13. Jahrhunderts einzugrenzen.
Bei den Lederfunden handelt es sich in der Hauptsache um bearbeitete Fragmente mit Nähten, die oft sekundäre Schnittkanten aufweisen. Unter den Funden befinden sich auch sieben Schuhe, von denen zwei vollständig und die anderen teilweise erhalten sind.

Die Objekte wurden zunächst gewässert und anschließend in einer wässrigen PEG-Lösung getränkt. Diese setzte sich aus zwei Teilen Wasser und einem Teil PEG zusammen. PEG wurde in den Molekülgrößen 400 und 600 im Verhältnis eins zu eins verwendet.
PEG (Polyethylenglykol) ist ein wasserlöslicher Kunststoff und wird seit vielen Jahrzehnten bei der Stabilisierung von archäologischem Leder eingesetzt. Es gibt verschiedene PEG-Sorten, die sich lediglich in der Molekülgröße unterscheiden. PEG mit einer Molekülmasse von 400 ist bei Raumtemperatur eine nichtflüchtige Flüssigkeit. PEG 600 weist einen Schmelzbereich von 17 bis 22 Grad Celsius und somit eine pastenartige Konsistenz auf.

Die Lederteile wurden nach einem circa dreiwöchigen Tränkungsbad zwischen Fließpapier an der Luft getrocknet. Die durchschnittliche Schrumpfung der Objekte betrug circa zwei Prozent.
Das Oberleder eines Kleinkindstiefelchens mit der HK-Nummer 2007:45797 weist Bemalungsreste auf und wurde deswegen nach dem Wässern ohne PEG- Tränkung zwischen Fließpapier getrocknet (Abb. 1). Die durchschnittliche Schrumpfung dieses Objektes betrug circa sechs Prozent.
Bei dem Stiefelchen handelt es sich um einen rechten hohen Schuh mit Schnürverschluss um den Fuß. Der Schnürriemen wurde durch zwei kleine Schlitzpaare in Knöchelhöhe geführt und auf dem Rist verschlossen. Die Länge der Sohle beträgt circa 11,5 Zentimeter, was in etwa der Schuhgröße 16 bis 17 entspricht. Die Oberlederteile bestehen aus circa 1 Millimeter dickem Ziegenleder. Der mittlere Stichabstand der Sohlennaht beträgt circa 4,4 Millimeter. Die Schafthöhe beträgt circa 10 Zentimeter und der Schaftrand war nicht eingefasst. Auf dem Leder befinden sich Bemalungsreste in Form von Linien und Punktreihen bzw. über dem äußeren Knöchel quadratische Muster (Abb. 2).

Eine Elementenanalyse der Farbreste des Magdeburger Kinderstiefelchens ergab, dass das Pigment im Wesentlichen aus den Elementen Sauerstoff, Kohlenstoff und Blei besteht, was auch hier als Pigment Bleiweiß (2 PbCO3 · Pb(OH)2) vermuten lässt.
Die Mode, schwarze Schuhe mit weißem Strich- und Punktdekor zu versehen, ist auch aus historischen Buchmalereien belegt, wie zum Beispiel in der um 1200 entstanden Millstätter Handschrift (Abb. 4).

Neben den hohen Schuhen, die in Magdeburg ausschließlich als Kinderschuh auftreten, sind bei den sieben erhaltenen Schuhen auch alle anderen archäologisch belegten Schuhtypen des frühen 13. Jahrhunderts vertreten. Die Schuhe aus dem Magdeburger Befund spiegeln geradezu verblüffend das Bild wieder, das sich durch Vergleichsfunde anderer Grabungen ergeben hat (Abb. 5).


Text: Heiko Breuer
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

O. Goubitz/ C. van Driel-Murray/ W. Groenman-van Waateringe, Stepping through Time, Archaeological Footwear from Prehistoric Times until 1800 (Zwolle 2001).

F. Grew/ M. de Neergard, Shoes and Pattens. Medieval finds from excavations in London 2 (London 1988).

Ch. Schnack, Die mittelalterlichen Schuhe aus Schleswig, Ausgrabung Schild 1971-1975. Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien 10 (Neumünster 1992).

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