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Fund des Monats

Februar: »Tripp, trapp…«, gut beschuht durch morastige Straßen

Ein mittelalterlicher Überschuh aus der Stendaler Altstadt

Bei der archäologischen Begleitung des grundhaften Ausbaus der Mittelstraße im Zentrum der Stendaler Altstadt (Abb. 1) wurde aus einem mittelalterlichen Wegehorizont in gut einem Meter Tiefe ein amorpher Klumpen aus Holz, Metall und Leder geborgen (Abb. 2). Erst in der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes wurde deutlich, dass es sich um die Überreste eines hölzernen Schuhs handelt (Abb. 3a bis c, 4). Er besteht aus einem an der Vorderseite leicht beschädigten, fast brettartigen Korpus aus Pappelholz von circa 22 Zentimeter Länge, acht Zentimeter Breite und einem Zentimeter Dicke – der eigentlichen »Sohle«, welche an der Unterseite mit zwei höckerartigen Erweiterungen von circa zwei Zentimetern Höhe versehen ist.

Diese Absätze waren an ihrer Basis durch hufeisenförmige Eisenbeschläge von circa fünf Zentimeter Durchmesser, die Schuhspitze dagegen durch einen bandförmigen Beschlag geschützt, welcher ebenfalls aus Eisen besteht. Der Spitzenbeschlag ist mit zwei, die hufeisenförmigen Absatzbeschläge sind mit je sechs Nägeln befestigt. Die Seitenkanten der Sohle wiesen ein wohl umlaufendes Blechband aus Messing auf, an denen das Oberleder (Rind), welches die Vorderpartie des Schuhs ausfüllte und mittels eines Riemens mit Eisenschnalle über dem Spann des Trägers verschlossen wurde, befestigt war.

Wie das Oberleder im Zehenbereich genau beschaffen war – ob als durchgehende Zehenkappe, schmal geschlossen oder völlig offen – kann derzeit nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden. Nach der Ausformung der seitlichen Vorfußpartie möchte man trotz leichter Beschädigungen in diesem Bereich einen linken Schuh vermuten.

Diese mittelalterliche Schuhform verdankt ihren Namen »Trippe« dem charakteristischen Geräusch, welches bei der Fortbewegung (kurze, schnelle Schritte) mit ihr entsteht. Tatsächlich handelt es dabei nicht um eigentliche Schuhe, sondern Überschuhe zum Schutz der beschuhten Füße vor Kälte und dem auf mittelalterlichen Straßen wohl allgegenwärtigen Schmutz. Das war bitter nötig, da die zeitgenössischen dünnen ledernen Wendeschuhe keine Laufsohlen aufwiesen und nur geringen Schutz boten. So wurden Trippen vor allem im Außenbereich getragen, allerdings gibt es im Fundkontext und auf zeitgenössischen bildlichen Darstellungen vereinzelt Hinweise darauf, dass einige Trippenformen auch in Innenräumen Verwendung fanden. Die vor allem durch die Absätze bedingten positiven Trageeigenschaften in unebenem und schlammigem Terrain konnten experimentell bestätigt werden.

Trippen sind in weiten Teilen des nördlichen Mitteleuropas, so zum Beispiel in Holland, England, Polen und Norddeutschland (unter anderem Lübeck, Greifswald, Rostock, Lüneburg, Höxter, Nürnberg) gefunden worden, wobei sie fast immer aus Latrinen stammen. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand scheinen sie südlich des Mains nicht vorzukommen. Für Sachsen-Anhalt war bisher nur ein derartiges Objekt belegt, welches 1954 von Ernst Nickel in Magdeburg südlich des Alten Marktes aufgefunden und anschließend publiziert worden war (Nickel 1959).
Unter dem Begriff Trippen – im angelsächsischen Schrifttum »pattens« – werden zahlreiche Schuhformen subsummiert (Abb. 5). Neben flachen absatzlosen und hohen mit Absätzen versehenen Objekten gibt es solche mit und ohne Verlängerung der Spitze; die Sohlen können mehr oder weniger durchgehend oval beziehungsweise abgerundet-rechteckig oder aber mit einer deutlichen Einschnürung versehen sein. Dazu treten nur mit schmalen Riemen versehene »sandalenartige« Exemplare und solche mit (durchgehenden) Spitzen- und Fersenkappe aus Leder, schließlich Schuhe mit Eisenbeschlägen unter den Absätzen und/ oder an der Spitze beziehungsweise auch solche ohne diese. Eine gewisse Unschärfe besteht in der Abgrenzung zu Sandalen und sogenannten »clogs«, ebenso zu ganz aus Leder gefertigten Überschuhen (Ledertrippen); die Mehrzahl der Klassifikationen betont die Materialkomposition aus Holzsohle und Oberleder.

