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Fund des Monats

April: Signale an die Götter: ein Hortfund mit Spiraldrähten und zweierlei Arten »Elektron«

Der Versuch einer Deutung

Bronzene und goldene Spiraldrahtröllchen gehören zu den Leitelementen frühbronzezeitlicher  Hortfunde. In jüngerer Zeit konnten, dank immer ausgefeilterer Bergungs- und Röntgenverfahren, mehr und mehr dieser Funde auch in ihrem zweidimensionalen Zusammenhang einer modernen wissenschaftlichen Dokumentation zugeführt werden.

Ein solches Beispiel ist der Befund A /9456-217, der bei einer Grabung im Vorfeld des Baus der Gleichstrom-Hochvolt-Trasse Wattenberga (Sachsen-Anhalt) - Amperlingen (Baden-Württemberg)  in der Gemarkung Schaltenburg zu Tage kam. Der Befund, der aufgrund seines Beigabenspektrums ziemlich eindeutig in die Aunjetitzer Kultur eingeordnet werden kann, enthält eine größere Zahl von bronzenen und goldenen Metallgegenständen, außerdem stark verwitterte Reste von Bernsteinperlen (Abb. 1). Um den hochkomplexen und ausgesprochen fragilen Befund sorgfältig untersuchen zu können, wurde er von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen vor Ort im Block geborgen und in das Restaurierungslabor des Landesmuseums überstellt.

Das Röntgenbild zeigt eine zunächst etwas »wirr« anmutende Sammlung von Drahtröllchen (Abb. 2) und Spulen, die teils aus silberhaltigem Naturgold (»A3-Gold«) und teils aus Bronze bestehen. Weiterhin enthält der Befund, der bislang (Stand März 2022) noch nicht vollständig frei präpariert ist,  eine goldene Nadel sowie mehrere flachrunde Bernsteinperlen, die sich auf dem Röntgenbild wegen des fehlenden Materialkontrasts jedoch kaum abzeichnen. Besonders merkwürdig erscheint die große Anzahl »gestielter Näpfchen«, die über den gesamten Befund verstreut im Röntgenbild ihren Schatten werfen.

Bernstein und Naturgold in der Aunjetitzer Daseins-Vorstellung: mythologisch aufgeladene, antagonistische Materialien

Zum Verständnis des Befundes erscheint es zunächst wichtig, sich mit dessen Materialität vertraut zu machen. Als Elektron (ήλεκτρον) wurden im antiken Griechenland zwei vollkommen unterschiedliche Materialien bezeichnet. Beide erscheinen in unserem Befund: zum einen das Naturgold, das mit einem Silbergehalt von etwa 20 Prozent auffallend hellgelb erscheint. Diese natürliche Edelmetalllegierung war in der Bronzezeit das Standard-Gold schlechthin. Erst ab dem 6. bis 5. Jahrhundert vor Christus gelang es, Gold zu reinigen, also vom Silber zu befreien. Dies wurde erst durch den sogenannten »Zementationsprozess« möglich. Zuvor, also auch im Aunjetitzer Reich, war alles Gold »Elektron«.

Doch ein weiteres Material trug in der Antike die Bezeichnung »Elektron«: und zwar ein solches, dessen Eigenschaften denen des Goldes grundverschieden sind: wir sprechen von dem leichten, zerbrechlichen und brennbaren Bernstein. Wie es zu diesem antiken »Teekesselchen« gekommen ist, wissen wir nicht. Altsprachler führen den Begriff »Elektron« auf eine indogermanische Urform zurück, die »hellgelb« oder »goldfarben«, »strahlend«, »glänzend«  bedeutete – also sowohl auf Gold wie auch Bernstein zutrifft (Abb. 3).
Wenn wir heute das Wort »Elektron« hören, dann denken wir an Physikunterricht, an das gleichnamige Elementarteilchen oder natürlich an Elektrizität und Elektronik: dass das so ist, ist kein Zufall.

