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Fund des Monats

Oktober: 50 Jahre »Junge Archäologen der Altmark«

Auch im Sommer 2022 haben die Jungen Archäologen – im 50. Jahr ihres Bestehens – ein 14tägiges Grabungslager durchgeführt. Seit inzwischen drei Jahren wird eine Siedlungsstelle der Römischen Kaiserzeit in Rockenthin, gelegen in der nordwestlichen Altmark, untersucht (siehe Fund des Monats August 2018). Wie seit 50 Jahren (mit wenigen Ausnahmen) wurde auch in diesem Jahr 14 Tage lang gezeltet und ausgegraben (Abbildung 1 und 2).
Der schönste Fund der diesjährigen Ausgrabung kam in der zweiten Grabungswoche zum Vorschein. Eine aufwändig mit mehrzeiligem Rädchenmuster, Kreisstempeln und plastischen Elementen verzierte weitmundige Schale: die sichtbare Handhabe zeigt deutlich ein markantes Gesicht mit deutlich herausmodellierter Nase, Mund und Stirn (Abbildung 3). Das Gefäßfragment lag in einem zur Hälfte angeschnittenen Grubenhaus (Abbildung 4), das zahlreiche weitere Funde enthielt: Scherben von weiteren verzierten Gefäßen, fast vollständig, jedoch zerbrochene Vorratsgefäße; daneben zahlreiche verbrannte und zersprungene Steine, die auf eine Feuerstelle oder einen Ofen in diesem Grubenhaus hinweisen.
Anhand der Verzierung mit acht-zeiligem Rädchen und der Gefäßform (hoher Hals, lange Schulter) kann die Schüssel in die späte Römische Kaiserzeit (um 300 nach Christus nach mündlicher Mitteilung von Dr. Rosemarie Leineweber) datiert werden (Abbildung 5). Vermutlich wäre dieses Gefäß, wäre es nicht zerbrochen, später als Urne verwendet worden. Abnutzungsspuren am Boden zeigen, dass bis zu 60 Prozent der Grabkeramik vorher als Küchengeschirr verwendet wurde, Frau Dr. Rosemarie Leineweber mitteilte. Plastische anthropomorphe Verzierungen treten gelegentlich an Gefäßen der Römischen Kaiserzeit auf, zum Beispiel auf einer Händchenurne vom Gräberfeld Zethlingen, Altmarkkreis Salzwedel (Abbildung 6). Diesen Gefäßen wird eine magische Bedeutung zugesprochen (Leineweber 1997, 58-59).

Um das 50jährige Jubiläum angemessen zu würdigen, wurde schon Ende letzten Jahres vom Vorstand beschlossen, aufgrund der anhaltenden Corona-Epidemie die Feier vom eigentlichen Jubiläumstermin, den 18. März 2022, in die Mitte der Grabungskampagne in den Sommer zu verlegen. Das Fest fand dann auch am 13. August 2022 in einem großen Festzelt am Ort der Ausgrabung statt; eingeladen waren neben den 103 Mitgliedern auch die Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, Förderinnen und Förderer, Familien, Freundinnen und Freunde (Abbildung 7).
Gegründet wurde die Schülerarbeitsgemeinschaft »Junge Historiker« am 18. März 1972, dem 189. Geburtstag von Johann Friedrich Danneil, an der (heute nicht mehr existierenden) Oberschule Stöckheim durch den damaligen Geschichtslehrer Hartmut Bock und einigen Schüler und Schülerinnen  der 6. bis 9. Klassen, in Absprache mit Peter Fischer vom Danneil-Museum Salzwedel und Dr. Johannes Schneider vom Landesmuseum Halle (Abbildung 8). Seit 1978 bestand eine enge Zusammenarbeit mit den »Jungen Historikern« der Schule in Kleinau, die ebenfalls als Schülerarbeitsgemeinschaft 1968 von Otto Mewes, Lehrer an der dortigen Schule, gegründet wurde (Abbildung 9). 1991, fast 20 Jahre später, schlossen sich beide AGs zu dem Verein »Junge Archäologen der Altmark e.V.« zusammen. Wichtige Aufgaben der Schüler-Arbeitsgemeinschaften beziehungsweise später des Vereins waren Pflege- und Instandsetzungsarbeiten an obertägigen Bodendenkmalen, darunter die für die westliche Altmark so charakteristischen Großsteingräbern, Flurbegehungen, um mit Hilfe der ausgepflügten Oberflächenfunde prähistorische und mittelalterliche Fundstellen zu lokalisieren, und  die Durchführung von Ausgrabungen in den Sommerferien unter Anleitung des Landesmuseums, zu Beginn insbesondere durch Dr. J. Schneider in der westlichen und H. Stahlhofen in der östlichen Altmark, später durch seine Nachfolger/innen Dr. Thomas Weber, Dr. Rosemarie Leineweber, Dr. Barbara Fritsch und anderen Mitarbeitern des Landesmuseums.