Der Befundkontext, aus dem die Stendaler Trippe geborgen wurde, lässt nur eine grobe zeitliche Einordung in das späte 12. bis 14. Jahrhundert zu. Große Ähnlichkeit zum Stendaler Fund weist die bereits oben erwähnte Trippe aus Magdeburg auf. Sie stammt aus einer Fäkaliengrube mit zahlreichen Keramikfunden, welche nach damaliger Ansprache zeitlich vom 13. bis 14. Jahrhundert streuten. Nachdem Trippen früher wenig differenziert erst in das 15./ 16. Jahrhundert gestellt wurden, geht man heute von einer Entwicklung der Formen zwischen dem 12./13. Jahrhundert bis in das 15./16. Jahrhundert aus, und zwar von den eher abgerundet-rechteckigen Sohlenformen ohne Spitzenverlängerung zu solchen mit deutlicher Einschnürung im Mittelfußbereich und Spitzenverlängerung. Gerade für die zuletzt genannten Formen finden sich zahlreiche bildliche Darstellungen im profanen und sakralen Bereich, v.a. im 15. Jahrhundert (Abb. 6) – hierunter übrigens auch eine auf dem Altar der Stendaler Marienkirche (Abb. 7). Die erstgenannten sind z.B. aus Northeim, Dordrecht (Niederlande), Stargard (Polen), Höxter und Einbeck beschrieben und diesen Formen (Typ Northeim) möchten wir sowohl unseren Neufund aus Stendal als auch den Magdeburger Altfund zuordnen. Inzwischen gibt es Hinweise (zum Beispielaus Einbeck), dass sowohl die Spitzen- als auch Sohlenbeschläge auch bei isolierter Betrachtung diese Einordnung stützen. Aufgrund der Vergleichsdaten kann man den betreffenden Typ in das 12./13. (bis 14.) Jahrhundert einordnen.

Zum Sozialstatus der Träger lassen sich keine eindeutigen Aussagen treffen. Auf bildlichen Quellen sind unterschiedliche soziale Schichten (Nobilität, Klerus, Handwerker) mit diesem Schuhwerk anzutreffen. Eine gewisse Korrelation zu einem höheren sozialen Status scheint es bei den jüngeren Objekten mit ausgezogenen Spitzen zu geben, welche sich aber wohl auf die darunter getragenen, exklusiven Schnabelschuhe bezieht. Auch das Vorkommen von Trippenbestandteilen im höfischen Bereich wurde für den gehobenen Sozialstatus in Anspruch genommen. Haak (Haak 2018) vermutet im Falle von Lübeck, wo aufgrund der großen Anzahl dieser (allerdings zeitlich zu differenzierenden) Objekte eine solche Untersuchung möglich war, eine Häufung von Trippen in Stadtquartieren mit sozial höherstehender Bevölkerung.
Die Größenverteilung deutet bei allen Unsicherheiten in der Bestimmung (Schrumpfung, Größenverhältnisse im Mittelalter) auf viele Träger mit kleinen Füßen, also Frauen und Kinder, hin. Die Stendaler Trippe bewegt sich zwischen den heutigen Größen 37 und 39.
Trippen werden bisweilen, wie auch Schuhe im Allgemeinen als Symbole im Zusammenhang mit Erotik und Fruchtbarkeit in Anspruch genommen (Abb. 8).
Verwandte Formen gibt es in zahlreichen Regionen und zu verschiedenen Zeiten, so unter anderem aus neuzeitlichen Zusammenhängen in Holland, England, im Osmanischen Reich – sogen. Nalins – (Abb. 9), im Maghreb und Syrien sowie in China und Japan. Für den Ursprung der europäischen Formen wurden auch römische sandalenartige Formen (zum Beispiel Velsen, Niederlande) diskutiert. Eine andere These bringt die zunehmende Verbreitung von Trippenformen mit Anregungen aus dem Orient zu Zeiten der Kreuzzüge (1096 bis 1277) in Zusammenhang.