Reibungselektrizität wurde nämlich bereits von dem griechischen Naturphilosophen Thales von Milet erstmals beschrieben (um 625 bis 546 vor Christus), und zwar am Beispiel des Bernstein. Er schilderte die elektrostatische Aufladung des fossilen Harzes, wenn man es an einem Katzenfell reibt.
Zur Zeit des Thales nutzen wohlhabende griechische Haushalte die Reibungselektrizität ganz praktisch: ein größeres Stück Bernstein diente als Kleiderbürste – durch das Gleiten am Stoff lud er sich elektrostatisch auf und zog Staubfusseln an (https://www.energiegeschichte.de/content/dam/revu-global/energiegeschichte/images/BilderNeu/DieAusstellung/Sonderausstellungen/BernsteinBlitzundBatterie/BBB_Begleitheft.pdf [21.03.2022]).
Hintergrund ist der »Triboelektrischer Effekt«: Zwischen Fell und Bernstein kommt es zu einer Ladungstrennung: das Fell erhält einen Elektronenüberschuss, der Bernstein einen Unterschuss. Wenn beide Materialien voneinander getrennt werden, ergibt sich in der Folge ein Spannungsgefälle. Da beide Materialien nicht leitend sind, bleibt das Gefälle erhalten, bis es an leitenden Gegenständen zum Spannungsüberschlag kommt, der sich zum Beispiel auch in einem »Elektrisierfunken« äußern kann. Die moderne Physik geht davon aus, dass es nicht die Reibung ist, die den Übergang der Elektronen ermöglicht, sondern nur die intensive Berührung von Festkörpern unterschiedlicher Elektronenaffinität und der nachträglichen Trennung der Materialtrennung. »Triboelektrische Effekte« treten in vielen Alltagsgegenständen auf, sogar in Nahrungsmitteln (https://www.researchgate.net/publication/335180631_All_edible_materials_derived_biocompatible_and_biodegradable_triboelectric_nanogenerator [21.03.2021]).

Seit der Zeit des Thales dienten Katzenfelle immer wieder als Standardmaterial zum Studium elektrostatischer Effekte. Leider mussten viele Katzen dafür ihr Leben lassen – erst in jüngster Zeit wurde ein gleichwertiger Ersatz geschaffen, und die Tötung von Katzen zum Zwecke der Fellgewinnung für physikalische Studien fand glücklicherweise ein gesetzliches Ende (https://www.n-tv.de/wissen/Filz-laedt-besser-als-Katzenfell-article607276.html [21.03.2022]).
Dabei lassen sich Experimente mit Bernstein durchaus auch an lebenden Katzen durchführen. Streichelt man das Fell einer Katze mit einem Stück Bernstein (was sich viele Katzen gerne gefallen lassen) und berührt  anschließend elektrisch leitende Gegenstände, so verspürt man einen deutlichen, zuweilen unangenehmen elektrischen Schlag an der Fingerspitze. An diese Stelle ein Rat: berühren Sie nicht die feuchte Nase ihrer Katze dabei: auch dabei springt der Funke über, was das Versuchstier nicht goutiert und schlimmstenfalls mit schmerzhaften Krallenhieben beantwortet.

Die elektrostatische Aufladung bleibt so lange stabil, bis eines der beiden Pole in Kontakt mit einem guten Leiter kommt. Dann springt der Funke über. Ein besonders guter Leiter ist jenes andere »Elektron«: das silberhaltige Gold.
Auch das lässt sich experimentell gut demonstrieren (Abb. 4a bis 4d). Ein Stück Blattgold steigt dem mittels  Katzenfell aufgeladenen Bernstein aufgrund der elektrostatischen Anziehung mehrere Zentimeter hoch entgegen. Erst wenn es den Ladungsträger berührt, kommt es zum Spannungsüberschlag auf das Metall. Vergolder nutzen übrigens bis heute diesen Effekt, wenn sie das Blattgold mit einem aufgeladenen Haarpinsel (Anschießer) aufnehmen (https://de.wikipedia.org/wiki/Anschie%C3%9Fer [21.03.2022]).
Gut zu sehen hier im Video: https://www.youtube.com/watch?v=kes_E2K32b8, ab Sekunde 0:23 (21.03.2022).