Zudem betreuten die Vereinsmitglieder die in der DDR nicht immer in Abstimmung mit der Bodendenkmalpflege angelegten Bodenaufschlüsse, darunter zum Beispiel die Schachtungen der zahlreichen Leitungstrassen, mit denen das altmärkische Erdgas in den Süden Mitteldeutschlands transportiert wurde. Viele neu entdeckte Fundstellen zeugen von dieser die Bauvorhaben begleitenden Tätigkeit – in einer Zeit, in der es für die hauptamtliche Bodendenkmalpflege noch keine Handhabe gab, solche Bau begleitenden Dokumentationen abzusichern. Diese Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsgemeinschaft und dem damaligen Landesmuseum in Halle bewährte sich im Alltag vor allem aber auch anlässlich der sommerlichen Grabungen, die, alljährlich in Form von »Spezialistenlagern« durchgeführt, jeweils gefährdeten Fundplätzen galten. Zu Beginn waren das vor allem Notbergungen von durch Kiesabbau bedrohten Fundplätzen (zum Beispiel Hilmsen – eisenzeitlichen Brandgräberfeld 1972 und 1975; Tangeln – frühmittelalterliches Gräberfeld, Vitzke – frühmittelalterliche Siedlung 2001-2002, Dahrendorf – römisch-kaiserzeitiches Brandgräberfeld 2003), aber auch auf dem Standort des geplanten Atomkraftwerks in Niedergörne (slawische Siedlung, 1974). Ab 1978 folgten dann mehrjährige Ausgrabungen zunächst in Wallstawe-Tychow von 1978 bis 1985 (neolithische Einzelfunde, früheisenzeitliche Urnengräber, römisch-kaiserzeitliche Hausgrundrisse, frühmittelalterliche Siedlungsbefunde und hoch- bis spätmittelalterliche Gräber), in Osterwohle zwischen 1987 und 1995 (frühmittelalterliches Gräberfeld mit 302 Gräbern), in Maxdorf von 1996 bis 2000 (Untersuchung des eines Hausplatzes von einem nach Diesdorf umgesetzten Wohnstallhaus in Maxdorf mit eisenzeitlichen, mittelalterlichen und neuzeitlichen Befunden), in Hohendolsleben von 2004 bis 2013 (frühmittelalterliches Dorf mit weiteren Siedlungsbefunden der Eisenzeit, Römischen Kaiserzeit, Völkerwanderungszeit und des hohen/späten Mittelalters), in Kläden von 2014 bis 2017 (slawische Siedlung) und seit 2018 in Rockenthin. Die vollständige Liste der Grabungskampagnen ist auf der Website der Jungen Archäologen (Link) nachzulesen.
Aber nicht nur bei gutem Wetter wurde gegraben; immer wieder mussten Notbergungen auch im Herbst oder Winter durchgeführt werden. Zuletzt erfolgte die Untersuchung eines eisenzeitlichen Gräberfeldes bei Arendsee (Oktober 2019, 2020 und 2021).
Zur Zeit ihrer Gründung war die damalige Arbeitsgemeinschaft nichts Exotisches: Anfang der 1980er Jahre existierten im damaligen DDR-Bezirk Magdeburg circa 20 derartiger Gruppen mit mehr als 200 Mitgliedern. Alle zwei Jahre fanden zentrale Tagungen statt, bei denen die jungen Leute als Nachwuchs für die ehrenamtliche Bodendenkmalpflege herangebildet wurden (Abb. 10). Wenige Arbeitsgemeinschafts-Mitglieder fanden den Weg in eine hauptamtliche Tätigkeit, darunter Maximilian Mewes, Enkelsohn des Leiters der Schüler-AG Kleinau, Otto Mewes, und heute ehrenamtlicher Leiter der Ausgrabungen in Rockenthin.
Mit der politischen Wende und den einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen – Schließung von Trägerinstitutionen – verschwanden die meisten dieser Gruppen. Es ist der Initiative von Hartmut Bock und Otto Mewes zu verdanken, dass sich diese beiden Arbeitsgemeinschaften zusammenschlossen und seit 1991 als eingetragener Verein »Junge Archäologen der Altmark e.V.«erfolgreich weiterarbeiten.

Neue Arbeitsfelder ergaben sich bei der Kooperation mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, deren Institut für Ur- und Frühgeschichte gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zwischen 2007 und 2010 Forschungsgrabungen an den lange Zeit vernachlässigten altmärkischen Großsteingräbern durchführte. Nicht zuletzt auf Initiative von Hartmut Bock wurden diese Untersuchungen nach annähernd 70jähriger Pause unter tatkräftiger Beteiligung der Jungen Archäologen wieder aufgenommen. Ein weiteres Ergebnis der Kooperation ist der 2011 gemeinsam angelegte archäologisch-historische Wanderweg in Lüdelsen (Abb. 11).
Die Arbeit von Hartmut Bock und seiner Gruppe schlug sich auch in zahlreichen Publikationen nieder. Einen aktuellen Überblick vermittelt das vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt herausgegebene Kleine Heft »Hartmut Bock: 40 Jahre Ausgrabungen der Jungen Archäologen der Altmark. Kleine Hefte zur Archäologie in Sachsen-Anhalt 9 (Halle 2012)«. Gewürdigt wurde die Arbeit Jungen Archäologen mehrfach durch hohe Auszeichnungen: 1995 erhielten sie den Denkmalpreis des Landes Sachsen-Anhalt (Abb. 12, Abb. 13), 2002 den Deutschen Archäologiepreis der Deutschen Gesellschaft für Ur- du Frühgeschichte (Abb. 14)