Das, gemessen an anderen mittelalterlichen Gebrauchsgegenständen doch recht seltene Auftreten dieser Fundart im archäologischen Zusammenhang hat verschiedene Ursachen. Die Trippe muss im Ganzen oder in großen Teilen, welche das Gesamtobjekt noch erkennen lassen entsorgt worden sein. Häufig wurden jedoch die für eine sichere Identifikation unerlässlichen Holzteile nach der Abtrennung der Leder- und Metallteile verheizt. Der Fund muss in ein für die Erhaltung günstiges Milieu (feuchte Sedimente unter Luftabschluss) gelangen, aufgefunden und fachgerecht geborgen sowie gegebenenfalls restauriert werden.

Der Stendaler Neufund stellt ein außerordentlich gut erhaltenes Trippen-Exemplar dar und ist überhaupt erst das zweite dokumentierte in Sachsen-Anhalt. Bemerkenswert ist der Fundkontext außerhalb einer Latrine. Interessanterweise konnten bei der Durchsicht des Fundgutes aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Befundes, im gleichen Zusammenhang, Lederreste mit einer Eisenschnalle festgestellt werden, welche zu einer weiteren Trippe gehören, dessen Holzteile sich nicht erhalten hatten beziehungsweise nicht aufgefunden wurden. Sie stammen von einer rechten Trippe. Mit einiger Wahrscheinlichkeit (Machart, Maße) bildet dieser Lederrest zusammen mit dem erstgenannten Objekt ein Paar (Abb. 10).

Für die zahlreichen und sachdienlichen Hinweise, fruchtbare Diskussionen und die Durchführung der Restaurierung und Materialuntersuchungen sei Herrn Heiko Breuer (Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt) herzlich gedankt.


Text: Andreas Neubert
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

O. Goubitz/C. van Driel-Murray/W. Groenman van Waateringe, Stepping Through Time: Archaeological Footwear from Prehistoric Times Until 1800 (Zwolle 2001).

B. Haack, Trippen in Lübeck. Herstellung, Funktion und Mode einer mittelalterlichen Schuhform. In: SCHNEIDER, E. (Hrsg.), Funde aus der Lübecker Altstadt II. Trippen, Leder, Trachtzubehör, Glas und Keramik. (Rahden/Westf. / Leidorf 2018) 9-94.

A. Heege/M. Volken/S. Volken, Gerber und Schuster. In: Andreas Heege (Hrsg.), Einbeck im Mittelalter. Eine archäologisch-historische Spurensuche. (Oldenburg 2002) 294-299.

E. Nickel, Eine mittelalterliche Fäkaliengrube in Magdeburg. PZ 37, 1959, 125-156.

K. Niederhöfer, Mittelalterliche Holztrippen. Überlegungen zur Bedeutung, Chronologie und Typologie. In: Itinera archaeologica. Vom Neolithikum bis in die frühe Neuzeit. Festschrift für Torsten Capelle zum 65. Geburtstag. Internationale Archäologie – Studia honoraria 22. (Rahden/Westf. / Leidorf 2005) 193–206.

M. Volken, Archaeological Footwear: Development of Shoe Patterns and Styles from Prehistory til the 1600's. (Zwolle 2014).

M. Volken/A. Heege/S. Teuber, Einbeck – Petersilienwasser 2. Lederfunde und Schusterwerkzeuge. Studien zur Einbecker Geschichte 19, 2020,143-152.

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