Kommen wir nun zu unserem Befund zurück: wir haben gelernt, dass sich durch Reiben von Bernstein elektrische Spannung erzeugen lässt, und dass diese zum spontanen Abfluss gebracht werden können (Spannungsüberschlag), wenn sie auf einen guten elektrischen Leiter, wie beispielsweise die  Gold-Silber-Legierung »Elektron« übergehen kann. Bekannt (und nicht erst seit Tesla) ist zudem, dass Spannungsschwankungen durch Induktion in einer Anordnung von Metallspuren deutlich verstärkt werden können (https://de.wikipedia.org/wiki/Tesla-Transformator [21.03.2022]).
Man muss keinesfalls irgendwelche antiken Batterie-Konstrukte (»Batterie der Bagdader Goldschmiede«) (https://de.wikipedia.org/wiki/Bagdad-Batterie [21.03.2022]) bemühen, oder sich auch gar auf absurde Spinnereien eines von Däniken begeben, der sogar schon die Existenz altägyptischer Glühbirnen postulierte (https://de.wikipedia.org/wiki/Gl%C3%BChbirnen_von_Dendera [21.03.2022]), um sich eine primitive vorgeschichtliche »Elektronik« vorzustellen.
Die Nutzung elektrischer Phänomene war in vorgeschichtlicher Zeit durchaus üblich und dabei jedoch ziemlich unspektakulär, wie wir bereits an dem geschilderten Beispiel der »elektrischen Kleiderbürste« gesehen haben.
Elektrostatische Alltagsphänomene wurden auch in kultischem Zusammenhang genutzt: sowohl der leisen Funkenüberschlag an elektrostatisch aufgeladenen Gegenständen sowie die Verstärkung des Funkenüberschlages unter Nutzung metallener Spiralröllchen spielte hier eine Rolle.
 

Der oben beschriebene Befund aus Bernstein, Metall- (Elektron)spiralen und Druckknöpfen lässt sich dabei durchaus zu einer Art elektrostatischem »Funkensender«  rekonstruieren, der sicher nicht die Leistung neuzeitlicher »Morsegeräte« erreicht haben dürfte  – aber möglicherweise in kultischem Zusammenhang Verwendung gefunden haben könnte  (»Signale an die Götter«) (Abb. 5).

Freude, schöner Götterfunk

Es bedarf nun wenig Vorstellungskraft, sich die Szenerie in einem abgedunkelten Kultraum vorzustellen, wenn ein Priesterfürst einem »magischen« Elektron-Taster scheinbar »übersinnliche« Kräfte entlockte. Wenn dieser Mann der Tempelkatze mit einer Bernsteinperlenkette über das Fell strich, die solcherart aufgeladenen Perlen auf die Aufnahmeköpfe des Spulentasters legte, den Hebel sanft herunterdrückte und sich sicht- und hörbar, gar in den Fingerspitzen fühlbar – die feinen blauen Funken in die Nacht entluden: die Gewissheit der am Kult Teilnehmenden, die fernen Götter mit dieser Funkenbotschaft in irgendeiner gewissen Weise beeinflussen zu können, wenigstens deren Aufmerksamkeit auf die irdische, bedauernswerte menschliche Kreatur lenken zu können, ist kaum abwegiger als jene bisher in der Vorgeschichtsforschung herbeikonstruierten Modelle, es habe sich bei diesen Spiralröllchen-Befunden mit Bernstein um profane »Kopfbedeckungen« oder gar um den Besatz von »Handtaschen« gehandelt (siehe Fund des Monats August 2012) (Abb. 6 und 7).

Nach wie vor fehlt es der mitteldeutschen Vorgeschichtsforschung der Auseinandersetzung mit Bedeutung von Katzen in der jeweiligen Kultur.
Der Befund verweist zudem noch auf einen weiteren, von der Vorgeschichtsforschung weitgehend vernachlässigten Aspekt. Nicht nur die Verehrung der Sonnenbarke haben die Aunjetitzer aus Ägypten übernommen, sondern auch die geradezu mythische Vergötterung der Hauskatze (siehe Wunderlich 2017: https://www.researchgate.net/publication/319987700_Studien_zur_Verwitterung_von_Baltischem_Bernstein_Succinit [21.03.2022] ; vorallem 243-244, Abbildungen 12a und b) (Abb. 8).


Text: Felix Silvestris
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

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