Auch nach 50 Jahren ist der Verein aktiv und die Kontinuität der ehrenamtlichen Arbeit ungebrochen.  Die jährlichen, vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt auch finanziell unterstützten Grabungen werden nach den technischen und wissenschaftlichen Standards des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt durchgeführt. Wöchentliche Treffen dienen der Aufarbeitung der Funde und Befunde, die anschließend in das Depot des Landamtes für Archäologie und Denkmalpflege Sachsen-Anhalt überführt werden beziehungsweise deren Ergebnisse in populärer und in wissenschaftlicher Form publiziert werden. Eine Weiterbildung der Vereinsmitglieder findet bei Exkursionen und Tagungsteilnahmen statt.

Darüber hinaus erfolgt über die ehrenamtliche Arbeit ein Transfer von archäologischen und bodendenkmalpflegerischen Themen in die Gesellschaft: Auch wenn es immer schwieriger wird, Kinder und Jugendliche für eine kontinuierliche Mitarbeit zu begeistern – Jugendarbeit spielt nach wie vor eine große Rolle. Eine intensive Öffentlichkeitsarbeit erfolgt durch Vorträge und zahlreiche Zeitungsartikel, durch Führungen auf Ausgrabungen (Abb. 15) oder an archäologischen Denkmalen. Kennzeichnend ist zudem die enge Zusammenarbeit mit der hauptamtlichen Bodendenkmalpflege, früher dem Landesmuseum für Vorgeschichte, heute dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA Sachsen-Anhalt). Auch die Kontrolle von Baumaßnahmen und Durchführung von Rettungsgrabungen basieren auf enger Kooperation von Verein und Landesamt. Jüngstes Beispiel ist die Notbergung eines eisenzeitlichen Friedhofs in der nördlichen Altmark, der – bislang unbekannt – im Bereich eines tief ausgefahrenen Waldweges zutage kam und in mehreren Kampagnen untersucht werden konnte.
Über 50 Jahre nach der Gründung, und trotz zunehmender Digitalisierung der persönlichen Umwelt, gilt nach wie vor die Einschätzung Heiko Meyers, der 1978 als Schüler Mitglied der Schülerarbeitsgemeinschaft wurde und heute als Kassenwart für die Finanzen des Vereins zuständig ist: »Es ist viel persönlicher Einsatz und auch viel Zeit vonnöten, aber es macht Spaß und es ist eine lohnenswerte Aufgabe. Es ist gelungen, Kinder und Jugendliche für die Archäologie zu begeistern und eine langfristig erfolgreich arbeitende Institution in der Altmark auf dem Gebiet der ehrenamtlichen Bodendenkmalpflege aufzubauen.« (Meyer 2002, 43)
 

Text: Barbara Fritsch, Junge Archäologen der Altmark e.V.
Online-Redaktion: Anja Lochner-Rechta

 

Literatur

H. Bock, 40 Jahre Ausgrabungen der Jungen Archäologen der Altmark. Kleine Hefte zur Archäologie in Sachsen-Anhalt 9 (Halle 2012).

H. Bock, Aus der Geschichte des Vereins »Junge Archäologen der Altmark e.V.«. Arch. Ber. Sachsen-Anhalt 1995 IV, 1998, 65-86.

D. Demnick/B. Fritsch, Beschilderung der Großsteingräber in Lüdelsen. Mitgliederzeitschrift des Vereins zur Förderung des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) e.V. Museumsjournal 2010, 26-29.

B. Fritsch/D. Demnick/H. Bock/S. Diers, Wandern zwischen Hünengräbern – Der neue archäologisch-historische Wanderweg in Lüdelsen. Fund des Monats Mai 2011.

B. Fritsch/R. Leineweber, ... und noch eine Schachbrettemailfibel. Ein Siedlungsfund aus der Altmark bei Rockenthin. Fund des Monats August 2018.

R. Leineweber, Die Altmark in spätrömischer Zeit. Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie – Landesmuseum für Vorgeschichte – Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) 1997.

R. Leineweber, Archäologie – jung geblieben. Zum 30-jährigen Jubiläum des Vereins »Junge Archäologen der Altmark e.V.«, Archäologie in Sachsen-Anhalt N.F. 1/2002, 67-70.

H. Meyer, Schüler werden zu Ausgräbern. Aus dem Vereinsleben der Jungen Archäologen der Altmark e.V. In: Hartmut Bock (Hrsg.), Hünengräber – Siedlungen – Gräberfelder. Archäologie in der Altmark 1. (Oschersleben 2002) 36-43.

Homepage der Jungen Archäologen der Altmark: www.jungearchaeologen.de

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