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Fund des Monats

Juni: Der Einbaum von Magdeburg-Randau

Vor dreieinhalb Jahren gelang es wenig südlich von Magdeburg einen außergewöhnlich gut erhaltenen Einbaum aus der Elbe zur bergen. Zur Konservierung wurde das Wasserfahrzeug umgehend in eine Polyethylenglycol-Lösung gelegt. Nun konnte es aus dem Koservierungsbad entnommen werden und wird momentan weiteren konservatorischen Maßnahmen unterzogen.  

Aufgrund eines extremen Elbniedrigwassers ragte im Sommer 2018 eine Seite des Einbaums am östlichen Flussufer bei Randau wohl erstmals seit Jahrhunderten wenige Zentimeter aus dem Fluss (Abb. 1 und 2). Der Aufmerksamkeit des ehrenamtlichen Beauftragten Ralf Wagner ist es zu verdanken, dass das auf den ersten Blick unscheinbare Holz als Einbaum erkannt wurde. Nach mehrmonatiger Vorbereitung konnte das 6,89 Meter lange fragile Holzobjekt unbeschädigt, in einem Stück geborgen werden. Zunächst war der auf die Seite gekippte und an einem großen Findling verkeilte Einbaum (Abb. 3) unter Wasser fotogrammetrisch erfasst und eingemessen worden. Anschließend wurde er von Tauchern vorsichtig freigespült. Drei Stücke des Einbaums waren im Laufe der Zeit abgefault und lagen neben Hauptteil auf beziehungsweise im Elbgrund. Während von dem westlichen Ende des Fahrzeugs im tieferen Wasser lediglich ein Fragment erhalten war, wurde die östliche Spitze nur wenige Meter vom Ufer entfernt in gutem Zustand angetroffen. Zur Bergung des Bootskörpers war eigens eine über sieben Meter lange Stahlkiste angefertigt worden, in die das Hauptteil des Einbaums mit Hilfe eines Schwimmpontons gehoben wurde (Abb. 4). Anschließend wurde die Kiste mit dem Holzobjekt von einem Bagger vorsichtig aus dem Wasser gezogen und auf einen LKW verladen (Abb. 5).

Der Rumpf des Randauer Wasserfahrzeugs weist einen halbrunden Querschnitt auf (Abb. 6). Im Inneren hatte man vier Rippen im Vollholz belassen. Die regelmäßig angeordneten hölzernen Stege werden zur Aussteifung des Bootskörpers gedient haben. Zumindest die östliche Endpartie des Einbaums war leicht angehoben und lief in einer sorgfältig, halbrund ausgearbeitete Spitze aus (Abb. 7). Ursprünglich wird der Einbaum wohl acht bis neun Meter lang gewesen sein. Gefertigt war er aus dem Stamm einer Eiche, die man um beziehungsweise nach dem Jahr 797 gefällt hatte (dendrologisches Gutachten des Deutschen Archäologischen Instituts, K.-U. Heußner). Interessant sind fünf runde Löcher, die sich in einem erhaltenen Bereich der oberen Bordwand befinden sowie eine senkrechte Aussparung im östlichen Einbaumende.Sie könnten mit von verschiedenen Einbauten stammen oder auch zum Befestigen des Einbaums am Ufer gedient haben. Derartige Bohrungen könnten auch als Hinweise auf eine Verwendung als Schwimmkörper von Fähren gesehen werden. In diesem Fall würde es sich bei dem Randauer Einbaum um einen Teil einer katamaranartige Elbfähre handeln.

Mehrere Auftriebskörper waren bei derartigen Fähren parallel angeordnet und durch aufliegende Hölzer verbunden. Angehobene Einbaumenden erleichterten das Anlanden an flachen Ufer. Fähren mit mehreren Auftriebskörpern zeichnen sich durch Stabilität, hohe Tragfähigkeit und eine große Transportfläche aus, wären aber andererseits auf Fließgewässern nur schwer zu manövrieren gewesen. Ein dem Fund aus Magdeburg-Randau gut vergleichbarer Einbaum wurde bereits 1935 bei Ziesar (Brandenburg) entdeckt. Er ist allerdings gut 200 Jahre jünger als der Neufund aus der Elbe. Der Einbaum aus Randau gehört zusammen mit einem Einbaumfragment, das vor einigen Jahren in Schartau an der Elbe gefunden wurde und einer Radiocarbon-Datierung zufolge in das 8. Jahrhundert gehört, zu den ältesten aus Sachsen-Anhalt bekannten Wasserfahrzeugen.

Besondere Bedeutung kommt dem bei Magdeburg geborgenem Wasserfahrzeug aufgrund seiner karolingischen Zeitstellung zu. Sie korrespondiert mit der Ersterwähnung Magdeburgs im Diedenhofener Kapitular im Jahr 805. Die Verordnung Karl des Großen regelt den Handel mit den Slawen und Awaren an der östlichen Grenze des karolinischen Reichs. Um die Ausfuhr von Waffen zu verhindern, sollten Kaufleute in mehreren namentlich genannten Orten durch Beauftragte des Kaisers kontrolliert werden. Genau jenem Austausch mit den slawischen Gebieten östlich der Elbe wird der Randauer Einbaum bzw. eine Fähre aus mehreren gekoppelten Schwimmkörpern gedient haben.


Text: Susanne Friederich, Sven Thomas, Götz Alper
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

M. Hardt, Die Ersterwähnung Magdeburgs im Diedenhofener Kapitular von 805. Das Diedenhofener Kapitular und die Ostgrenze des Karolingerreiches. In: M. Puhle (Hrsg.), Magdeburg 1200. Mittelalterliche Metropole, preußische Festung, Landeshauptstadt. Die Geschichte der Stadt von 805 bis 2005. Ausstellung des Kulturhistorischen Museums Magdeburg, 8. Mai – 04. September 2005 (Magdeburg 2005) 42-45.

Chr. Hirte, Zur Archäologie monoxyler Wasserfahrzeuge im nördlichen Mitteleuropa. Eine Studie zur Repräsentativität der Quellen in chorologischer, chronologischer und konzeptioneller Hinsicht. Dissertation an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Kiel 1988).

R. Leineweber, Tief im Morast ein Altfund aus dem verlandeten Alten See bei Ziesar. NAU 2016, 2016,  49-55.

R. Leineweber, M. Hellmund, Schiffbar – Archäologische Zeugnisse zur historischen Binnenschifffahrt Sachsen-Anhalts. Jahresschrift für Mitteldeutsche Vorgeschichte 96, 2017, 401-508.

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